Levon kann nachts nicht mehr schlafen

David ist gerade einmal neun Monate alt und kann schon laufen. Ein bisschen wenigstens. Sein Vater Levon Cholakhyan ist stolz. Aber dieses Gefühl für den Sohn kommt zu selten durch. Das Gesicht des 29-Jährigen ist von Stress und Panik gezeichnet. Cholakhyan sitzt auf einem Stuhl im Büro der Düsseldorfer Flüchtlingshilfe STAY! Neben ihm seine Frau Varduhi (24), mit ebenfalls gehetztem Blick hinter der modischen Brille. Der kleine David krabbelt jetzt über den Boden. An der Wand wird Bertolt Brecht zitiert: Die im Dunkeln sieht man nicht.

Levon Cholakhyan und seine Familie sind von der Abschiebung bedroht, obwohl der Armenier in seinem Heimatland politisch verfolgt wird. Das Problem: Ihm glaubt niemand.

Jedenfalls niemand beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Dort wurde sein Asylantrag in einem alles in allem fragwürdigen Verfahren als unbegründet abgewiesen. In der NRW-Landesstelle des Amtes hatte es ein Interview gegeben, bei dem mir „irgendwann der Mund verboten wurde“, erzählt Levon Cholakhyan in gutem Deutsch. Auch die Ausländerbehörde bewegt sich nicht. Dabei könnten der Armenier, von Beruf Chirurg, und seine Frau Varduhi, die ein Diplom in pharmazeutischer Chemie besitzt, eine „Aufenthaltserlaubnis zu Arbeitszwecken“ erhalten. Beide haben ein Angebot von einem Pflegedienst und könnten sich problemlos selbst versorgen. Nichts tut sich.

„Wir sind nicht hier aus wirtschaftlichen Gründen“, betont Levon Cholakhyan, der bei seiner letzten Festnahme im Juli 2011 in Armenien von der Polizei so schwer misshandelt wurde, dass er ein Schädelhirntrauma dritten Grades davon trug. „Dass Folter auf einer Polizeistation nicht dokumentiert wird, ist ja nicht ganz so verwunderlich“, sagt Nicole Tauscher, Sozialberaterin bei STAY!, in bitterem Ton. Es fehlen Beweise.

Die Düsseldorfer Flüchtlingsinitiative hat sich der Sache angenommen. „Dass der Asylantrag abgelehnt wurde, ist eine komplette Fehlentscheidung“, sagt STAY!-Vorsitzender Oliver Ongaro. „Wir werden alle juristischen Möglichkeiten ausnutzen, damit die Familie bleiben kann.“ Ongaro hat aktuell einen Eilantrag auf Bleiberecht beim Petitionsausschuss des Landes NRW gestellt. Grund: Cholakhyan sei hoch qualifiziert. Damit will STAY! ein weiteres Gespräch mit der Ausländerbehörde im Landtag erzwingen.

Der „Armenische Frühling“ ging 2008 ohne große Weltöffentlichkeit vonstatten. Die politische Lage in dem von Oligarchie geprägten Land ist für Oppositionelle weiterhin gefährlich. Im Report 2012 schreibt Amnesty International: „Personen, deren Äußerungen als unpatriotisch oder antinationalistisch wahrgenommen wurden, mussten mit feindseligen und teilweise gewalttätigen Reaktionen rechnen.“

Levon Cholakhyan lebt mit Frau Varduhi und Söhnchen David in einer Wohnung am Hasseler Richtweg. Er kann nachts nicht mehr schlafen, denn der Familie droht akut die Abschiebung. Der Armenier hat von Fällen gehört, bei denen die nachts Beamten der Bundespolizei die Tür eintreten und die Familien mitnehmen. „Dann hast du vielleicht 30 Minuten Zeit, die Sachen zu packen“, so der 29-Jährige. Sein Sohn krabbelt über den Boden und grunzt.