Lebendige Geschichte(n)

Düsseldorf. Ein lebendiges Profil hat Angela Genger der Mahn- und Gedenkstätte gegeben. Dass das Haus für die Opfer des Nazi-Regimes in der Stadt dicht vernetzt ist, gehört ebenso auf die Habenseite der Historikerin.

Mit beharrlichem Engagement gelang es ihr, den Startpunkt 1988 als pure Solistin des jüngsten und kleinsten Düsseldorfer Instituts – nicht einmal eine Schreibkraft gab es - zu einem Zentrum mit fünf festen, vier zusätzlichen Mitarbeitern (dank des gegründeten Freundeskreises) und einer großen Crew von Freien auszubauen.

Die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte an der Mühlenstraße und ihr Team haben Zeitzeugen-Geschichte(n) dokumentiert, zu Ausstellungen, Lesungen, Musik, Vorträgen zur Auseinandersetzung mit der Geschichte eingeladen, Nachlässe gesammelt und gepflegt, eine Bibliothek mit rund 5500 Titeln aufgebaut, mehr als 20 Publikationen und über 17 Jahre eine eigene Zeitschrift herausgegeben.

Eine Überraschungsfeier zum Abschied der 63-Jährigen Mitte Januar ist in Vorbereitung. „Die Mannschaft hält dicht“, sagt Angela Genger und lacht. Den Festort hat sie dennoch herausbekommen: das Kom(m)ödchen.

Mit welchem Gefühl verlassen Sie ihr Büro nach 22 Jahren?

Mit einem guten Gefühl. Ich spüre überhaupt keine Wehmut. Schon vor einem Jahr hatte ich angekündigt, dass ich zum 1. Januar gehen werde. Es ist eine gute Phase, um abzutreten. Die Neukonzeption der ständigen Ausstellung sollen die Jungen entwickeln, die damit arbeiten wollen. Und ich freue mich darauf, über meine Zeit verfügen zu können.

Wie sahen die Ziele aus, mit denen Sie damals angetreten sind?

Als ich von der Essener Synagoge nach Düsseldorf wechselte, begann eine Arbeit auf drei Ebenen: Zunächst ist die Mahn- und Gedenkstätte ein Kommunikations-Ort, Ansprechpartner für frühere Düsseldorfer, Verfolgte verschiedenster Gruppen. Zweitens ist das Haus ein Lernort für Zeitzeugengespräche und Austausch zwischen den Generationen. Hier sollen junge Leute ihre eigenen Formen des Auseinandersetzens mit Geschichte erproben. Und drittens wurde erstmals in Düsseldorf nach Verfolgung und Widerstand gefragt. Es gab dazu bislang keine Untersuchung, nur ein paar kleine Fallstudien. Bernd Rusinek, der die Ausstellung aufbaute, hatte bei Null angefangen. Es gab eine ganze Menge Lücken in der Geschichte der NS-Zeit in Düsseldorf. Die mussten erst einmal geschlossen werden. Und da war es das Wichtigste, die zu Wort kommen zu lassen, die das erlebt haben. Wir haben beste Bestände, rund 400 Zeitzeugeninterviews mit Düsseldorfer Juden, Politischen und – das ist sehr ungewöhnlich - auch mit Düsseldorfer Sinti. Diese Interviews spiegeln elementare Alltagsgeschichte, auf die man auch für die Neukonzeption zurückgreifen kann.

Welches Projekt, welche Ausstellung war Ihnen besonders wichtig?

Dass die Zeitzeugin Margot Cohen, deren Eltern und Großeltern von den Nazis umgebracht wurden, bereit war, zum 9. November aus Kalifornien nach Düsseldorf zurückzukehren, uns ihre Briefe zur Verfügung zu stellen, sich mit jungen Menschen auszutauschen und anschließend zu sagen, sie würde jederzeit wiederkommen, das sind für mich die hellen Momente, in denen ich denke, dass ich wichtige Arbeit mache.

Einer der Ausstellungs-Höhepunkte war „Maus“. Die im Kunstraum des Salzmannbaus gezeigten Originalzeichnungen von Art Spiegelman - die Geschichte eines Auschwitzüberlebenden im Comic-Format - hat unheimlich viele junge Leute angezogen. Die erste eigene gestaltete Ausstellung zu den Moorsoldaten als politische Opfer der Zeit im historischen Luftschutzkeller der Mahn- und Gedenkstätte ist mir besonders in Erinnerung geblieben und ebenso die zur Verfolgung der Homosexuellen, zu der ein kleiner Film in Düsseldorf entstanden ist mit Interviews von Betroffenen des Paragraphen 175.

Mit welchen Problemen hatte die Mahn- und Gedenkstätte zu kämpfen?

Ein großes Problem war immer das Geld, das zweite immer der Platz. Ich habe einen Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten in NRW gegründet, um auch an Landesmittel heran zu kommen und außerdem einen Förderkreis ins Leben gerufen.

Mehr Platz wird uns nach dem Umbau des Stadthauses zur Verfügung stehen. Mit den Büros an der Mühlenstraße 6 hat es vor eineinhalb Jahren angefangen. Die ständige Ausstellung wird von 120 auf 150 Quadratmeter erweitert, der Keller bleibt uns erhalten, plus zusätzliche 100 Quadratmeter in der Andreasstraße.

Die Zeugen des nationalsozialistischen Terrorregimes werden immer rarer. Wie lässt sich künftig das Mahnen und Gedenken so authentisch wie möglich erhalten?

Ich denke, die Art, wie wir die Sammlung aufgebaut haben mit den persönlichen Nachlässen, mit Tagebüchern, Briefen, Fotos, Zeugnissen, das ist ein guter Fundus. Es gibt dann zwar nicht mehr die Vermittlungsarbeit über die Gespräche der Generationen. Aber, junge Leute haben sich immer Geschichte angeeignet, auch wenn sie weiter weg war. Etwa wenn sie Passanten befragen am Gedenkstein der Synagoge: Wissen sie eigentlich, wo sie hier stehen? Oder über Patenschaften zu den 230 Stolpersteinen in der Stadt vor Häusern, in denen Juden lebten.

Wie kann man gerade die Jugend interessieren, sensibilisieren?

Sie findet ihre eigenen Formen. Ein schönes Beispiel dafür war die Veranstaltung im Zakk zu den Edelweißpiraten mit Informationen und Musik von heute, dem Edelweiß-Festival. Es gibt Interviews mit neuen Medien, Papiertheater-Workshops, eine Fahrradtour auf dem Weg der Befreiung oder künstlerische Beiträge. Junge Leute entwickeln ihre Formen auch weiterhin. Da bin ich sicher.

Der Umbau des Stadthauses zu einem Hotel zwingt zu einer Schließung der Ausstellungsräume bis voraussichtlich 2013. Wie überbrückt die Mahn- und Gedenkstätte diese Zeit?

In wenigen Tagen kommt der neue Flyer heraus. Es wird zwei Sonderausstellungen geben, in anderen Räumen etwa bei der VHS, im Theatermuseum, im Hauptmann-Haus. Die pädagogische Arbeit, die Beratung von Schulen geht natürlich weiter. Die Bibliothek wird in der Mühlenstraße 6 provisorisch weitergeführt, und natürlich wird an der Neukonzeption der Dauerausstellung gearbeitet.

Wo liegen die neuen Schwerpunkte?

Auf „Kindheit und Jugend in der NS-Zeit“ wird der Schwerpunkt liegen - ein wesentlicher Ansatzpunkt zum Einsteigen, zur Identifikation. Aber was daraus wird, darum kümmere ich mich nicht mehr. Dr. Fleermann und seine Mitarbeiter kennen die Bestände bestens. Die Mannschaft ist gut. Ich will wirklich einen Schnitt machen.

Wer wird wann die Leitung des Hauses übernehmen?

Ich habe gekündigt, damit Zeit genug ist. Aber es wird nicht nahtlos gehen. Eine Übergangszeit ist in der Verwaltung üblich.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger, Ihrer Nachfolgerin?

Die rheinische Offenheit, die mir entgegengebracht wurde. Ich habe eine gute Arbeitsatmosphäre erlebt. Ausdauer muss er haben. Und er sollte die Generation von jungen Leuten weiter an uns binden. Das hat viel Spaß gemacht.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Ich arbeite noch an drei Projekten: an einem zweisprachigen Führer zu den Stolpersteinen in Düsseldorf, an einem Projekt mit der Fachstelle Holocaust-Literatur in Gießen mit Texten eines jiddischen Journalisten und Dichters und an den Erinnerungen des Herausgebers der sozialdemokratischen Volkszeitung in Düsseldorf. Und dann möchte ich mein Französisch auffrischen, in Kunstausstellungen gehen… Es ist eher die Gefahr, dass mir zu viel einfällt.

 
 

EURE FAVORITEN