Verein hilft Wachkoma-Patienten und Angehörigen

Wachkoma Patient Michael Breer (42) befindet sich seit 2001 im Wachkoma. Mutter Marita (61) kümmert sich zuhause um ihren Sohn - in einem extra umgebauten Raum. (Foto: Lars Heidrich)
Wachkoma Patient Michael Breer (42) befindet sich seit 2001 im Wachkoma. Mutter Marita (61) kümmert sich zuhause um ihren Sohn - in einem extra umgebauten Raum. (Foto: Lars Heidrich)

Hilden. Einen Menschen zu pflegen, der im Wachkoma liegt, ist eine riesengroße Herausforderung. Das mussten auch Wilfried und Marita Breer aus Hilden erfahren. Sie gründeten den Verein zur Unterstützung von Wachkoma-Patienten.

Von jetzt auf gleich. Vorbereitung: keine. Wenn ein Mensch ins Wachkoma fällt, ändert sich das Leben der Familie radikal und ohne Vorwarnung. Auch Wilfried und Marita Breer hatten keine Zeit, sich auf die Situation einzustellen. Im August 2001 verließ ihr 33-jähriger Sohn Michael um halb 10 die Arbeit, eine Stunde später kam der Anruf, dass er umgefallen sei. Nach Hause kam der Hildener als Wachkoma-Patient.

Was hat sich verändert? „Alles“, bringt Breer es auf den Punkt. Er eilt zu seinem Sohn, dessen Kopf mit einem Röcheln nach vorn gekippt ist. Routiniert schiebt er die Stirn hoch, dass sich der Schleim löst. Michael Breer hustet, hält aber den Kopf scheinbar konzentriert aufrecht. „Gut gemacht, Micha“, lobt der Vater und klopft ihm kumpelhaft die Schultern.

Der Vater schläft in Hörweite

Vier Jahre lang baute Wilfried Breer den ehemaligen Kuhstall am Haus um: stufenloser Eingang am Stellplatz, direkt dahinter das Bett, Terracotta-Kacheln, großes Bad. Der Vater schläft auf der offenen Galerie, damit er hört, wenn etwas nicht stimmt. Seine Frau übernimmt das Waschen und Anziehen, stutzt dem Sohn auch den schmalen, grauen Bart zurecht. „Der ist ein Kämpfer“, habe ein Arzt gesagt, erzählt sie, während ihre Hände beruhigend auf seiner Brust ruhen. Der gelernte Schreiner von einem Meter 90 Größe sitzt in Poloshirt und Jeans im Rollstuhl, die Hände verkrampft, Augen geöffnet. Hinter ihm hängt zwischen Stofftierchen ein Beutel, aus dem das Mittagessen durch einen Schlauch in seinen Magen fließt.

Freude über jeden Fortschritt

Dass er wieder wird wie früher, glaubt seine Mutter nicht. „Ich hoffe nur, dass es ihm weiter so gut geht“, sagt sie. Wenn beim Duschen das warme Wasser auf ihn prassele, lächele er, genau so wenn man ihn lobe. Sie freuen sich über jeden Fortschritt. Dass er nachts durchschläft und nicht einnässt oder dass er auf dem Hometrainer seltener krampft. Neben dem Fahrrad mit Spastikbremse steht ein Apparat, mit dem Michael Breer aufstehen übt.

„Man muss lernen, als Gesunder in dieses Leben einzusteigen“, erklärt Wilfried Breer. Sie haben sich darin eingerichtet, Vollzeit ohne Urlaub. Mitleid hilft da genauso wenig wie Selbstmitleid: „Wer in so einer Situation nicht untergehen will, muss kämpfen“, sagt Wilfried Breer. Er war erstaunt, wie wenig Hilfe Betroffene oft von Krankenkassen, Behörden und Ärzten bekommen. 2003 beschloss der Marketingexperte seine Erfahrungen zu nutzen. Er gründete den Verein zur Unterstützung von Wachkoma-Patienten. Ratsuchende müssen keine Mitglieder sein und nichts zahlen. Hunderte Anfragen bekommt der Verein im Jahr, sogar aus dem Ausland. Jede Mail beantwortet Wilfried Breer innerhalb von 24 Stunden.

Er informiert über Pflegestufen, Rentenanträge, Bauzuschüsse bei häuslicher Pflege, gibt Tipps zur Suche von Heimen, Therapeuten und ist einfach Gesprächspartner. Fünf Jahre lang bot er kostenlose Seminare an. „In Xanten haben wir fortgeschrittenen Betroffenen, die positiv auf Musik reagieren, einen betreuten Konzertbesuch ermöglicht“, erzählt Breer, „in Leipzig finanzieren wir jedes Jahr Aufführungen von Clowns.“ Darüberhinaus bezahlen sie Probestunden für verschiedene Therapien, damit die Angehörigen sehen können, welche am besten anschlägt.

Reittherapie kann helfen

Reittherapie zeigt bei einigen Wachkoma-Patienten gute Wirkungen. Für einen Reitstall in Langenfeld will der Verein ein neues Trainingspferd anschaffen, das jetzige ist schon 21 Jahre alt. Ein Pferd, das zwei Personen tragen kann und zur Therapie ausgebildet ist, kostet rund 10 000 Euro. Geld, das viele kleine Gewinne erzielen kann. „Ich kenne einen Wachkoma-Patienten, der einen Autounfall hatte und regelmäßig Reittherapie macht“, sagt Marita Breer, „der hat kürzlich seine Reittherapeutin in der Stadt wiedererkannt.“

 
 

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