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Jubel mit einem Hauch Trauer

10.06.2012 | 15:49 Uhr
Jubel mit einem Hauch Trauer
Public Viewing in den Kasematten am Düsseldorfer Rheinufer. Foto: Uwe Schaffmeister

Düsseldorf. In den ersten Minuten nach dem letzten Pfiff ist jeder mit sich allein. Lisete Borges, die Kellnerin, zuckt mit den Schultern und guckt traurig. Ihr Kollege muss erst mal raus – eine Beruhigungszigarette rauchen. Dabei zupft er das Portugal-Banner von der Motorhaube seines Autos. Derweil räumt Mitinhaber Filipe Castelo ab und wischt über die Tische.

Nein, kein „Eu estou contente!“ – Ich bin glücklich - sondern Melancholie mit einem Medronho, einem klaren Trester-Brand auf Ex. Während tausende Fans am Rheinufer jubeln – für einen ausgewachsenen Autocorso war die Leistung der deutschen Mannschaft noch zu schwach – klingt der EM-Abend im Clube Portugues eher still aus mit einem Hauch Saudade unter all dem Lachen. Ganz portugiesisch, eben.

„Eigentlich hätte es ein Unentschieden geben müssen“, schmollt Gudrun, neben mir auf der Bank. Und das nicht nur wegen der beiden Lattenknaller, dem Wembley-Kuss für die deutsche Torlinie vor der Halbzeit und dem portugiesischen Sturmlauf in den letzten zehn Minuten von Lwiw, das großdeutsche Fußballreporter gerne Lemberg nennen. Nein. So ein Unentschieden hielte hier eine Menge internationaler Paare in einer Art nervenschonender, diplomatischer Schwebe zwischen Herz und Ballinstinkt.

Der ganz persönliche Doppelpass

Patricia Reinsch und Victor Tiago spielen seit zwei Jahren ihren ganz persönlichen Doppelpass. Und bei der gemeinsamen Liebe, unter anderem zu Borussia Dortmund, ist doch auch kein Problem. Doch heute Abend trägt Patricia das deutsche -, Victor das portugiesische Trikot. Das beziehungsinterne Dribbling darüber, wer am Ende gewinnen wird, hatten sie eigentlich auf die Zeit nach dem Essen vertagt. Doch dann spurtet Viktor los: „Portugal gehört zu den besten acht Mannschaften der Welt. Nur einen Titel haben wir noch nie geholt. Das steht jetzt bei dieser Europameisterschaft an.“

Gemessen an den Fahnen vor den Fenstern hätte Portugal 20:1 gewinnen müssen. Immerhin ein deutsches Banner weht über dem Eingang. Und drüben im Hof gegenüber haben sie ihre geschmückten Karossen geparkt – für den Autocorso im Falle eines Sieges. Das schwarz-giftgrün lackierte Lissabon-Taxi vorneweg. Alles vergebens, bloß weil Mario Gomez zur Portu-Qual einen Ball ins Tor genickt hat.

Das war viel Pech im Spiel, was die Mädelsrunde um Soumaya (25) gut gelaunt registriert. Das Glück liegt also auf einem anderen Spielfeld? Sehr gut. Auf dem Tisch liegen langstielige Rosen für einen echten Junggesellinnen-Abschied. Soumaya wird Ari heiraten, doch jetzt gibt es erst einmal ein volles Programm zwischen 18 Uhr und – sagen wir - dem Morgengrauen. „Das Spiel ist uns einfach dazwischen gekommen“, sagt die Runde. Und so wird in Soumayas letzten Solo-Walzer einfach mit eingebaut.

Respekt vor den Gastgebern

Kurz vor Mitternacht weht ein unangenehm kühler Windstoß die letzten Gäste nach Hause. Unmittelbar nach dem Abpfiff haben die deutschen Fan im Clube Portugues geklatscht. Kurz und eher verhalten, um das eigene Aufatmen zu verstecken. Und aus Respekt vor den Gastgebern. Denn wenn das Mittelmeer gleich an der Erkrather Straße anfängt, möchte man schließlich jederzeit wiederkommen dürfen.

Dirk Neubauer (Text) und Uwe Schaffmeister (Fotos)


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