„Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden“

Protest-Aktion des Bündis für Bezahlbaren Wohnraum vor dem Gelände an der Ecke Witzelstraße/Auf´m Hennekamp in Bilk.
Protest-Aktion des Bündis für Bezahlbaren Wohnraum vor dem Gelände an der Ecke Witzelstraße/Auf´m Hennekamp in Bilk.
Foto: Lars Heidrich / WAZ FotoPool
Für Stadtpsychologe Kai Lenßen spielen in der Debatte um bezahlbaren Wohnraum viele Faktoren eine Rolle. Da sagt er im Interview mit der NRZ.

In den vergangenen Monaten nahmen in Düsseldorf die Proteste gegen die Wohnungsnot sukzessive zu. Die Planungen der Stadt, für Neubaugebiete nur fünf bis zehn Prozent Sozialwohnungen vorzuschreiben, stößt auf breite Kritik. Zuletzt organisierte das „Bündnis bezahlbarer Wohnraum“ die Aktion „Sleep out“, bei der mehrere Dutzend Menschen mit Schlafsäcken und Isomatten im Herzen der Altstadt einen ganzen Tag lang campierten und so gegen den „bestehenden Mietwahnsinn“ protestierten.

In der Debatte um bezahlbaren Wohnraum spielen jedoch viel mehr Faktoren eine Rolle, als viele vermuten. Sagt Stadtpsychologe Kai Lenßen, der in Düsseldorf Chef einer interdisziplinär agierenden Expertengruppe ist, die Lösungen in Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Kommunikation, Politik, Umwelt, Mobilität und auch Stadtplanung erarbeitet. Die NRZ sprach mit dem 51-Jährigen, der sein Büro in Wersten hat, über günstiges Wohnen, über den Verlust von Heimat und zukünftige Lebensräume in der Stadt.

NRZ: Herr Lenßen, zu den Schwerpunkten Ihrer Arbeit gehört das Thema Stadtentwicklung. Wie beurteilen Sie die derzeitige Debatte um bezahlbaren Wohnraum in Düsseldorf?

Kai Lenßen: Es ist aktuell so, dass sich etwa jeder fünfte Mieter in Düsseldorf im Niedriglohnbereich befindet. Hinzu kommt, dass wir in der Stadt etwa 50 Prozent Ein-Personen-Haushalte zählen. Demgegenüber steht ein überproportionales Angebot an Wohnungen mit fünf und mehr Räumen aus den Beständen der 1950 bis 1970 Jahre. Dazu kommt, dass die Mieten in unserer Stadt in den vergangenen sieben Jahren um mehr als 10 Prozent gestiegen sind. Die Zahl der preisgebundenen Wohnungen ist – bezogen auf die letzte Dekade – auf knapp die Hälfte gesunken. Das alles führt dazu, dass in Kernstädten wie Düsseldorf jeder fünfte Haushalt durch die Wohnkosten überlastet ist. Es fehlen aktuell schätzungsweise 16 000 Sozialwohnungen in unserer Stadt. Wir sprechen daher von einem äußerst brisanten Problem und einer Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden.

Und von den Schwierigkeiten der Einflussnahme...

Der Deutsche Mieterbund als größter Vertreter von Mieterinteressen fordert ja, kommunale Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften zu stärken, die Fördermittel für sozialen Wohnungsbau auszuschöpfen und appelliert an die Bereitstellung von günstigem Bauland. Er kritisiert auch die Börsengänge der Wohnungsunternehmen wie LEG oder Gagfah. Unternehmen an der Börse sind gezwungen, Rendite zu erzielen – Einsparungen, die dann für Investitionen in Wohnungen fehlen. Ich sage, Investoren müssten sich zu einem Anteil an Sozialwohnungen von 20 oder 30 Prozent verpflichten. Und politische Entscheidungsträger sollten über die Vergabe von Erbbaurechten und die Förderung privater Baugruppen beraten.

Fakt ist zurzeit jedoch, dass in der Stadt Bauland knapp ist. Und wenn gebaut wird, vorzugsweise teure Eigentumswohnungen. Müssen in Düsseldorf demnächst wieder vermehrt Wolkenkratzer für so genannte Niedriglohnhaushalte gebaut werden, weil in der Breite der Platz fehlt?

Hochhäuser sind sicher eine Alternative zum hochpreisigen Wohnungsbau und würden die Wohnungsknappheit bei uns entschärfen. Allerdings werden Wohntürme in unserer Kultur ja eher abgelehnt. Das ist übrigens in anderen Ländern ganz anders. In Israel etwa werden mit dem Hochhauswohnen viele Vorteile verbunden: bessere Aussicht, bessere Luft, mehr Ruhe, dort hat also diese Art des Wohnens ein hohes Prestige. Wenn wir in Düsseldorf dem Hochhauswohnen ein positives Image verschaffen, wird es vermutlich einen Run auf diese Wohnform geben.

Bis dahin steht leider zu befürchten, dass künftig viele Düsseldorfer auf der Suche nach günstigem Wohnraum in die Peripherie gedrängt werden. Sie, Herr Lenßen, beschäftigen sich in Ihrer Arbeit auch mit Themen wie Heimat oder Identität. Diese Dinge gehen dann doch verloren...

Ja, Sie haben Recht. Menschen, die eine Ortsidentität aufgebaut haben, engagieren sich für ihr Viertel und pflegen gute nachbarschaftliche Beziehungen. Etwas Besseres können sich Stadtverantwortliche von ihren Bürgern ja nicht wünschen. Fühlen sich Menschen hingegen aus ihrem Umfeld „verdrängt“, stellt das einen massiven Eingriff in die Persönlichkeit dar. Jüngere, Besserverdiener und Bewohner von Großstädten zeigen eine größere Flexibilität. Allerdings stärkt die Tendenz, beruflich immer mobiler sein zu müssen, auch den Wunsch nach Heimat. Heimat bedeutet Ortsverbundenheit und ist Teil unserer Ich-Identität. Die Bindung an einen Ort wie Düsseldorf oder auch nur an ein Quartier gelingt recht gut, wenn seine positiven Aspekte überwiegen und er viele Gelegenheiten zur Gestaltung, Geborgenheit und Gemeinschaft bietet. Eng damit verbunden ist die Wohnzufriedenheit. Sie hängt ab von so unterschiedlichen Dingen wie Einkaufsmöglichkeiten, Verkehrsanbindung, Architektur, Lage und Image, kulturelle Angebote oder Erholungsmöglichkeiten.

Das Wohnen ist ein Grundbedürfnis des Menschen, sagt man. Welche Faktoren spielen da eine Rolle?

Da ist zunächst das elementare Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz. Dieser Wunsch ist so grundlegend, dass er im Grundgesetz, Artikel 13 verankert ist. In unseren vier Wänden wollen wir uns vor den Blicken anderer, vor Lärm oder Schadstoffen abschirmen. Wohnen bedeutet zudem auch Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung. Zum aktuellen Thema um bezahlbaren Wohnraum in Düsseldorf passt auch das Grundbedürfnis nach Beständigkeit, Konsistenz und Vertrautheit. Also bitte keine drastischen Mieterhöhungen!

Zum Schluss bitte ein Ausblick: Welche Wohnlandlandschaft werden wir in Düsseldorf in, sagen wir, 50 Jahren haben?

Es gab schon zahlreiche Wohnutopien: das Wohnen auf dem Wasser und sogar unter dem Wasser, in Baumhäusern oder in hippen Wohncontainern. Und wenn ich mir etwas wünschen darf, so favorisiere ich das nahezu mietfreie Wohnen. In 50 Jahren sollten Düsseldorfer Parks und Stadtoasen so miteinander vernetzt sein, dass Fußgänger und Radfahrer stressfrei von A nach B kommen. Im Jahr 2060 dürften öffentliche Räume für Szene und Begegnung in der Stadtentwicklung Standard sein: große mobile Freiflächen für Graffiti am Rhein, eine kultige Einkaufsstraße im dörflichen Stil am Reisholzer Werfthafen, zehn autofreie Tage im Jahr und die sanfte Rückeroberung der Wohnstraße durch Kinder und Jugendliche. Auch die Vorstellung vom Hochhauswohnen hat ihre attraktiven Seiten – vorausgesetzt, es wird Schall isolierend gebaut. Auch das Thema Mehrgenerationenwohnen ist interessant. Es gibt derzeit schon einige Gruppen, z.B. in Kaiserswerth, Benrath, Vennhausen und Bilk, die fieberhaft und oft ehrenamtlich an Projekten arbeiten. Ich hoffe, dass es keine 50 Jahre dauern wird, bis solche Wohnformen bedarfsorientiert Realität werden.

 
 

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