Freigang der Träume in der Ulmer Höh

Joe Brockerhoff in „seiner“ Zelle. Foto: Sergej Lepke / WAZ Fotopool
Joe Brockerhoff in „seiner“ Zelle. Foto: Sergej Lepke / WAZ Fotopool
Foto: Sergej Lepke / WAZ Fotopool
Der Verein Düsseldorfer Künstler bespielt am Samstag und Sonntag das Jugendhaus des leer stehenden Gefägnisses Ulmer Höh und lud alle dazu ein. Spannend ist der Rundgang in doppelter Hinsicht. Weil es viel Neues zu entdecken gibt im Altbau 1894.

Düsseldorf. Normalerweise fühlt sich Ralf Schmidt als Künstler wohl. Doch hier schlüpft er in eine andere Rolle: Bereichsleiter, Zelle 203. Mit Hilfe eines Schlüsselkastens hat Schmidt Ordnung geschaffen. Die Namen Peter Hartz und Karlheinz Schreiber stehen auf den Schlüsseln der belegten Zellen. Dagegen wird Bill Gates noch der Prozess gemacht - wurden Christian Wulff und Jörg Kachelmann bereits begnadigt. Schmidt fegt gerade aus. „Ich wollte die Depression nicht so in den Vordergrund stellen“, sagt er. So sind Gerechtigkeit und Urteilsfindung seine Themen, auch auf Fotografien, Tusche- und Aquarellzeichnungen. Bietet sich ja an. Wann zeigt man seine Bilder schon mal im Knast?

Heute etwa und morgen auch. Der Verein Düsseldorfer Künstler bespielt zwei Tage lang das Jugendhaus der Ulmer Höh und lud alle dazu ein. Spannend ist der Rundgang in doppelter Hinsicht. Weil es viel Neues zu entdecken gibt im Altbau 1894. Und auch, weil man einen letzten Blick ins Gemäuer werfen kann, bevor es zusammen mit dem gesamten Komplex abgerissen wird. Die Planungen sehen auf dem gesamten Gelände Wohnungen vor.

Doch fürs erste gehört das Jugendhaus der Kunst. 88 Zellen, drei Etagen, gilt es zu erobern. Rund 60 Künstler beteiligen sich mit Skulpturen, Installationen, Zeichnungen und Gemälden, die sich auf den Ort beziehen. Das Ergebnis ist ein ungewöhnliches Miteinander, das spannend ist und bedrückend zugleich. Drei, vier Quadratmeter messen die meisten Zellen, Wasch- und Klo-Ecke inklusive. Nur ein wenig größer sind die Räume, in denen zwei Häftlinge lebten. Dicke Türen, massige Riegel, karge Flure. Auf jede Etage hängt ein Stufenplan, der bei guter Führung Privilegien wie eine offene Tür und mehr Telefonate verspricht. Der Blick fällt in eine Zelle, in der eine Skulptur mit einer Gasmaske auf einer Toilette hockt.

Bodypainting in der Kapelle

„Police Line - Do Not Cross“ steht auf einem Stück Holz mit Eimer-Kopf draußen vor der Tür. Jürgen Weber schleppt einen Bildschirm die Treppen hinauf in die Kapelle. Hier wird er heute um zehn eine Bodypainting-Aktion starten, als Kulisse dient ein Esstisch mit Stühlen in schwarzweißhäftlingsgestreift, auf dem Boden liegt die obligate Stahlkugel. Das Ganze wird aufgezeichnet. 20 Videoclips hat der Künstler im Gepäck. Weber zeigt Fotografien alter Arbeiten: Die Umgebung hat die Frau komplett verschluckt, was in diesem Kontext um so passender erscheint.

Während die Bildhauerin Lu Possehl die mutmaßlichen Träume Inhaftierter zu (überaus weiblichen) Edelstahlskulpturen formte, haben sich die Künstlerkollegen Dieter Wintermeyer und Sophie Kreidt mit „Der Zeit danach“ beschäftigt: Die Stunden verrinnen in einer Sanduhr in einer großen Pyramide. Joe Henning von den Mayo Brothers nutzte die Gelegenheit für eine „Vergangenheitsbewältigung“. An den Wänden seiner Zelle hängen Briefe seiner Frau und Bilder seiner Kinder. Auf dem Tisch liegt ein angebissener Apfel.

„Das ist verjährt!“

Neben der Tür fällt der Blick auf alte Gerichtsvorladungen in eigener Sache (Henning: „Die sind verjährt“), darunter eine Anzeige der Bahn wegen Schwarzfahrens von Geldern nach Aldekerk. Vermerk: „Kein Geld! Kein Fahrschein!“

Dagegen hat sich Joe Brockerhoff in Zelle 308 Gedanken über „seinen“ Bewohner gemacht. Wie ist er gewesen? Was hat er angestellt? Kritzeleien an den Wänden erzählen von endloser Langeweile. Eine zeigt einen langhaarigen Mann, im Mund hat er einen Joint. Brockerhoffs große teils abstrakte Gemälde sind da Gegensatz und Ergänzung. „Gewaltbereitschaft ist kein Gen, sondern ein Reaktion“ heißt eins. „Verbrecher sind nicht von Natur aus so“, sagt der Künstler. „Biester sind wir doch alle.“

Brockerhoff hat ein gutes Herz. Er war irrtümlich davon ausgegangen, dass im Jugendhaus noch Häftlinge einsitzen, die sich mit Hilfe der Kunstausstellung mit ihrem Leben beschäftigen können. „Ich hatte extra ein paar Packungen Zigaretten dabei.“

Rundgang Samstag, 24. März, zehn bis 20 Uhr; Sonntag, 25. März, zehn bis 18 Uhr. Eingang Metzerstraße 36-38. Der Eintritt kostet 2,50 Euro. Ulmer Höh

 
 

EURE FAVORITEN