"Glückliche Tage" im kriselnden Düsseldorfer Schauspielhaus

Claudia Hübbecker mimt im Schauspielhaus die Winnie.
Claudia Hübbecker mimt im Schauspielhaus die Winnie.
Foto: Sebastian Hoppe
Stéphane Braunschweig inszeniert Samuel Becketts Endzeitstück im krisengeschüttelten Düsseldorfer Schauspielhaus. Am Samstag war Premiere. Ob der renommierte Opern- und Theatermacher mit "Glückliche Tage" das Ruder für das Theater noch einmal herumreißen kann, bleibt fraglich.

Düsseldorf.  Kein Dramatiker hat in seinen Stücken so intensiv und packend die Endzeitstimmung beschrieben wie Samuel Beckett. Und das, ohne die Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu beschwören. Viele der auftretenden Personen sind beinah absurde Figuren einer längst untergegangenen Zeit. Der Zufall will es, dass ausgerechnet jetzt in Düsseldorf Becketts „Glückliche Tage“ Premiere feierte. In einer Zeit, in der im Schauspielhaus mit über fünf Millionen Euro Miesen Endzeitstimmung herrscht.

Die Publikums-Auslastung hat ein historisches Tief erreicht. Die Stimmung hinter den Kulissen ist auf dem Nullpunkt. Doch der zweite Interims-Intendant Günther Beelitz verbreitet noch Zuversicht, steht aufgeräumt, elegant und gut gelaunt parlierend auf der Kommandobrücke. Ein 75-jähriger Grandseigneur, der seine Meriten vor 40 Jahren erworben hatte, soll das Ruder herumreißen. In letzter Minute – bevor 2016 ein jüngerer Intendant antreten soll. Der Name soll noch vor den Sommerferien feststehen, sagte Kulturministerin Ute Schäfer, als sie Beelitz der Presse vorstellte.

Nun nehmen auch diejenigen, die den sinkenden Kahn am Gustaf Gründgens-Platz noch Impulse geben, Reißaus, darunter Schauspieler und Dramaturgen. Man könnte meinen: Die Lotsen gehen von Bord. Wie berichtet gibt Chefdramaturgin Eva-Maria Voigtländer nach wenigen Monaten auf, ebenso Barbara Kantel, die drei Jahre lang das Junge Schauspielhauses geleitet hat.

Königin des Alltags

Die ästhetisch reduzierte Inszenierung von Becketts „Glückliche Tage“ des international renommierten Opern- und Theatermachers Stéphane Braunschweig, die am Samstagabend Premiere im Großen Haus feierte, dürfte da ein weiterer Abschied sein. Der Abschied vom Traum des wegen Krankheit zurückgetretenen Intendanten Staffan Valdemar Holm (und des früheren Kulturstaatssekretärs Grosse-Brockhoff), Düsseldorf in eine internationale Sprechbühne zu verwandeln.

Der 50-jährige Pariser Braunschweig, der bislang in Frankreich, Italien und Wien Erfolge feierte, wagt, dieses intime Kammerspiel auf die Bühne des großen Haus zu verlegen. Riskant deshalb, weil Winnie in ein Erdloch hineinwächst und am Ende nur noch ihr Kopf herausguckt.

Projektion auf Riesenleinwand

Dank Projektion per Videokamera auf einer Riesenleinwand erkennen selbst Besucher in den hinteren Reihen jedes Zucken der Lippen, jeden ängstlichen Augenaufschlag von Winnie, die in 100 Minuten nur mit sich selbst und ihrem Mann Willie spricht. Wie ihr ganzes Eheleben lang, gibt er kaum einen Ton von sich, liest Annoncen und Todesanzeigen in der Zeitung.

„Kannst du mich hören?“ ruft sie. Keine Antwort. Er robbt indes wie ein Seehund durch die Metallhügel-Landschaft, röchelt. Nur selten schenkt er ihr ein Wort. Dann strahlt Winnie – endlich wieder „ein glücklicher Tag.“

Anfangs thront sie wie eine einsame Königin des Alltags in einem von fünf Termitenhügeln aus Gitterstäben. Sie ist zwar schon eingeschlossen bis zum Bauchnabel, kann aber den Oberkörper noch beugen und drehen. Die imposante, opernhafte Bühneninstallation (ebenfalls von Braunschweig) hebt das Zwei-Personen Stück anfangs aus seiner deprimierenden Tristesse heraus. Doch schnell übermannt den Zuschauer die quälende Ruhe und Stille, in die sich nur Winnies zarte, manchmal ängstliche Stimme einnistet.

Spiegel und Regenschirm

Ihr eigener Hügel ist zugespachtelt mit Gips in Yves-Klein-Blau, darauf steht ihre Lacktasche, aus der sie ihre Utensilien hervorkramt. Lesebrille, Zahnbürste, eine fast leere Zahncreme-Tube, Spiegel, Regenschirm, der durch die sengende Sonne in Flammen aufgeht. Am Ende der „Glücklichen Tage“ klettert ein letztes Mal den Hügel hoch, kurz strahlen die Augen, doch ihr Kopf ist kaum noch zu sehen.

Ein in seiner bitteren Tragikomik nachhaltiges Theaterabend – besonders dank der schauspielerischen Leistung von Claudia Hübbecker. Sie zeichnet ein sanftes, manchmal heiteres Porträt von Winnie, die traurig am Ende mit der Welt abgeschlossen hat.

 
 

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