Rollator-Unfälle mit einer hohen Dunkelziffer

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Düsseldorf.. Herta Kellner blickt in die muntere Seniorenrunde im Golzheimer Zentrum plus und sagt mit fester Stimme: „Das kann kein Zufall sein!“ Hier trifft sich immer mittwochs die Gedächtnis-Trainigsgruppe „Die fröhlichen Denker“. Gleich drei der zwölf Teilnehmer im Alter zwischen 70 und 90 Jahren erlitten in den vergangenen Wochen schwere Verletzungen bei Unfällen in Rheinbahnen und Bussen.

„Das ist in der Tat ein Problem mit einer sehr hohen Dunkelziffer, das mit Blick auf den demografischen Wandel noch zunehmen wird. Weil bei diesen Unfällen ganz selten die Polizei alarmiert wird, gehen sie in keine Statistik ein“, betont Hauptkommissar Joachim Tabath, Seniorenexperte bei der Polizei.

„Ich war total in Panik“

Herta Kellner war am Südpark mit ihrem Rollator in einen Bus der Linie 827 gestiegen. Kurz vor ihrer Zielhaltestelle stand sie auf, um rechtzeitig zur Tür zu gelangen, als der Fahrer eine Vollbremsung machte. Die 84-Jährige stürzte schwer und zog sich gleich vier Rippenbrüche zu. „Ich dachte zuerst: Das überlebe ich nicht, ich war total in Panik“, berichtet die Rentnerin, die es dann doch irgendwie schaffte aus dem Bus zu steigen. Sie kam erst später ins Krankenhaus: „Ich war wochenlang nahezu bewegungsunfähig. Das war ein schlimmes Erlebnis.“

Hanne Tillmann musste am Brehmplatz warten, bis eine Rollstuhlfahrerin die Bahn der Linie 708 verlassen hatte. Als die 90-Jährige einsteigen wollte, ging die Tür zu. Ihr rechter Arm wurde eingequetscht. Sie erlitt schwere Prellungen und Schürfwunden, die mehrfach von einem Arzt versorgt wurden.

Benommen und geschockt

Ursula Rutkowski war an der Adlerstraße mit ihrem Rollator in einen Bus der Linie 721 gestiegen und wollte sich gerade setzen, als der Bus ruckartig losfuhr. Die 79-Jährige verlor das Gleichgewicht, fiel zu Boden, krachte mit dem Kopf vor die Tür und zog sich blutende Platzwunden zu. „Ich war verängstigt, benommen und geschockt und wollte nicht, dass ein Krankenwagen und die Polizei gerufen wird“, erzählt die Seniorin.

„Doch nur, wenn diese Fälle in die Statistik eingehen, sind Verbesserungen auf den Weg zu bringen. Ich habe Hunderte von Senioren-Veranstaltungen organisiert. Bei jeder war mindestens ein Teilnehmer dabei, der eine ähnliche Situation miterleben musste“, weiß Tabath.

„Die kurze Taktung von Bus- und Bahnzeitplänen passt nicht zu den etwas langsameren Abläufen von älteren Menschen, die aber mobil bleiben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben möchten“, findet Karin von Kleist-Dobos. Sie ist die Trainerin der Gedächtnisgruppe und hat nach den Vorfällen Joachim Tabath ins Zentrum plus eingeladen. Der gilt als Erfinder des Rollatortrainigs, hat in den vergangenen drei Jahren in über 100 Senioreneinrichtungen Schulungen geleitet.

„Man sollte keine Scheu haben, die Leute an der Haltestelle laut und deutlich anzusprechen und um Hilfe zu bitten“, empfiehlt der Hauptkommissar. „Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Die Menschen sind dann fast immer sehr hilfsbereit“, pflichtet ihm Herta Kellner bei.

Wenn möglich, soll man vorne beim Fahrer einsteigen, sich dorthin setzen, wo man Sichtkontakt zu ihm hat. „Wenn Sie ihm sagen, er soll erst losfahren, wenn Sie sitzen und ihm ihre Zielhaltestelle nennen, wird er ein waches Auge darauf haben“, so Tabath.

Eine weitere Hilfe: Alle Niederflurbusse der Rheinbahn haben innen und außen blaue Schalter mit einem Rollstuhl-Emblem. Werden diese gedrückt, erhält der Fahrer ein Signal und er senkt den Bus an der Haltestelle ab, um ein komfortableres Ein- und Aussteigen zu ermöglichen.

Fünf Seniorentage

Wir sind stetig dabei, unsere Flotte und die Haltestellen mobilitätsgerecht auszubauen“, betont Rheinbahnsprecher Georg Schumacher. So wurden und werden in diesem Jahr die Stationen „Lohausen“, „Heerdter Sanberg“, „Heerdter Lohweg“ und „Kittelbachstraße“ für fünf Millionen Euro umgerüstet. Es existiert zudem ein spezieller Linienplan, der aufzeigt, worauf Menschen mit eingeschränkter Mobilität besonders achten müssen.

Die Rheinbahn, die derzeit 10 470 Kunden mit Bärenticket hat, lädt fünf Mal im Jahr zu Seniorentagen ein und hat einen kostenlosen Begleitservice im Angebot. (Siehe Kasten)

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