Seelische Abgründe

Die Künstler und Kuratoren Stephane Gerard, Silke Schmickl, Matthias Groebel, Masayo Kajimura, Yoko Ffukushima, Jan Verbeek, Johanna Reich und Tzu Nyen Ho.Foto: Sergej Lepke
Die Künstler und Kuratoren Stephane Gerard, Silke Schmickl, Matthias Groebel, Masayo Kajimura, Yoko Ffukushima, Jan Verbeek, Johanna Reich und Tzu Nyen Ho.Foto: Sergej Lepke
Foto: Sergej Lepke / WAZ Fotopool

Düsseldorf.. Glück kann Tanzen unter freiem Himmel sein. Begehren sitzt im Bauch wie ein nagendes Hungergefühl. Die Angst fährt nachts mit dir U-Bahn. Und Wahnsinn ist eine umfassende Bildstörung. Wer derzeit durch die Räume des KIT/Kunst im Tunnel geht, begegnet den menschlichen Empfindungen auf Schritt und Tritt. 77 Videokünstler und Filmemacher aus Asien und Europa präsentieren ihre Arbeiten unter dem Titel „Human Frames“. Seelische Abgründe tun sich unter der Erde auf. Ein famoses Fegefeuer der Eitelkeiten: unterhaltsam, poetisch, griffig, gut gemacht.

So staunte ein Berliner U-Bahn-Fahrer nicht schlecht, als ein junger Mann mit Kappe und Wischmopp begann, die Fenster seines Zuges zu säubern. Die Filmemacher Matthias Wermke und Mischa Leinkauf haben ihren Beitrag „Trotzdem danke“ im Kapitel „Wahnsinn“ veröffentlicht - ein Film, der das deutsche Wesen karikiert. Als der freiwillige Helfer keine Erlaubnis vorweisen kann („Wofür? Fürs Fensterputzen?!“), wird er vom Sicherheitspersonal abgeführt. Und wer bitte spinnt jetzt hier?

Hinter der Videoschau steht die Kuratorin Silke Schmickl, die mit einem Team aus fünf Künstlern arbeitete, zwei Asiaten und drei Europäer. Sie verwandelten das KIT in ein Riesenkino. Überall tun sich Nischen auf, sind Mini-Lichtspielhäuser mit Leinwänden und Stühlen entstanden.

Die Poesie des Alltags

Manchmal muss man ein paar Stufen gehen oder erst hinter einen Vorhang schauen, um die Beiträge zu entdecken. Die Künstler arbeiteten zu den Themen Glück, Begehren, Wahnsinn, Fanatismus, Angst, Ärger, Isolation, Melancholie - dazu kamen asiatische Konzepte wie „Mono no aware/Poesie des Alltäglichen“ und Impermanenz (Unbeständigkeit). Schmickl: „Hier müssen Sie alle Seelenzustände durchlaufen.“ Dieser Weg führt durchs pralle Leben.

Schmickl ließ sich zum einen von Internetplattformen wie Facebook inspirieren, auf denen jeder seine Befindlichkeiten publiziert. Für sie eine Form von Widerstand gegen die Sachlichkeit und Kühle des modernen Kapitalismus. Zum anderen aber hatte sie die Kunstgeschichte im Sinn. Schmickl dachte an Dürer und Goya, die Seelenzustände auf die Leinwand brachten. Das geht doch auch im Film, überlegte sie.

Mal hintergründig, mal plakativ sind die Arbeiten. Und alles beginnt mit dem „Glück“. Eine Leinwand im Eingangsbereich, hier tanzt eine Büroangestellte (Ein Beitrag von Yuko Kamei), ziehen Wolken vorbei und erzählen von Unendlichkeit (Rita Bakacs). Im Kapitel „Wahnsinn“ begegnen wir einem Mann, der sich im Copyshop so lange selbst vervielfältigt, bis die ganze Welt nur noch aus ihm besteht (Virgil Widrich). Das „Begehren“ findet diskret hinter einem Vorhang statt. Hier strippt eine Frau als Collage von Licht und Schatten (Félix Dufour-Laperrière). Tulapop Seanjaroen versucht, seinen verstorbenen Vater durch Fotografien und Erzählungen wieder zum Leben zu erwecken. Auch das ist Begehren: die Sehnsucht nach jemandem, der nicht mehr da ist.

Bilanz? Schmickl überlegt. Die menschlichen Empfindungen sind auf beiden Kontinenten ähnlich besetzt, sagt sie. Nur zum Thema Isolation wurde in Europa vieles und in Asien wenig gefunden; dort ist dieses Gefühl wohl kaum verbreitet. Und noch eine Erfahrung machte Schmickl. Sie hätte gern Filme zum Thema Mut ausgestellt. Doch dazu fand sich so gut wie nichts. „Das fanden wir sehr schade.“

 
 

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