Immer mehr Düsseldorfer tappen in die Schuldenfalle

Dirk Neubauer
Werner Mertens von der Awo berät ein verschuldetes Paar.
Werner Mertens von der Awo berät ein verschuldetes Paar.
Foto: WAZ FotoPool
Sie wollten sich nur ein schönes Auto kaufen und es monatlich finanzieren. Dann verlor der Ehemann seinen Job, konnte nicht mehr zahlen. Seiner Frau und ihm blieb nur die Privatinsolvenz. Die Schuldner- und Insolvenzberatung der Awo half den Beiden ihre Finanzen wieder in Ordnung zu bringen.

Düsseldorf. „Nie wieder!“ Elvira Miovic (41, Name von der Redaktion geändert) schüttelt den Kopf, dass die blonden Haare fliegen: „Nie wieder mache ich in meinem ganzen Leben Schulden.“ Ehemann Nadzat (43, Name von der Redaktion geändert) nickt dazu.

Vor zehn Jahren erfüllte sich das Paar aus Montenegro einen gemeinsamen Traum auf Pump: ein neues Auto. An die 17 000 Euro dafür zu kommen, war leicht. „Wir haben einen Kredit genommen, mit niedrigen monatlichen Raten und einer etwas längeren Laufzeit“, sagt Nadzat. Die Belastung lag bei 350 Euro im Monat.

Nadzat Miovic verlor seinen Job

Knapp zwei Jahre lang war das kein Problem, denn Nadzat arbeitete als Maschinenführer in einer Produktion für Aktenordner. Doch dann brannte das Werk nieder. Die Produktion wurde nach Ungarn verlegt, Nadzat Miovic verlor seinen langjährigen, gut bezahlten Job. Und klemmte in der Schuldenfalle.

Die Bank bestand auf den Ratenzahlungen, weitere acht Jahre lang. Der Krach ums Geld führte zur Trennung von der Ehefrau, den drei Kindern. Miovic: „Da habe ich zum Teil an Selbstmord gedacht.“

Nach sieben Jahren Privatinsolvenz wieder schuldenfrei

Nach sieben Jahren Privatinsolvenz ist Nadzat seit Januar wieder schuldenfrei, seine Frau Elvira muss noch bis zum nächsten Januar durchhalten. Ein Schuldner-Schicksal, von denen es in Düsseldorf immer mehr gibt, warnt Peter Arnold, Leiter der Schuldner- und Insolvenzberatung der Awo.

Drei hauptamtliche und rund 20 ehrenamtliche Mitarbeiter betreuten im Jahr 2013 exakt 883 Singles oder Familien, die den Überblick über ihre Finanzen verloren hatten. Ein Zuwachs von etwas mehr als zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Geld ausgeben wird leicht gemacht

Denn immer mehr Menschen glauben, sich das Sparen sparen zu können. Es wird ihnen leicht gemacht. Hier mal 30 Euro im Monat für den neusten Flachbild-Fernseher, dort eine Couch auf Kredit. Ohne Zinsen! Wer ohne Rücksicht auf die jahrelangen Ratenzahlungen dem schnellen Konsum huldigt, darf niemals krank werden oder gar den sicher geglaubten Job verlieren.

Awo-Schuldnerberater Arnold: „Schon das Krankengeld nach sechswöchiger Genesungspause reicht manchmal nicht, um allen Verpflichtungen nachzukommen.“ Dann dreht sich eine Spirale. „Schulden sind ein Tabuthema“, sagt Arnold. Erst wenn es viel zu spät ist, wenn Inkassobüros Druck machen oder Gerichtsvollzieher vor der Tür stehen, melden sich Menschen mit Finanzproblemen.

Menschen melden sich erst in akuter Not

„Auslöser ist meist eine akute Notlage, mit der sich die Ratsuchenden an unsere Hotline wenden“, berichtet Arnold. Deren Sprechzeit verlängert die Awo wegen der großen Nachfrage demnächst von vier auf sechs Stunden pro Woche.

„Als erstes versuchen wir immer, den Druck von den Menschen zu nehmen“, sagt Arnold. Heißt: die akute Notlage beseitigen und den Verzweifelten deutlich machen, dass so etwas wie Pfändungsfreibeträge gibt. Bei Alleinlebenden liegen die bei 1050 Euro monatlich. Bei unterhaltspflichtigen Kindern und Lebenspartnern steigt der Betrag.

Notlösung ist die Privatinsolvenz

In einem zweiten Schritt erarbeiten Schuldnerberater zusammen mit den Betroffenen einen Plan, wie die Finanzen wieder ins Lot gebracht werden können.

Wenn es gar nicht anders geht, folgt der Gang zum Gericht - in die Privatinsolvenz. Sieben Jahre leben unter Aufsicht – danach ist man alle Schulden los. Elvira und Nadzat Miovic haben es so gemacht. „Zusätzlich hat uns die Awo wieder zusammengebracht. Und wir haben noch einen Sohn bekommen“, sagen sie heute und strahlen. Bis hierhin war es ein verdammt langer Weg.