„Kunst ist vielleicht, dass man sie trotzdem macht“

Die Malerin Anja Koal mit ihren Bildern.
Die Malerin Anja Koal mit ihren Bildern.
Foto: NRZ

Düsseldorf.. Wie die Akademiestudentin Anja Koal ihre erste Einzelausstellung managt. Deren Titel ist Programm: „Positive“.

Anja Koal ist spät dran. Mit großen Schritten rauscht sie durch ihre kleine Altbauwohnung in Bahnhofsnähe. Der Katalog mit den Bildern ist noch nicht fertig, in einer Stunde schließt die Druckerei und zum Baumarkt muss sie auch noch. Die junge Malerin steckt in den letzten Vorbereitungen für ihre erste Einzelausstellung. Kunst – das ist die große Leidenschaft, die nicht selten in Diskrepanz zur großen Notwendigkeit stehen kann: Geld verdienen.

Spreewald-Bäume

Anja Koal studiert an der Düsseldorfer Kunstakademie und wie die meisten ihrer insgesamt rund 450 Kommilitonen kann auch sie (noch) nicht von der Malerei allein leben. Ihren Job in der Requisite beim ZDF musste sie zu Beginn des Studiums aufgeben, dafür war schlicht keine Zeit mehr. „Ich hab dann manchmal von 50 Euro im Monat gelebt“, erzählt die schlanke Frau mit dem wuscheligen Kurzhaarschnitt. Wenn’s richtig knapp war, habe sie schon mal bei Freunden gegessen – oder eben nichts. „Kunst ist vielleicht, dass man sie trotzdem macht“, philosophiert sie und steckt sich eine selbst gedrehte Zigarette an, die sie auch beim Sprechen im Mundwinkel behält

Die Ausstellung managt sie in Eigenregie, eine Galerie wäre zu teuer. Seit Jahren arbeitet die Studentin bei einer Medienagentur, die Schichten starten um sechs Uhr morgens und enden am frühen Nachmittag. So bleibt Zeit zum Malen. Nach dem Abitur beschloss die Lausitzerin nach Düsseldorf zu gehen. Aufgewachsen ist sie in einem 200-Seelen-Dorf. „Ich glaub’, ich war immer schon Maler. Aber irgendwann kannst und willst du keine Spreewald-Bäume mehr malen“. Neue Eindrücke mussten her, neue Menschen, neue Formen, neue Farben. „Hier an der Akademie war ich plötzlich nicht mehr die Komische“, erzählt sie. In ihrer Heimat sei ihre Leidenschaft oft auf begrenztes Verständnis gestoßen. „Vom Malen kann man erst leben, wenn man tot ist“, habe sie oft zu hören bekommen. Inzwischen hat sie schon einige Bilder verkauft. Anerkennung sei schon wichtig, Geld nicht unbedingt: „Ich will nicht zwingend von der Kunst leben, sondern für die Kunst“. Kurz vor vier: Der Laden, in dem die Kataloge gedruckt werden sollen, schließt in knapp fünfzehn Minuten. Koal rast in Richtung Wohnungstür davon – vorbei an einem Regal, an dem ein kleiner, bunter Aufkleber prangt: „Kunst ist ohne Alternative“ steht darauf.

Das Positive

Den Ausstellungsraum an der Klosterstraße hat sie dank guter Beziehungen eine Woche kostenlos zur Verfügung. Netzwerke bilden, Beziehungen knüpfen – auch das lernen die Akademie-Schüler, erklärt Koal, „ohne geht’s nicht“. Die meisten der rund 40 Bilder hängen schon – bei der Auswahl hat ihr eine Freundin geholfen, die Kunsthistorikerin ist. In Ansätzen Realistisches, überwiegend Abstraktes zeigen die Gemälde, die oft voller Farben sind, manchmal aber auch nur Grün- und Brauntöne zu spiegeln scheinen. Und immer wieder blitzt zwischen quirligen Stadtszenen ein Stück Spreewald auf . „Dieses Mystische, das Du erlebst, wenn Du einen Großteil Deiner Kindheit und Jugend in diesem fantastischen dichten Wald verbracht hast, wirst Du nicht los“, erklärt Koal. „Positive“ hat sie die Ausstellung getauft. Der mehrdeutige Titel beziehe sich auf ihre Lebensphilosophie: „Ich sehe die Welt als gegebene Disposition. Und die Zeit, die mir bleibt, will ich positiv nutzen. Gleichzeitig sind Bilder als Abbildung der Umwelt selbst Dispositionen, und damit Positive“. Doch a m Ende zähle das Seh-Erlebnis. Vielleicht ist es das, was Kunst ausmacht: Etwas zu erschaffen, dessen Wesen mit Worten allein nicht erklärbar ist.

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