Gottschalk: „Bin nicht mehr das, was ich gern sein möchte“

Thomas Gottschalk kehrte am Donnerstag zu seinen Radio-Wurzeln zurück – und beglückte dabei viele Fans im Museum Kunstpalast.
Thomas Gottschalk kehrte am Donnerstag zu seinen Radio-Wurzeln zurück – und beglückte dabei viele Fans im Museum Kunstpalast.
Beim WDR2 MonTalk im Museum Kunstpalast sprach die TV-Ikone über die neue Medienwelt, Markus Lanz und die Suche nach dem richtigen Karriereende.

Thomas Gottschalk braucht sein Publikum. Auch nach 151 Sendungen „Wetten, dass..?“ und unzähligen öffentlichen Auftritten liebt der wohl größte Entertainer Deutschlands immer noch das Bad in der Menge. Die passende Bühne dafür lieferten ihm jetzt die Macher des WDR2 MonTalk’s. Vor 700 Zuschauern im Robert-Schumann-Saal des Museum Kunstpalast plauderte Gottschalk mit Moderatorin Steffi Neu über sein autobiographisches Buch „Herbstblond“, seine Anfänge beim Radio und gewährte auch einen Blick in seine Zukunft. Dabei wurde klar: An Rente denkt er noch lange nicht.

Schon immer wagte Gottschalk Neues, auch wenn der Erfolg nicht programmiert war. 1971 startete er seine öffentliche Karriere als Freier Mitarbeiter für den Jugendfunk beim Bayerischen Rundfunk. 1976 erhielt er dort eine Festanstellung und steigerte seine Popularität als Moderator der Hörfunksendung „Pop nach Acht“. In den 80er-Jahren liebten die Kinogänger seine Komödien, in den 90er-Jahren war er Wegbereiter des deutschen Late-Night-Talk’s, kultivierte vor einem Millionenpublikum seine ausgefallenen Outfits und steht im Guinness-Buch mit dem längsten Werbevertrag der Geschichte.

Ehrlicher Blick auf sein Leben

40 Jahre lang nahmen ihn die Zuschauer mit in ihre Wohnzimmer. Nun, mit etwas Abstand, hat er seine Gedanken sortiert und niedergeschrieben. Ganz ohne Hilfe – dies wurde er am Donnerstag nicht müde zu betonen. „Ich schreibe alles selbst, die Leute dachten ja eh schon früher, dass mir meine Frau sogar die Klamotten rauslegt, da muss ich das ja wohl ganz alleine machen.“

Enthüllungen, Skandale, Intrigen – die gibt’s in seiner Autobiographie, die ab dem 27. April im Buchhandel zu haben ist, nicht. Vielmehr liefert er einen ehrlichen, nachdenklichen und selbstironischen Blick hinter die Kulissen seines Lebens. Von seiner Heimat im beschaulichen Örtchen Kullenbach, in dem sich heute noch der Eisdielenbesitzer daran erinnert, wie der junge Thomas damals seiner Frau die Schürze aufmachte, über die Familie, den frühen Tod des Vaters und das Leben in der Nachkriegsgeneration, bis hin zu den verschiedensten Stationen einer der schillerndsten Persönlichkeiten im deutschen Showgeschäft – auf 368-Seiten gibt’s das volle Gottschalk-Programm.

Seitenhieb gegen Nachfolger Lanz

„Radio war Emotion, war alles, was ich damals wollte“, erinnerte sich Gottschalk. „Ich war damals gar nicht so sehr darauf aus, ein TV-Titan oder ähnliches zu werden. Ein eigenes Büro in der Redaktion, ein sich durchbiegender Plattenschrank und ne nette Karosse in der Tiefgarage hat eigentlich völlig gereicht.“ Dann kam „Wetten, dass..?“, und der 64-jährige wurde zur Fernseh-Ikone. „‘Wetten, dass..?’ war Gottschalk und andersherum“, bemerkte der Neu-Autor und fügte an: „Ich hab’ das alles nicht so ernst genommen, es eher als eine Art Kindergeburtstag angesehen. Klar gab’s immer wieder Kritik daran, dass ich zu unkritisch mit den Leuten auf meiner Couch umgegangen bin. Mich hat auch gar nicht gejuckt, ob Tom Cruise bei Scientology war. Wieso sollte ich ihm auch so eine Frage stellen, wenn wir uns vorher darüber unterhalten haben, ob irgendwer 200 Fliegen im Mund halten kann?“.

Einen kleinen Seitenhieb gegen seinen Nachfolger Markus Lanz schickte er ungefragt hinterher: „Wenn mir einer gesagt hat, er kann 100 Liegestütze machen, hab ich ihm gesagt, ich schaff, wenn’s hochkommt, zwei. Lanz wollte unbedingt 97 schaffen.“

Ein bisschen Verbitterung, das konnte der Zuhörer heraushören, schwang bei Gottschalk trotz all der guten Laune mit. „Ich bin nicht mehr das, was ich gern sein möchte“, sagte er gleich zu Beginn. Die Medienwelt, wie er sie kennt, hat sich verändert, diese Erkenntnis ist auch an ihm nicht vorbeigegangen. „Heute herrscht in der Jugend diese Jackass-Mentalität. Die Leute tackern sich den Arsch zusammen, da kannst du nicht mit einem Kind punkten, das ein Buch rückwärts lesen kann.“ Moderatorin Steffi Neu ließ das weitgehend unkommentiert, ließ Gottschalk seine Show.

Schwierige Frage nach dem Karriereende

Der dunkelste Augenblick seiner Karriere, der 4. Dezember 2010, wird für immer mit Gottschalk und natürlich auch „Wetten, dass..?“ verbunden bleiben. Samuel Koch verletzte sich bei einer riskanten Wette schwer, sitzt seitdem im Rollstuhl. „All die Kritik an meiner Person hat mich immer kalt gelassen, wirklich weh getan hat mir Samuels Unfall, der Rest war egal“, erinnerte sich der 64-jährige und erzählte, dass er heute noch mit der Familie in Kontakt stehe: „Samuel war damals der perfekte Kandidat. Er war jung, sah gut aus und war wagemutig. Genau so einen brauchten wir damals. Dass er sich aber in einer eigentlich völlig sinnfreien Sendung so eine schwere Verletzung zuzog, ist schrecklich.“

Wetten, dass..?“ pausierte nach dem Unfall, in der folgenden Sendung kündigte Gottschalk seinen Rücktritt an. Seitdem sucht er nach einem Platz in der Medienlandschaft, der ihm entspricht. Gerüchte über ein mögliches Comeback bei „Wetten, dass..?“ sind nicht neu. Dieser Mann ist noch lange nicht fertig. „Die einen sagen, ich soll nicht aufhören, weil ich sonst tot umfallen würde. Die anderen sagen, ich soll meine Karriere lieber an den Nagel hängen, bevor ich im Rentenalter alles kaputt mache. Irgendwo in der Mitte liegt die Wahrheit – die suche ich im Moment.“

Noch immer Menschenfänger

Wie man die Zuschauer einfängt, weiß er jedenfalls noch: ein kleiner Witz über den Kopfschmuck des Herren in Reihe 3, ein besorgter Kommentar zum etwas ausgedehnten Klo-Aufenthalt der Dame in Reihe 1 – den Zuschauern gefiel’s. Am Montag wird Gottschalk 65 Jahre alt. Zeit, mehr in die Vergangenheit als in die Zukunft zu schauen, meint der Entertainer: „Ich hole mir die Kraft fürs Morgen aus den Erinnerungen ans Gestern.“

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