Und täglich schnarcht das Murmeltier

„Delhi, ein Tanz“ am Schauspielhaus Düsseldorf. Foto: Sebastian Hoppe
„Delhi, ein Tanz“ am Schauspielhaus Düsseldorf. Foto: Sebastian Hoppe
Foto: Sebastian Hoppe Sebastian Hoppe
„Delhi, ein Tanz“ ist ein Reigen aus sieben Szenen, die zueinander nicht finden wollen. Im Stück des russischen Autors Iwan Wyrypajew geht es durcheinander, mit vielen Wiederholungen und einem wipfelüber hängenden Baumim Düsseldorfer Schauspielhaus.

Düsseldorf. Selbst der Baum des Lebens lässt die Blätter hängen. Unter der Theaterdecke festgeschraubt ragt, eine riesige Eiche ins Geschehen herab, Wurzel in die Höh. Die Zeichen stehen schlecht. Im Raum darunter, leer und trist, sieht die Regie das Besucherzimmer einer Klinik vor. Ekaterina geht es elend. Ihre Mutter ist verstorben. „Kein Gefühl“, hadert sie mit Schock und Trauer. Nicht die einzige Tragödie, die es zu beklagen gibt. Iwan Wyrypajews „Delhi, ein Tanz“ hat mit einem solchen rein gar nichts zu tun. Eher schleppen sich die sieben Einakter im Kleinen Schauspielhaus beeindruckend fußlahm durch die Nacht. Täglich schnarcht das Murmeltier.

Das Stück des russischen Autors (geboren 1974) feierte im vorigen März Premiere am Warschauer Teatr Narodowy, und am Ende der zweieinhalb Stunden wünscht man sich, es wäre dort in Frieden verblieben. Nun aber die deutsche Erstaufführung, von Stefan Schmidtke übersetzt und Felix Rothenhäusler in Szene gesetzt. Ob es nun am Stoff lag oder an der Übersetzung, an der Regie oder den Darstellern – dieser Reigen will sich partout nicht fügen.

Sieben Szene werden dekliniert, jede beklagt ein anderes Todesopfer. Texte wiederholen sich unentwegt. Die Protagonisten: Eine Frau (Bettina Kerl), Ekaterina (Stefanie Reinsperger), deren Mutter (Verena Reichardt), Andrej, ihr Geliebter (Marian Kindermann), seine Frau (Annika Olbrich), eine Krankenschwester, die ständig Unterschriften braucht (Stefanie Rösner).

Ekaterina ist Künstlerin und hat einen famosen Tanz im Repertoire, der auf dem Basar in Delhi entstand. Hier kompensierte sie Krankheit, Leid und Hunger durch eine Choreografie, die alles wieder gut macht und zu Tränen rührt. Offenbar.

Getanzt wird nicht, dafür viel gesprochen, meist direkt zum Publikum. Es ist gleißend hell, vielleicht damit man wach bleibt. Mal erwidert Andrej Katjas Liebe, mal liebt er seine Frau. Mal ist Mutter lebendig und zickt, mal ist sie tot, Krebs. Dann ist Andrejs Frau tot, Selbstmord. Es geht um Schuld und Sühne (Achtung, Verweis Auschwitz!), um Verlust („Jedes Gefühl vergeht“), um die gequälte Seele als solche, was die ständige Wiederholung der ausgelaugten Metapher vom heißen Eisen, das man sich in die Brust stößt, auch nicht erträglicher macht.

Und überhaupt spart die Regie nicht mit Innerlichkeit. So wird derart geheult und gebrüllt („Heil Hitler, ich bin schuld!“), dass man befürchtet, der Baum könnte aufgrund der Schallwellen Wipfel voran von der Decke stürzen. Selten hat man so viel gefühlt, also auf einer Bühne. Dieser Abend trieft vor Selbstmitleid.

Schade bloß, dass wir nichts fühlen, sind wir deshalb doch gekommen. Daran kann auch das Ensemble nichts ändern. Hier sticht Verena Reichardt als versöhnend lakonisch hervor. Annika Olbrich beschert am Schluss eine Sekunde Empathie, die ein erneuter Tränenausbruch wegspült. Und so zählt man die Szenen tapfer mit, zwei, drei, vier Tote, können auch fünf gewesen sein. Alle hin. Alle unter einer Eiche. Und dem Wald geht es bekanntlich auch nicht gut.

 
 

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