„Mehr als 95 Prozent sind zufrieden“

Dr. Christoph Schnurr beantwortete zahlreiche Fragen.
Dr. Christoph Schnurr beantwortete zahlreiche Fragen.
Foto: Stephan Wappner
Künstliche Gelenke: Dr. Christoph Schnurr beantwortete zahlreiche Fragen am Lesertelefon von NRZ und Rhein Bote.

Düsseldorf..  In Deutschland leben rund 300 000 Menschen mit künstlichen Gelenken. Die Qualität dieser Implantate hat sich in den vergangenen zehn Jahren stetig verbessert. Dr. Christoph Schnurr ist Chefarzt der Orthopädie im St. Vinzenz-Krankenhaus in Derendorf. Schon seit zwölf Jahren arbeitet er als Spezialist für künstliche Gelenke. Am Lesertelefon von NRZ und Rhein Bote beantwortete er am Donnerstag zahlreiche Fragen. Der Apparat stand nicht still.


Gibt es bei Gelenkverschleiß eine Alternative zur Operation? Schnurr: Wenn die Arthrose in Hüfte oder Knie so weit fortgeschritten ist, dass Knochen auf Knochen reibt, bleibt den Patienten kaum noch eine andere Möglichkeit. Viele Ärzte verschreiben Hyaluron- oder Kortisonspritzen. Diese werden oftmals als Mittel zum „Knorpelaufbau“ angepriesen. Das ist aber irreführend, denn der Knorpel kann in keinem Fall wieder hergestellt werden. Die Spritzen funktionieren als eine Art „Schmiere“ für die Gelenke, ähnlich wie Öl, das man auf ein quietschendes Türgelenk gibt. Sinnvoll ist das nur, wenn der Knorpel noch vorhanden, aber leicht angeraut ist. Dann kann eine Operation gegebenenfalls um viele Jahre heraus gezögert werden. Auch eine Knorpeltransplantation stellt für Arthrosepatienten keine Option dar. Sie kann nur erfolgreich durchgeführt werden, wenn ein Knorpelschaden nur auf einer geringen Fläche besteht und sich nicht vergrößert. Ein solcher Schaden wird meist durch einen Unfall verursacht. Entgegen den Befürchtungen vieler Betroffenen spielt das Alter jedoch keine Rolle für die Operation. Wenn ein Patient gehen möchte, sollte er eine OP in Erwägung ziehen, um möglichst viel Lebensqualität zu bewahren.
Wie funktioniert eine moderne Operation, bei der ein neues Gelenk eingesetzt wird?
Schnurr: Das Gelenk wird heutzutage in den meisten Fällen ohne Kleber im Knochen verankert. Das funktioniert, weil Knochen etwas dehnbar sind. Das Material des künstlichen Gelenks ist etwas angeraut, so dass der Knochen nach und nach an es heranwachsen kann. Bei uns im St. Vinzenz-Krankenhaus verwenden wir bei der OP ein hochmodernes „Navigationsgerät“. Es zeigt den operierenden Ärzten zum Beispiel genau an, wie Schnitte gesetzt werden müssen, damit es zu keiner noch so minimalen Fehlstellung der Beine oder Unterschenkel kommt.
Welche Folgen und Risiken hat eine Operation, bei der ein künstliches Gelenk eingesetzt wird?
Schnurr: Die Operationen bergen heutzutage nur noch wenige Risiken. Ich empfehle aber in jedem Fall, sie in einem anerkannten Endoprothetikzentrum durchführen zu lassen. Um sich so nennen zu dürfen, muss ein Krankenhaus bestimmte Vorgaben erfüllen, wie zum Beispiel eine Mindestzahl an jährlichen Gelenkoperationen. Nach einer OP sind die Patienten in den allermeisten Fällen schnell wieder auf den Beinen. Nach ein bis zwei Tagen stehen sie wieder und machen erste Schritte mit den neuen Gelenken. Nach sieben bis zehn Tagen entlassen wir sie aus dem Krankenhaus in die Rehabilitationsklinik. Sechs Wochen nach dem Eingriff können sie dann wieder ohne Gehstützen gehen und sich normal bewegen. Ein geringes Restrisiko bleibt natürlich immer. Mit einem künstlichen Hüftgelenk sind mehr als 95 Prozent der Patienten zufrieden, mit einem neuen Knie etwa 80 Prozent. Auch Sport machen ist kein Problem. In der Regel treten bei 95 Prozent der Patienten auch nach zehn Jahren keine Komplikationen auf. Bei 80 Prozent sind die künstlichen Gelenke auch nach 15 Jahren noch einwandfrei.
Werden künstliche Gelenke nur in der Hüfte und den Knien eingesetzt?
Schnurr: Prinzipiell sind die auch anderswo möglich, Erfahrungswerte zeigen aber, dass beispielsweise im Sprunggelenk häufig Probleme auftreten. Das liegt daran, dass dort nur etwa vier mal vier Zentimeter Platz sind, um das Metallteil zu befestigen. Wir empfehlen an diesem Gelenk eine Versteifung. Die Patienten haben dann zwar nicht mehr die volle Beweglichkeit am Sprunggelenk, können aber schmerzfrei gehen und laufen.
Wie kann man gesunde Gelenke vor Arthrose bewahren und wie verhindert man das Fortschreiten eines leichten Knorpelschadens?
Schnurr: Es ist wichtig, gesunde Gelenke regelmäßig zu bewegen. Nur durch die dabei entstehende Gelenkflüssigkeit werden sie mit wichtigen Nährstoffen versorgt. Außerdem sollten sie nicht mit starkem Übergewicht belastet werden. Wenn bereits geringfügige Schäden diagnostiziert wurden, ist es wichtig, die richtige Form von Bewegung auszuwählen. Empfohlen werden Sportarten ohne Stöße auf die Gelenke. Das bedeutet, schwimmen oder ein Cross-Trainer sind besser für die Gelenke als Joggen, Tennis oder Fußball.

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