Tischtennis vom Rollstuhl aus

„Heimweh habe ich nicht wirklich“, sagt Sandra Mikolaschek. „Meinen Eltern fiel das alles vermutlich schwerer“, schmunzelt die 16-Jährige. Seit September besucht die Schülerin der Hulda-Pankok-Gesamtschule das Internat des Deutschen Tischtennis Bundes in Düsseldorf. Damit ist sie fast 500 Kilometer entfernt von ihrem zu Hause in Halle an der Saale. Doch die leidenschaftliche Sportlerin sieht das Ganze sachlich: „Hier habe ich einfach die besten Trainingsbedingungen.“

Ginge es nach Sandra, wäre sie schon früher ins Internat gezogen. Doch das musste erst einmal einigen Änderungen unterzogen werden: ein Aufzug musste her, die Wege und das Zimmer mussten barrierefrei gestaltet werden – denn Sandra kann seit klein auf weder laufen noch stehen. Sie sitzt im Rollstuhl. Grund für ihre Behinderung ist eine Operation, der sich Sandra im Alter von einem Monat unterziehen musste. „Ich hatte eine verengte Hauptschlagader. Bei der Operation gab es Komplikationen. Meine Nerven im Rückenmark wurden verletzt“, so die 16-Jährige. Zwar spürt sie ihre Beine, kann ihre Füße auch minimal bewegen, laufen kann sie aber nicht. „Mein Kopf denkt sich zwar, dass ich loslaufen soll, das kommt aber nicht in den Beinen an“, erklärt Sandra. Die Jugendliche geht mit ihrem Handicap sehr offen um und wurde Ende November beim Bundesligaspiel der Borussia-Profis vor über 1000 Zuschauern auch einem größeren Kreis von Tischtennisfreunden bekannt. Denn sie bekam von Klub-Präsident Fritz Wienke und Düsseldorfs Sport-Dezernent eine „Tischtennis-Platte“ für ihre sportaffine Schule überreicht. Natürlich, um auch dort trainieren zu können.

Der Rollstuhl hält sie bei ihren sportlichen Ambitionen nicht auf. Ganz im Gegenteil. „Als ich noch in Wimmelburg, nahe Halle, gewohnt habe, wollte ich unbedingt in einen Sportverein. Bei uns gab es aber nur einen Fußball- und einen Tischtennisverein. Ich hatte also nicht wirklich die Wahl“, schmunzelt Sandra. So spielte sie zunächst mit Spielern, die nicht im Rollstuhl saßen. „Als ich dann mit meiner Familie die Deutschen Meisterschaften im Rollstuhltennis besuchte, wurde ich von dem Tischtennisspieler Jochen Wolmert entdeckt. Dadurch kam ich zum Behindertensport“, erzählt Sandra.

Seither kann sich die 16-Jährige ein Leben ohne Tischtennis nicht mehr vorstellen. Seit drei Jahren spielt sie in der zweiten Bundesliga. Wo sie seit Saisonbeginn im Trikot der Borussia für Furore sorgt und als einzig ungeschlagene Spielerin der Liga ihr Team an die Spitze führte. In diesem Jahr ist sie Vize-Europameisterin geworden und trainiert momentan für die Weltmeisterschaft. „Ich warte nun auf meine Qualifizierung“, sagt Sandra. In Düsseldorf hat sie sich gut eingelebt. Ihren Alltag bewältigt die Schülerin alleine und ohne Hilfe: „Ich bin da sehr selbstständig.“ Neben der Schule und dem täglichen Training hat sie bisher von ihrer Wahlheimat allerdings kaum etwas gesehen. „Das, was ich gesehen habe, wie die Rheinpromenade und die Altstadt, fand ich aber sehr schön“, so Sandra. Jedes Wochenende fährt die Sportlerin nach Hause zu ihren Eltern. Das heißt fünf Stunden Zugfahrt. „Das ist aber kein Problem. Es gibt an den Bahnhöfen ja Helfer, die mich dann beim Aus- und Einsteigen unterstützen“, sagt die 16-Jährige.

Ein Jahr lang kann Sandra Mikolaschek noch im Internat wohnen, dann macht sie ihr Abitur. „Danach würde ich gerne ein Freiwilliges Soziales Jahr hier im Internat machen“. Ein Wunsch, der bei den Verantwortlichen sicher auf offene Ohren trifft. „Nebenbei könnte ich dann weiter hier trainieren und mich für die Paralympics in Brasilien vorbereiten“, plant die Sportlerin.

 
 

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