90 Jahre „Blutwurst-Kolonie“

Wanheimerort..  In der Dickelsbachsiedlung lässt es sich gut wohnen – sie ist nach wie vor eine beliebte Wohngegend. Der Spatenstich für die historische Siedlung in Wanheimerort liegt 90 Jahre zurück. Grund genug, um mit dem Heimatforscher Joachim Schneider zu den Siedlungs-Anfängen zurückzureisen.

1926 begann nämlich der Bau von 363 Reihenhäusern an dem berühmten Flüsschen, das bis Hochfeld fließt und dann in den Rhein mündet. Geplant wurde die denkmalgeschützte Typenhaus-Siedlung allerdings schon 1925. Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte vielerorts Wohnungsmangel, so auch in Duisburg.

Laut Denkmalakten stimmte jede Partei einheitlich für den Bau von drei Großsiedlungen: die Diergardt-Siedlung in Neuenkamp, die Ratingsee-Siedlung in Obermeiderich und eben – die Dickelsbach-Siedlung. Der Stadtrat stellte für die Sozialbauten in Wanheimerort drei Millionen Mark zur Verfügung und hatte genaue Vorstellungen von dem Aufbau der Häuser: „Die Einfamilien-Reihenhäuser waren für kinderreiche Arbeiterfamilien vorgesehen“, so Schneider „und sollten nicht mehr als 5000 Reichsmark kosten.“ Jede Wohnung sollte wenigstens drei Schlafzimmer, eine Wohnküche mit Kochnische sowie Spülraum, eine Toilette und drei Kellerräume haben. In den Zimmern im Untergeschoss sollten Waschküche, Bad und Kohlenkeller für die Bewohner installiert werden. Außerdem hatte jede Wohnung ein Stück Grün hinterm Haus.

Harald Molder von der Zeitzeugenbörse erinnert sich noch gut an die Besuche bei den Großeltern in der „Blutwurst-Kolonie“, die man im Volksmund aufgrund der roten Backsteine und des guten Verdienst der Arbeiter, die noch Geld für Blutwurst hatten, nannte: „Im Garten gab’s bei Oma immer lecker Pflaumenkuchen. Wir sind mit der Linie 8 immer von Hüttenheim dahin gefahren“, so Molder. Im Bach haben er und seine Spielkameraden in den 60ern Molche und Stichlinge gefangen. „Aber nachdem wir sie in unseren Einmachgläsern den Eltern gezeigt haben, mussten wir sie wieder in den Bach schütten“, erinnert sich Molder. Für ihn sei es damals eine absolute Muster- und Vorzeigesiedlung gewesen. „Durchstrukturiert und sauber.“

Außen alt, innen neu

Die Entwürfe zu den identisch aussehenden Häusern lieferten übrigens die Architekten Heinrich Bähr und Hermann Bräuhäuser – innerhalb von 14 Tagen überzeugten sie den Duisburger Stadtrat von dem Bau-Großprojekt. Der Rat hatte einen Wettbewerb für lokale Architekturbüros für die beste Idee ausgeschrieben. Das Preisgericht urteilte 1925: „Das vorgelegte Projekt für die Wohnkolonie am Dickelsbach stellt gegenüber den fünf anderen eingereichten Projekten eine überragende Leistung dar.“ So entstanden in den kommenden zwei Jahren bis 1927 363 der zweigeschossigen, verklinkerten Einfamilienhäuser – die 4,30 Meter breit und immerhin 7,85 Meter tief sind. Typisch für die bis zu 146 Meter langen Wohnzeilen sind die kleinen Fenster an der Front und der rote Backstein. Durch Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg sind heute nur noch 324 Unterkünfte erhalten.

Zur Ausstattung der Siedlung gehörten ursprünglich Kinderspielplätze, ein Bolzplatz, Ladenlokale und eine Bäckerei. Das freistehende Gebäude an der Düsseldorfer Straße, die „alte“ Polizeiwache, war für soziale Zwecke bestimmt: Der Trakt enthielt einen Aufenthaltsraum für Arbeitslose und eine Arztpraxis, aber auch die Wohnungsverwaltung war dort beheimatet. Ebenfalls wichtig für die Siedlung war die 1929 eingeweihte Volksschule – heute besser bekannt als Karl-Lehr-Realschule.

Die traditionsreichen Bauten haben zwar noch ihren Charme von damals, „aber die mehr als 300 Objekte der Gebag sind größtenteils modernisiert. Auch die Mieter selbst haben in Eigenleistung renoviert. Die Nachfrage nach den kleinen Häuschen ist nach wie vor ungebrochen“, teilt die Baugesellschaft mit. Dem stimmt Torsten Steinke, selbst Dickelsbach-Bewohner, Torsten Steinke, zu: „Mit den hellen Küchen zur Straßenseite, den vergrößerten Wohn- und Badezimmern und den energiesparenden Heizanlagen bietet die Dickelsbach-Siedlung den Duisburgern wieder ein attraktives, kostengünstiges Angebot an öffentlich gefördertem Wohnraum.“

Da sich der Bau der Siedlung bis 1927 gezogen hat, feiern die Dickelsbach-Siedler erst im nächsten Jahr und stoßen wohl auf ihre einzigartigen Reihenhäuser an.

 
 

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