Von der Offenheit hinter der Sicherheitsschleuse

Sobald man von der Synagoge an der Zeitenstraße ein Foto machen will oder sie sich näher ansieht, spricht einen ein freundlicher Polizist an und fragt nach dem Personalausweis. Das Polizeiauto steht nicht nur heute da, sondern immer. Auch in das Gemeindehaus kommt man nur durch eine Sicherheitsschleuse. Trotzdem will die jüdische Gemeinde für jeden offen sein – ein schwieriger Spagat.

„Das jüdische Leben ist hier außerordentlich aktiv und vielfältig“, sagt Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde, „es gibt hier vor allem viel Kultur, zum Beispiel das jüdische Filmfestival.“ Dennoch habe der Polizeischutz durchaus seinen Sinn: „Es gibt auf jeden Fall eine große Bedrohung“, so Szentei-Heise, „eher weniger von Rechtsradikalen als vielmehr von Islamisten. Jüdische Institutionen in der ganzen Welt sind schon Ziel von Anschlägen geworden. Trotzdem fühlen wir uns sicher. Es wäre schön, wenn ich in Rente ginge und sagen könnte: Gut, dass es den Schutz gab, aber wir haben ihn nicht gebraucht.“

Gemütlich wippt Szentei-Heise in seinem Stuhl. „Unsere Gemeinde hat 7200 Mitglieder. Damit sind wir nach Berlin und München die drittgrößte jüdische Gemeinde in Deutschland“, sagt er. „Ein großer Schub kam nach 1990, als viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind. Sie machen heute einen Großteil der Mitglieder aus.“ Die Integration habe gut funktioniert, sagt er. Und in der Gemeinde gibt es mehr Geburten als Sterbefälle.

Das Gemeindezentrum ist mit hellem Holz vertäfelt und schmiegt sich an die neue Synagoge an, die 1958 gebaut wurde. Sie ersetzte die Synagoge an der Kasernenstraße von 1904, die in der Reichspogromnacht 1938 verwüstet, in Brand gesteckt und später abgerissen wurde. An ihrer Stelle steht heute ein Gedenkstein.

Auch die Gemeinde entstand nach dem Zweiten Weltkrieg vollkommen neu: Zum jüdischen Neujahrsfest 1945 waren nur 50 Personen anwesend, 1932 waren es noch 5500 Gemeindemitglieder gewesen.

95 Prozent der Familie deportiert

Das Gesicht von Michael Szentei-Heise wird nachdenklich. Er ist aus der sogenannten „Zweiten Generation“: Seine Mutter hat Auschwitz überlebt, sein Vater war Nicht-Jude. „Als ich mit der Schwester meiner Mutter einmal unsere Familiengeschichte rekonstruiert habe, musste ich feststellen, dass 95 Prozent ihrer Familie deportiert wurden. Ich habe mütterlicherseits überhaupt keine Verwandten mehr.“

Bei der nächsten Generation sei das anders: „Mein Sohn kennt den Holocaust nur aus der Schule, der fühlt sich gar nicht mehr so persönlich betroffen wie ich“, so Szentei-Heise. Er sieht das als Chance: „In der Täter- und Opfergeneration ist Normalität komplett unmöglich. Wir haben zum Beispiel immer noch eine Selbsthilfegruppe für Holocaust-Überlebende. Aber in der neuen Generation wird es möglich sein, das Verhältnis von Juden und Nicht-Juden in Deutschland wieder zu normalisieren.“

Ihm sei es auch wichtig, die jüdische Gemeinde nach außen zu tragen, so Szentei-Heise: „Wir feiern den I-love-Israel-Tag auf dem Heine-Platz, der jedes Jahr in der Nähe des israelischen Nationaltags stattfindet. Zusätzlich vergeben wir die Josef-Neuberger-Medaille an Nicht-Juden, die sich für den Dialog zwischen den Kulturen und Religionen einsetzen. Die Leute wollen aber auch kommen: Ich habe unglaublich viele Anfragen für Synagogenführungen.“

Die Gemeinde unterhält eine Kindertagesstätte und eine Grundschule. Die seien aber kein Hindernis für eine offene Gemeinde, so Szentei-Heise. Sie erfüllen einen anderen Zweck: „Im Judentum werden Traditionen normalerweise in der Familie weitergegeben. Durch den Holocaust fehlen uns aber eineinhalb Generationen, die diese Traditionen weitergeben könnten. Also müssen die Kinder ihre jüdische Identität in Kindergarten und Grundschule lernen. Trotzdem sorgen wir immer dafür, dass sie auch mit Nicht-Juden in Berührung kommen.“

In der Synagoge ist gerade Religionsunterricht. Vor dem Rabbi sitzen viele kleine Grundschulkinder in den Reihen, die Jungen tragen alle die Kippa. Eine neue Generation der Juden in Deutschland ist da.

 
 

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