Krieg der Luftballonbieger im Düsseldorfer Schauspielhaus

Schillers „Der Parasit oder die Kunst, sein Glück zu machen“ eröffnet die Saison im Düsseldorfer Schauspielhaus
Schillers „Der Parasit oder die Kunst, sein Glück zu machen“ eröffnet die Saison im Düsseldorfer Schauspielhaus
Foto: Sebastian Hoppe Sebastian Hoppe
Die Spielzeit im Düsseldorfer Schauspielhaus eröffnet Friedrich Schillers Komödie „Der Parasit oder von der Kunst sein Glück zu machen“. Regisseur Nurkan Erpulat inszeniert mit Verachtung für das Personal dieses Bürokriegsschauplatzes und Schauspieler Florian Jahr macht eine sehr gute Figur.

Düsseldorf. Der Gummibaum im Vorzimmer des Ministers hat reichlich Staub angesetzt. Und überhaupt sieht es aus, als würde hier keiner lang bleiben. Sperrholz überall, lose Kabel, unterm Kopierer liegt Folie, als wolle man ihn gleich wieder einpacken. Narbonne ist neu im hoch dotierten Staatsamt, und so rollt auch gleich der erste Kopf. La Roche fliegt raus, landet fast im Publikum. Selicour hat ihn aus dem Amt gemobbt. Ein schmieriger Bursche, dieser junge Kerl. Er schleimt, buckelt, hetzt und betrügt, schüttelt Hände im Akkord und gibt den geschmeidigen Eintänzer, wenn die Umstände es erfordern. Wobei Florian Jahr das gut hinkriegt: Hüftschwung, Wiegeschritt – dies ist die Zeit des „Parasiten“.

Es gibt Schiller zum Saisonstart im Schauspielhaus, wobei das Stück „Der Parasit oder von der Kunst sein Glück zu machen“ aus der Feder des Franzosen Picard stammt. Noch eine Mogelpackung. Schiller übersetzte es fünf Jahre später, 1803. In Deutschland waren Komödien Mangelware, und so bediente man sich im Nachbarland.

Der aalglatte Karrierist ist ein frisch verföhnter Anzugträger

Wir befinden uns im Paris irgendeiner Zeit. Machtwechsel im Ministerium. Die Karten werden neu vergeben. Einer mischt besonders mit. Florian Jahr ist Selicour, der Karrierist. Er ist aalglatt und knallhart, ein frisch verföhnter Anzugträger. Wie anders kommt sein Vorgänger daher! La Roche, der Jugendfreund (Christian Ehrich), hat Selicour einen Job besorgt. Jetzt sitzt er auf seinem Posten. La Roche hat fettiges Haar und Schwitzflecken, zu uncool für das heiße Business, einer, der es mit Ehrlichkeit versucht und dabei aus der Rolle fällt. Erst am Ende steigt er selber auf zum Mobbing-Meister, zum Intrigenkönig im Büro.

Nurkan Erpulat inszeniert einen Blitzkurs in modernem Management. Einer kommt, einer geht, und alles bleibt gleich, weil die, die anders sind, gar nicht bis oben kommen. Was in diesem Ministerium entschieden wird, bleibt egal. Hier geht es jedem um sich. La Roche will Rache. Selicour will Diplomat werden. Die Ministermutter (Verena Reichhardt) will die Enkelin (Patricia Wapinska) an den Staatsmann bringen. Die will Karl (Marian Kindermann), Sohn des fleißigen Firmin: Ein Hippie, der „Wish You Were Here“ singt - lieb, aber mit geringer Tatkaft gesegnet.

Der verlogene, dumme Haufen findet Erfüllung beim Biegen von Luftballon-Tierchen 

Die Regie mag die Figuren nicht, keine von ihnen. Was für ein verlogener, dummer Haufen, der seine Erfüllung im Biegen von Luftballontierchen findet. Der Minister schwenkt das Designer-Tütchen. Moritz Führmann als Narbonne ist sehenswert; eitel, borniert und als Staatsmann doch eigentlich bedingt geeignet. Selbst Firmin (Dirk Ossig) ist verschlagen in seiner Strebsamkeit. Ganz oben jedoch kriecht Selicour: Er schwatzt dem Poeten Karl ein Lied ab, und als man ihn um ein Memoire mit Optimierungsvorschlägen bittet, betrügt er mit einer Arbeit Firmins. Die Regeln des Aufstiegs hat er verinnerlicht: Nimm Einfluss, nutze das Private. Dadurch wird der Mensch erpressbar.

Gerechtigkeit gibt es nur auf der Bühne

Florian Jahr ist nicht brillant, aber gut; dass er selbst als Schleimer ein Sympathieträger ist, gibt die Vorlage her. Und weil das alles nicht reicht, hat die Regie eine Geschlechtsumwandlung vollzogen. Aus dem Bauern Robineau wird Jeanette. Sie bittet Vetter Selicour um ein Praktikum. Paraderolle für Stefanie Rösner mit dem Smartphone in der Jeans, ein Mädel wie aus dem Mittagstalk. Sie ist die einzige, die außerhalb steht. Die Stimme des Volkes („Halloballo!“), auf der ehrlichen Suche nach dem Glück.

Hundert Minuten später ist sie wieder auf dem Land, und es war ein unterhaltsamer Abend. Zufrieden sind wir nicht. Zwar ist Selicour gescheitert, dafür hebt Narbonne das Glas. Gerechtigkeit, tönt er, gibt es nur auf der Bühne. Der Schein regiert die Welt. Dass er selbst im Amt bleibt, austauschbar, mittelmäßig, will einem nicht recht behagen. Armer Politikbetrieb. Mal gucken, wer die Wahl gewinnt.

Weitere Termine: 17., 20., 27. Sep­tem­ber, 7., 12., 14., 30. Oktober, Karten: 0211 / 36 99 11

 
 

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