Geteiltes Echo auf neues Kreuz im Gericht

Tobias Blasius
Pressesprecherin Yvonne Bach neben dem Kreuz im Gang der zweiten Etage. Foto: Uwe Schaffmeister
Pressesprecherin Yvonne Bach neben dem Kreuz im Gang der zweiten Etage. Foto: Uwe Schaffmeister
Foto: Uwe Schaffmeister / WAZ Fotopool

Düsseldorf. Der Präsident des Düsseldorfer Verwaltungsgerichtes hat ein Kreuz in einem der Flure aufgehängt. Das sorgt acht Monate nach der Kruzifix-Debatte für reichlich Zündstoff.

Als die ersten der rund 200 Beschäftigten des Verwaltungsgerichts Düsseldorf am frühen Montagmorgen die mächtigen Marmortreppen des Justizgebäudes hinaufsteigen, schlägt das kollegiale Wochenbeginn-Geplauder ab dem zweiten Treppenabsatz um in eine tiefgründige Diskussion über Kirche und Staat. Anlass sind zwei matte Stahlstreben an der Wand. Gerichtspräsident Andreas Heusch hat über das Wochenende im zweiten Stock des Gerichts ein Kreuz anbringen lassen. Darunter prangt ein Zitat aus der Präambel der nordrhein-westfälischen Verfassung: „In Verantwortung vor Gott und den Menschen.“

Es ist kein gewöhnliches Kruzifix, sondern ein künstlerisch gestaltetes Kreuz aus Überresten des Eisernen Vorhangs. Aus Stahlmatten und Stacheldraht. Der Gerichtspräsident will damit den 20. Jahrestag der deutschen Einheit mit der schwierigen Frage christlicher Symbole im öffentlichen Raum verweben. Knapp acht Monate nach der landesweit hitzig geführten Debatte über die Entfernung der letzten Kreuze aus Düsseldorfer Gerichtssälen ist das ein durchaus heikles Statement.

Kontroverses Echo

„Es gibt ein kontroverses Echo“, räumt Gerichtssprecher Winfried Schwerdtfeger am Mittag ein. Gekreuzte Reste eines Unrechtszauns als Metapher für eine Institution, die Recht und Freiheit verpflichtet ist? Nicht jeder findet es glücklich, dass Heusch mit dem weltlich verfremdeten Kruzifix „auf die kulturellen Grundlagen unserer Verfassung, auf die Wurzeln, aus denen sich unsere freiheitliche Ordnung speist“, hinweisen will. Zu groß die Furcht, die Trennlinie zwischen Kirche und Staat könnte verwischen. Andere loben eine gelungene Demonstration der Verfassungsgrundlagen, ohne dabei die weltanschauliche Unabhängigkeit des Gerichts zu beeinträchtigen. In jedem Fall wird diskutiert – womit Heusch sein Hauptziel erreicht haben dürfte.

Im Februar hatten die Präsidenten des Düsseldorfer Amts- und Landgerichts eine Umbaumaßnahme genutzt, um die letzten Kreuze in den Verhandlungssälen ein für allemal einzulagern. Im Verwaltungsgericht gab es ohnehin seit Jahren kein Kruzifix mehr. Allerdings fiel der dortige neue Präsident durch eine nachdenkliche Position zu diesem Thema auf. Während Politik und Öffentlichkeit über das Zurückdrängen christlicher Symbole stritten, erinnerte Heusch an die von den Verfassungsvätern angemahnte Würde des Menschen, die nicht in der Verhandlungsmacht des Staates stehe. Das Engagement für das Kreuz als Erinnerung an die Wurzeln, aus denen sich unsere freiheitliche Ordnung speist, schien ihm lohnenswert.

Nun also ein Kreuz im Flur an der Düsseldorfer Bastionstraße. Ausgerechnet. Das erste große Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts 1973 nahm hier seinen Ausgang. Ein israelischer Anwalt, Emigrant deutscher Herkunft, hatte sich in einem Wiedergutmachungs-Prozess geweigert, vor einem Richtertisch mit einem 75 Zentimeter hohen Standkreuz zu verhandeln. Seither muss kein Prozessbeteiligter in Deutschland mehr religiöse Symbole im Gerichtssaal dulden. Wie es sich mit dem Flur verhält, wird womöglich irgendwann Justitia klären.