Mit dem Kajak über die Flüsse wandern

Im Zweierkajak über den Baldeneysee und die Ruhr hinauf. Wolfgang Neff (r.) zeigt dem NRZ-Reporter, wie man beim Paddeln in den See sticht.
Im Zweierkajak über den Baldeneysee und die Ruhr hinauf. Wolfgang Neff (r.) zeigt dem NRZ-Reporter, wie man beim Paddeln in den See sticht.
Foto: Ulrich von Born
In der Ruhe und im Rhythmus liegt die Kraft: Mit dem Kajak auf Entdeckungstour. Redakteur Matthias Maruhn padelt in Essen auf der Ruhr, macht Lust auf Selbstversuche und gibt Tipps für Nachahmer.

Essen. Den alten Zechenturm haben wir rechts liegen lassen, die Schnellstraße ist unterquert, jetzt taucht unser Kajak ins Grün ab. Es wird ruhig, die Natur übernimmt die Regie, schickt ein paar Kanada-gänse und einen Graureiher vorbei, lässt einen Bussard über uns kreisen und sorgt mit ein paar Sonnenstrahlen für die perfekte Beleuchtung. Schon schön, und dann kommt steuerbord auch noch ein Haubentaucher gepaddelt, hinten im Gefieder sitzt ein Küken und schaut sich die große weite Wasserwelt genauso neugierig an wie ich. Aha, so also ist das Kajak-Leben, so wandert es sich auf einem breiten, ruhigen Fluss.

Die Spritzdecke über dem Süllrand

Wolfgang Neff (63) und Werner Kräh (64) vom Club Essener Wanderpaddler haben mich unter ihre Fittiche genommen und mir einen Kajak-Crash-Kurs gegeben. Ganz so einfach ist das nicht, und das geht mit dem Einsteigen los. Kajak ins Wasser, Hintern auf den Steg, Füße schon mal ins Boot. Und dann recht vorsichtig den Körper hieven und in die Aussparung plumpsen lassen. Nicht gekentert, schon mal gut. Jetzt noch die Spritzdecke von hinten über den Süllrand ziehen, wasserdicht verpackt bin ich, kann losgehen.

Wolfgang sitzt hinter mir im Zweier, erklärt mir das Einmaleins. Die rechte Hand fasst das Paddel fest, in der linken Hand wird es beim Wechseln gedreht. Klappt, aber warum werden mein Arme schon nach hundert Metern schwer wie Senkblei? Werner setzt sich in seinem Einer neben uns, macht vor, wie es wohl richtig geht. Wir kommen besser voran, vorbei am Vogelschutzgebiet, in dem die Kormorane ihre Nester haben, großes Gewusel in den Kronen und ich bin auch zu hektisch. „Nicht so schnell“, oder „ruhiger“ sagt Wolfgang schon zum fünften Mal. Ich bin zu sehr Duracell-Hase, begreife noch gar nicht, worum es hier eigentlich geht. Wasserwandern ist schon Sport, aber eben auch Erholung. Ich lass es also langsamer gehen. Und endlich höre ich den Rhythm & Blues, den die Ruhr da singt, Körper, Seele, Paddel und Fluss werden eins, wir gleiten...

Kanu ist nur der Oberbegriff

Wenn auch nicht lange. Die Ruhr wird dünner, die Strömung stärker, das Ufer bleibt fast neben uns stehen. Kajakfahren ist wie das Leben: gegen den Strom muss man wollen, ist Schinderei. Ich spüre im oberen Oberkörper Muskeln, die etwa gegen 1974 beim letzten Zirkeltraining in den Dornröschenschlaf gefallen sind. Jetzt meckern sie wie Teenager, die man gerade geweckt hat. Immerhin, das Placken wird belohnt, am Wehr ist Bergfest, wir drehen, von nun an geht’s flussab. Easy.

Wolfgang erzählt von seinen Touren, die er schon im Kajak und mit seiner Frau gemeistert hat, Spreewald zuletzt, davor Masuren, Schottland war herrlich. Und wovon träumt der Kajak-Recke nachts? „Nichts exotisches. Ich würde so gerne mal Pfingsten nach Venedig. Da werden am Sonntag alle Kanäle gesperrt, nur Paddler und Ruderer sind unterwegs. Das muss herrlich sein.“

Die Ruhr treibt uns auf den See zurück. Wolfgang wird kurz theoretisch: „Kanu ist der Oberbegriff. Da gibt es dann Kanadier mit dem kurzen Paddel und eben Kajaks. Die wurden von den Inuit erfunden, also den Eskimos, gebaut aus Walknochen und Seehundfell.“

400 Kanuvereine in NRW

Mit fällt spontan ein zweites Eskimo-Wort ein: Anorak. Und das aus gutem Grund: Es fängt nämlich an zu tröpfeln und von der Villa Hügel zieht ein Gewitter heran. Donner und Doria. Und noch zehn Minuten bis Buffalo...

Aber dann doch: Entwarnung. Die schwarze Wand zieht vorbei, wir paddeln fast schon elegant an den Steg zurück, wo ich lerne, dass Einsteigen ins Kajak gar nicht so schwer ist. Verglichen mit dem Ausstieg. Auweia, die Knochen. Gut, dass keiner guckt: „See-Elefant rettet sich auf Eisscholle“ würde es wohl treffen. 18 Kilometer sind wir gepaddelt, keine große Fahrt, aber ein großes Erlebnis.

In NRW gibt es 400 Kanuvereine mit 35.000 Mitgliedern. 90 Prozent der Kanadier- oder Kajakfahrer sind Freizeitsportler, die sich ganz überwiegend dem Wasserwandern widmen.

Wer mehr über den Sport oder auch mögliche Touren wissen will, findet Informationen auf der Internetseite: www.kanuschule-NRW.de

Am Samstag (17. Mai) lädt der Club Essener Wanderpaddler zu einem Tag der offenen Tür ein. Der bereits 1922 gegründete Club hat knapp 100 Mitglieder. Von 11 bis 17 Uhr können Neugierige, die schon immer mal paddeln wollten, unter Anleitung ins Kajak steigen.

Ort: Lanfermannfähre 102 am Baldeneysee in Essen.

 
 

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