„Wir haben keine Angst vor dem Tod“

Erzpriester Boulos Shehata in seiner koptisch-orthodoxen Kirche St. Marien am Pöhlenweg in Düsseldorf-Grafenberg.
Erzpriester Boulos Shehata in seiner koptisch-orthodoxen Kirche St. Marien am Pöhlenweg in Düsseldorf-Grafenberg.
Foto: WAZ Foto Pool
Nach der brutalen Ermorderung von 21 Kopten in Libyen äußert sich Boulos Shehata, Erzpriester der koptischen Gemeinde in Düsseldorf, im Internet. Er ruft für Sonntag zu einem Trauergebet in der Landeshauptstadt ein.

Düsseldorf..  Vermummte Männer in Schwarz führen Männer in orangen Overalls über einen felsigen Strand, zwingen sie, zu knien. 21 Männern wird vor laufender Kamera der Kopf abgeschnitten. „Eine Nachricht an die Nation des Kreuzes“ heißt das Video, dass die neuesten Gräueltat des Islamischen Staates zeigt. Die Opfer waren koptische Christen, die als Gastarbeiter in Libyen entführt wurden. Ihr Heimatland Ägypten reagierte mit Luftschlägen.

Auch in Düsseldorf trauern die Menschen um die Toten. Boulos Shehata, Erzpriester der koptischen Gemeinde in Gerresheim, hat am Sonntag zu einem Trauergebet geladen. Das findet in der St. Marien Kirche, Pöhlenweg 52, um 16 Uhr statt. Im Gespräch mit der NRZ redet der Geistliche vom Märtyrertod, zweifelhaften Koran-Auslegungen und der Gewissheit, dass Tätern und Opfern Gerechtigkeit widerfahren wird.

NRZ: Wie haben Sie von den Morden erfahren, und wie haben Sie reagiert?

Boulos Shehata: Ich habe leider erst über die Medien von den Taten erfahren. Ich habe die Nachrichten mit Trauer aufgenommen. Es hatte im Vorfeld Versuche gegeben, die Geiseln frei zu bekommen, aber es gab nie eine Lösegeldforderung, und das Video der Hinrichtung hat uns dann sehr überrascht.

Selbst nach den radikalsten Auslegungen des Koran droht Christen nicht der Tod für ihren Glauben. Was sind das für Menschen, die so etwas tun?

Was auch immer der Koran sagt, diese Menschen sind Muslime und tun es im Namen des Islam. Es ist nicht unsere Aufgabe, über die Auslegung des Koran zu urteilen, dass müssen die muslimischen Gelehrten leisten. Es liegt bei ihnen, klarzustellen, dass der Koran das Morden von Christen nicht lehrt. Das passiert im so genannten Islamischen Staat nicht, und daher bekommen die Täter die Legitimation ihrer Taten. In dem Video nehmen die Kämpfer des IS den Koran als Begründung, dass sie diese Gewalt auch nach Europa tragen wollen und so die christlichen Länder unter die Kontrolle des Islam bringen.

Angesichts dieser Drohungen: Hat die koptische Gemeinde hier in Düsseldorf Angst?

Koptische Christen haben weder Angst vor dem Tod noch vor einem Martyrium. Schon die Bibel sagt und, dass uns Verfolgung droht. Wir nehmen es sogar mit Freunde auf, als Märtyrer für unseren Glauben zu sterben, ohne Anderen zu schaden. Wir wissen, dass Gott uns beschützt und wenn es so weit ist, dass wir für unseren Glauben sterben müssen, dann tun wir das.

Wie werden Sie versuchen, beim Trauergebet am Sonntag ihrer Gemeinde Trost zu spenden?

Ich will der Trauergemeinde den Anstoß geben, dass wir wissen, was uns blüht: Christus wahr ehrlich: Er hat gesagt, dass uns Leid und Verfolgung droht, wenn wir an ihn glauben. Ich werde ihnen auch sagen, dass Leid und Tod im Namen von Christus ein Segen ist. Gleichzeitig werde ich auch sagen, dass wir uns dem Terrorismus mutig entgegenstellen müssen. Wir müssen uns ohne Furcht verurteilen, ergründen, warum solche Dinge geschehen, und verhindern, dass so etwas weiterhin geschieht. Denn die Gefahr droht nicht nur in Libyen, sondern auch in der ganzen Welt. Es ist keine Gerechtigkeit, dem Weinenden zu sagen: „Hör auf zu weinen!“, dem Schlagenden aber nicht sagen: „Hör auf zu schlagen!“.

Sie sagen, man müsse sich dem Terror entgegenstellen. Das ägyptische Militär hat als Antwort auf die Morde Luftangriffe gegen IS-Stellungen in Libyen geflogen. Ist das der richtige Weg?

Hier muss man ganz klar Politik und Religion trennen. Das, was Ägypten getan hat, war ein Vergeltungsschlag und ein Beginn der Gegenwehr gegen die Gefahr, die an den Grenzen steht, eine Verteidigung des eigenen Landes und der eigenen Bürger. Als Christ muss man ganz klar sehen, dass so ein Gegenschlag kein Akt der Rache ist, sondern eine politische Aktion, die in der Zukunft etwas bewirken soll.

Angenommen, sie könnten mit den Angehörigen der Ermordeten sprechen, das würden Sie ihnen sagen?

Zum einen würde ich sie beglückwünschen, dass sie jetzt Märtyrer in der Familie haben, Männer, die für ihren Glauben gestorben sind, und jetzt im Himmel für sie einstehen können. Zum anderen würde ich ihnen sagen, dass diess das Schicksal der Christen ist, seit es unseren Glauben gibt.

Was würden sie den Kämpfern des Islamischen Staates sagen, die das getan haben?

Ich würde ihnen sagen: Wenn sie schon kein Gewissen und kein Herz haben, dass es ihnen verbietet, solche abscheulichen Grausamkeiten gegen die Menschlichkeit zu verüben, dann sollen sie sich wohl bewusst sein, dass der Tag kommen wird, an dem sie sich für ihre Verbrechen verantworten müssen. Die Strafe wird kommen, wenn nicht auf Erden, so an dem Tag, wenn sie vor Gott stehen.

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