Verzweiflung als Auslöser für tödlichen Rachefeldzug gegen Anwaltskanzleien

Michael Mücke und Katharina Rüth
Drei Menschen starben bei dem mutmaßlichen Rachefeldzug gegen zwei Anwaltskanzleien.
Drei Menschen starben bei dem mutmaßlichen Rachefeldzug gegen zwei Anwaltskanzleien.
Foto: Lars Heidrich
Der mutmaßliche Anwaltsmörder von Düsseldorf und Erkrath steckte in massiven finanziellen Schwierigkeiten. Er habe die Summen für Geldstrafe, Schmerzensgeld, Gerichts- und Anwaltskosten nicht mehr aufbringen können und sei deshalb verzweifelt gewesen. Am Freitag hatte er ein Blutbad angerichtet.

Düsseldorf. Der 48-jährige chinesische Koch Yanquing T., der am vergangenen Freitag in zwei Anwaltskanzleien in Düsseldorf und Erkrath drei Menschen getötet hatte, stand vor dem finanziellen Aus. Das könnte ein möglicher Auslöser für seinen Rachefeldzug gewesen sein. „Es war eine Verzweiflungstat“, glaubt Staatsanwalt Christoph Kumpa.

Der Täter habe nicht gewusst, wie er die Mittel für das Schmerzensgeld, die Prozesskosten und für eine Geldstrafe aufbringen sollte. Seine Anwälte rieten ihn von Berufungsverfahren ab - er fühlte sich schlecht beraten.

Rechtsanwalt starb an Messerstichen

Es begann mit einer Ohrfeige. Yanquing T hatte im Jahre 2011 seine frühere Chefin, die Betreiberin einer Pizzeria in Goch, geohrfeigt und wurde deshalb verurteilt, Schmerzensgeld zu zahlen. Das Anwaltsbüro Lauppe-Assmann vertrat ihn. In diese Kanzlei drang der Täter am Freitag ein, erstach eine 54-jährige Anwältin und verletzte einen 51-jährigen Rechtsanwalt tödlich - er starb an den Messerstichen, so das erste Ergebnis der Obduktion. In Erkrath tötete Yanquing T. kurz nach der ersten Bluttat eine Rechtsanwaltsgehilfin - und zwar in der Kanzlei, die seine Forderung abgelehnt hatte, gegen die Düsseldorfer Kollegen vorzugehen.

An diesem Freitag bangte die Polizei auch um Leib und Leben eines Düsseldorfer Richters, der im vergangenen Jahr den 48-Jährigen zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt hatte - und zwar deshalb, weil Yanquing T. einmal einen Kollegen mit der Flasche attackiert hatte und in einem zweiten Fall seinen Nachbarn, der sich über Lärm beschwert hatte, im Wohnhaus an der Derfflinger Straße in Rath mit einer Gartenhacke angegriffen hatte.

Gerichtsgebäude unter Schutz gestellt

Die Polizei bat den Richter, das unter Schutz gestellte Gerichtsgebäude erstmal nicht zu verlassen und seine Familienangehörigen zu benachrichtigen. Darauf wurden weitere Vorkehrungen für die Sicherheit des Richters getroffen.

Doch der Täter war, wie berichtet, bereits nach Goch unterwegs, wo er seine Ex-Chefin umbringen wollte, aber davon abgehalten und überwältigt werden konnte.

Frau des Täters hatte nichts geahnt 

Seine Taten gestand er noch. Aber seitdem schweigt der Mann und sitzt in der Justizvollzugsanstalt Düsseldorf. Er hat inzwischen einen Rechtsbeistand. Der Name des Anwaltes oder der Anwältin wird zunächst nicht genannt. „Darauf hatten wir uns verständigt“, sagte Staatsanwalt Christoph Kumpa.

Die Ermittlungen gehen weiter. Zahllose Spuren müssen noch ausgewertet werden. Die Frau des Täters hatte nichts geahnt - auch nicht kurz vor seinen tödlichen Attacken. „Er hatte den Morgen wie immer mit ihr verbracht, so der Staatsanwalt. Yanquing T. hätte sich in der Vergangenheit zwar mehrmals „erbost“ und „wütend“ über seine Anwälte geäußert, aber er hatte nichts davon gesagt, sich rächen zu wollen. Auch von den Pistolen und Messern wusste seine Frau nichts. Als er die Wohnung verließ, wirkte er völlig ruhig. Kurz darauf begann er zu töten.

Kanzlei-Chef war auf Reisen

Martin Lauppe-Assmann, Chef der Kanzlei in Düsseldorf, war zum Zeitpunkt des Attentats auf Reisen. Sofort kehrte er nach Düsseldorf zurück und muss nun mit den Folgen fertig werden. Seine erste Aussage ist: „Ich mache weiter. Weil ich mein Leben nicht von einem Verbrecher bestimmen lasse.“

Aber der Verlust der zwei Kollegen trifft ihn hart: „Mein Büro, das war meine Familie.“ Dieser Täter habe „einfach Menschen ermordet, die ihm in den Weg kamen“.

[kein Linktext vorhanden]Der Täter hatte das Büro in Brand gesetzt und komplett zerstört: „Es ist alles weg, es ist schrecklich!“, so Lauppe-Assmann. Er müsse Computer und andere Bürogeräte für 50 000 bis 100 000 Euro neu kaufen. Die Akten sind entweder verbrannt, verrußt oder durch Wasser zerstört. Derzeit findet Martin Lauppe-Assmann, der damit wirbt, 24 Stunden erreichbar zu sein, täglich einen neuen Platz zum Arbeiten, nutzt einen Schreibtisch in einem Geschäft, empfängt Mandanten in der Kneipe. „Ich bin ein vagabundierender Anwalt.“

An eine Arbeitspause hat er nicht gedacht: „Ich habe noch nie nicht gearbeitet.“ Und auch ohne Computer kommt er vorläufig zurecht: „Meine Klagen schreibe ich derzeit mit der Hand.“