„Uns bleiben Zweifel“

Inge Meuter hatte gehofft, dass der Prozess den Mord an ihrer Tochter aufklärt. Sie glaubt jetzt an die Schuld des Angeklagten. Das Gericht aber sprach Thomas S. frei.
Inge Meuter hatte gehofft, dass der Prozess den Mord an ihrer Tochter aufklärt. Sie glaubt jetzt an die Schuld des Angeklagten. Das Gericht aber sprach Thomas S. frei.
Foto: picture alliance / dpa

Düsseldorf. „Der Angeklagte wird freigesprochen.“ Als Richter Rainer Drees gestern diese Worte spricht, sind sie keine Überraschung. Dieses Urteil im Prozess um den Mord an Susanne Lucan war so erwartet worden. Damit schließt die Justiz mit dem Fall ab. Die brutale Tat aus dem Jahr 2004 wird ungelöst und ungesühnt bleiben, falls nicht noch etwas Unerwartetes geschieht. Fertig werden muss damit jetzt Inge Meuter, die Mutter von Susanne Lucan.

Sie bleibt gefasst, denn auch sie hatte kein anderes Ergebnis erwartet. Dabei hat „der sinnlose Mord“ an ihrer Tochter sie all die Jahre umgetrieben. „Die Tat hat auch mein Leben zerstört“, sagte sie nach dem Plädoyer ihres Anwalts. Sie glaube, den Täter zu kennen: „Wenn du das warst, Thomas, musst du mit der Schuld leben“, spricht sie den Mann an, den sie jahrelang als Schwiegersohn betrachtet hat. Und den sie auch lange gegen den Mordverdacht verteidigt hat. Auf ihre Ansprache reagiert er nicht.

Staatsanwalt Christoph Kumpa hatte Thomas S. (39) angeklagt, seine Ex-Freundin Susanne Lucan in der Nacht auf den 20. November 2004 in ihrem Bett erschlagen zu haben. Er habe den Druck nicht mehr ausgehalten, zwischen ihr und seiner neuen Freundin zu stehen. Doch auch Kumpa hat erklärt, nach dem Prozess sei er nicht mehr von Thomas S.’ Täterschaft überzeugt. Er hat ebenfalls Freispruch gefordert.

Als Richter Drees das Urteil verkündet, zuckt dem Angeklagten nur ganz kurz ein Lächeln im Mundwinkel. Mehr ist ihm die Erleichterung nicht anzusehen, nach neun Jahren endlich das Damoklesschwert einer drohenden Verurteilung zu lebenslanger Haft wegen Mordes los zu sein.

„Wir konnten nicht feststellen, dass der Angeklagte Susanne Lucan getötet hat. Uns bleiben Zweifel“, erklärte Rainer Drees in der Urteilsbegründung. Schon vor einer Woche hatte das Gericht das in einer Zwischenbilanz deutlich gemacht. Es stelle sich die Frage, wer sonst Susanne Lucan getötet habe. „Wir haben darauf keine konkrete Antwort“, so Drees.

Aber bei Zweifeln an der Täterschaft müsse man freisprechen. „Das mag Sie ratlos machen“, wandte er sich an Inge Meuter. Aber das sei eine Errungenschaft des Rechtsstaats. Ausdrücklich lobte er ihr Verhalten während des Prozesses. „Wir waren beeindruckt, wie sachlich Sie geblieben sind.“ Und er hoffe, Sie finde einen Weg, „irgendwie mit dem Geschehen zu leben“.

Sie sagt nach dem Prozess mit Tränen in den Augen: „Ich hoffe, dass ich abschließen kann. Noch neun Jahre halte ich nicht aus.“ Und kündigt im nächsten Atemzug an: „Ich gebe jetzt keine Ruhe. Jedes Jahr werde ich weiter an sie erinnern.“ Dass der Mann, den sie für den Täter hält, nicht ins Gefängnis muss, „interessiert mich nicht. Das hilft mir auch nichts. Ich will meine Tochter wieder haben.“

Für Thomas S. fängt jetzt ein neuer Lebensabschnitt an. Ein Angehöriger wartet vor der Saaltür auf ihn, umarmt ihn. Gemeinsam gehen sie davon.

 
 

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