Patienten mit Autoimmunkrankheiten skrupellos ausgenutzt

Düsseldorf..  Mit ihrem „perfiden System“ hätten die Angeklagten „die hilflose Lage der Patienten skrupellos ausgenutzt“, fasste der Vorsitzende Richter gestern den Fall um eine Golzheimer Spezialpraxis für Autoimmunkrankheiten zusammen. Wegen Betrugs an 23 Patienten verurteilte das Amtsgericht gestern einen Arzt (63) zu zweieinhalb Jahren Haft und eine Mitarbeiterin (45) zu anderthalb Jahren auf Bewährung.

Nicht verantworten musste sich der Mann, der als Kopf des Trios gilt: Der ehemalige Arzt (65) ist wegen einer Erkrankung vorläufig verhandlungsunfähig. Er werde aber erneut untersucht, kündigte der Richter an. Wenn er wieder verhandlungsfähig ist, muss auch er sich den Vorwürfen stellen. Der 65-Jährige soll derjenige gewesen sein, der mit seinem „charismatischen Wesen“ die Patienten von einer innovativen Blutanalyse überzeugt hat. Diese sei nur im Ausland möglich und entsprechend teuer, hatte er erklärt.

Patienten aus ganz Deutschland, die an bisher nicht heilbaren Erkrankungen litten, hätten sich „an jeden Strohhalm geklammert“, so der Richter: „Sie glaubten, Wunderheiler gefunden zu haben.“ Unter Zeitdruck gesetzt seien sie bereit gewesen, vorab vierstellige Beträge für diese Analysen zu zahlen.

Das Geld ging aber nicht an die Laborfirma, die ohnehin nur als Briefkasten in Brüssel existierte. Vielmehr landete es auf dem Konto der Praxis. Wie es unter den Angeklagten aufgeteilt worden sie, habe das Gericht nicht ermitteln können.

Ergebnisse der Analysen sahen die Patienten nie, obwohl die Ärzte angeblich auf deren Grundlage Therapien und Nahrungsergänzungsmittel empfahlen. Auch dafür zahlten die Patienten viel Geld.

Maximum an Gewinn

Ein Vater berichtete, dass er für die am Ende wirkungslose Behandlung seiner Tochter 70 000 Euro in der Praxis ließ. Wurden den Patienten mal Labor-Ergebnisse gezeigt, stammten die von deutschen Laboren und enthielten Standardwerte, die teils mit anderen Namen neue Erkenntnisse nur vortäuschten.

Der Richter betonte, dass im Prozess nicht die Wirksamkeit der Therapien Thema war, sondern allein der Betrug. Der sei massiv gewesen, denn die Patienten hätten sich nur auf die Behandlung eingelassen, weil sie an die innovative Blutanalysen glaubten. Ihr „System“ hätten die Angeklagten über Jahre aufgebaut, alle drei gemeinsam gearbeitet.

„Mit einem Minimum an Arbeit wurde ein Maximum an Gewinn erzielt“, so der Richter. Die Anklage ging von einem Schaden von 200 000 Euro aus. Einige geschädigte Patienten machen den Angeklagten noch viel mehr Vorwürfe, darunter Abrechnungsbetrug und Körperverletzung. Sie sprechen von einem Schaden in Millionenhöhe.

Zwei Patientinnen, die im Strafprozess ihre zivilen Ansprüche geltend gemacht haben, müssen sie Angeklagten einmal 2700 Euro, einmal 10 700 Euro. Die 45-jährige Angeklagte muss als Bewährungsauflagen 4800 an eine Kinderhilfsorganisation zahlen und 800 Arbeitsstunden leisten.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

 
 

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