GSG 9 stürmte in Düsseldorf Wohnung eines Verdächtigen

Der Mittwochmorgen in Düsseldorf festgenomme Carsten S. wird dem Haftrichter vorgeführt. Ihm wird vorgworfen, die braune Terror-Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) unterstützt zu haben.
Der Mittwochmorgen in Düsseldorf festgenomme Carsten S. wird dem Haftrichter vorgeführt. Ihm wird vorgworfen, die braune Terror-Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) unterstützt zu haben.
Die Ermittler hatten ihn schon länger im Visier: Carsten S., 31 Jahre alt, seit über acht Jahren Düsseldorfer, einst mutmaßlicher Unterstützer der braunen Terror-Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Am Mittwoch nahmen sie den Mann in Düsseldorf fest.

Düsseldorf. Am Mittwoch um sechs Uhr früh schlugen sie zu. Die Männer von der GSG 9 stürmten in das fünfgeschossige Mehrfamilienhaus an der Markenstraße 22 in Düsseldorf-Oberbilk, brachen die Wohnungstür von Carsten S. und seinem Mitbewohner auf. Der Verdächtige wurde festgenommen und wenig später zum Ermittlungsrichter nach Karlsruhe gebracht. Der Vorwurf: Beihilfe zu sechs Morden und einem Mordversuch durch die Zwickauer Terrorzelle.

Wohnung durchsucht

Der Einsatz verlief eigentlich unspektakulär. Viele Bewohner schliefen noch. Kaum jemand hatte etwas mitbekommen. Die schwer bewaffnete GSG 9 war fast so schnell wieder weg wie sie gekommen war. Das Weitere bleibt ein Fall für die Spürnasen: Beamte des Bundes- und des Landeskriminalamtes durchsuchten die Wohnung, schleppten kistenweise sichergestelltes Material heraus.

Unter den Beamten ist auch ein Düsseldorfer Hauptkommissar: Dietmar Wixfort, der Leiter der vor kurzem wieder ins Leben gerufenen Ermittlungskommission „EK Wehrhahn“. Er untersucht, ob es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen der Zwickauer Zelle und dem Sprengstoff-Anschlag am S-Bahnhof Wehrhahn geben könnte, bei dem am 27. Juli 2000 zehn zumeist jüdische Aussiedler zum Teil lebensgefährlich verletzt worden waren und eine junge Frau ihr ungeborenes Kind verloren hatte.

Dass Wixfort nun in der Wohnung von Carsten S. nach Spuren suchte, ist kriminalistische Selbstverständlichkeit. Er muss jedem Verdacht nachgehen, mag er auch noch so vage sein. Zwar zog Carsten S. erst im Dezember 2003 nach Düsseldorf, um Sozialwissenschaften zu studieren. Aber er war, so der Generalbundesanwalt, 1999 und 2000 im rechtsextremistischen „Thüringer Heimatschutz“ aktiv. Er soll in engem Kontakt zur untergetauchten NSU gestanden haben und ihr gemeinsam mit einem weiteren Verdächtigen 2001 oder 2002 eine Schusswaffe mit Munition besorgt haben.

In Düsseldorf hat er in der rechtsextremen Szene keine Rolle mehr gespielt. Der frühere Kfz-Lackierer soll ausgestiegen sein - und offenbar hat er ein völlig neues Leben begonnen. Im Internet schreibt er über sich, dass er gerne tanzt, Freunde trifft, Musik hört. Hier gilt er als der freundliche, verständnisvolle junge Kollege, der sich sozial engagiert, der Ideen hat, Spaß an Projekten zeigt, der einfach gerne hilft. Dieses Bild passt überhaupt nicht zu dem Mann, der Rechtsterroristen im Untergrund unterstützt haben soll. Als ob es hier um zwei völlig verschiedene Personen geht.

„Er hat sich distanziert“

Aids-Hilfe Düsseldorf, Johannes-Weyer-Straße 1. Dort arbeitete Carsten S. neben seiner Tätigkeit für das schwul-lesbische Jugendzentrum „Puls“ an der Corneliusstraße als Präventionsberater für Homosexuelle. Dort stand am Nachmittag in einer eiligst einberufenen Pressekonferenz sein oberster Chef vor laufenden Kameras: Peter von der Forst, seit vielen Jahren Geschäftsführer der Düsseldorfer Aids-Hilfe. „Wir sind schockiert, dass einer unserer Mitarbeiter unter diesen Vorwürfen verhaftet worden ist“, sagte er. „Wir distanzieren uns in aller Deutlichkeit von der rechten Szene und ihrem Gedankengut.“

Dass Carsten S., der 2005 seine Arbeit bei der Düsseldorfer Aids-Hilfe begann, als ganz junger Mann in der rechtsextremen Szene in Thüringen war , „das hat er uns gesagt“, bestätigte von der Forst. „Er ist von sich aus auf uns zugegangen und hat sich glaubhaft vom rechten Gedankengut distanziert. Er wollte damit nichts mehr zu tun haben Und er ist mit unseren Projekten inhaltlich in eine ganz andere Richtung gegangen.“

Die Aids-Hilfe glaubte ihrem Kollegen. „Wir haben es für sinnvoll gehalten, ihm eine neue Chance zu geben.“ Dass Carsten S. mit der Zwickauer Terrorzelle in Verbindung gebracht wird, erfuhr der Geschäftsführer erst am Morgen über die Medien. Die Haltung der Aids-Hilfe ist eindeutig: „Unser Beileid gilt den Opfern rechter Gewalt“, so von der Forst.

Jüngste Entwicklung sei gar nicht so überraschend

Für den Ratsherrn Frank Laubenburg kommt die jüngste Entwicklung gar nicht so überraschend, zumal es im Vorfeld mehrere Medienberichte über Carsten S. und Kontakte zur NSU gab. Die Unterstützung rechten Terrors sei „keine Jugendsünde“, hieß es vor einer Woche in seiner Pressemitteilung, in der er den vollen Namen des jetzt Beschuldigten nannte. Nun will Laubenburg wissen, ob der Verhaftete früher in einem offiziellen Aussteiger-Programm für Neonazis war.

 
 

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