Erinnerungen zwischen Bohnen

Petra Kuiper

Über die Anzahl der Toten der Katastrophe von Tschernobyl existieren unterschiedliche Angaben. Waren es 100? 250 000? Oder viel mehr? Zuletzt war in einer Studie von weltweit 1,4 Millionen Opfern in den vergangenen 25 Jahren die Rede. Bezieht man die Embryos mit ein, die wegen der Strahlenbelastung bereits im Mutterleib zugrunde gingen, wären es sogar 1,6 Millionen. Über die Langzeitfolgen für Natur und Menschheit wird unterdessen immer noch gestritten. 17 Jahre ist es her, dass nah der ukrainischen Stadt Prypjat ein Reaktor platzte. Für ihre Interviews mit Überlebenden wurde Swetlana Alexijewitsch soeben mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. Ihre Aufzeichnungen bringt das Ensemble der Regisseurin Anna Malunat zur Eröffnung der Spielzeit im Forum Freies Theater (FFT) auf die Bühne. „Postcards from the Future“ versteht Malunat, städtische Förderpreisträgerin dieses Jahres, als letzten Teil ihrer Trilogie zum Thema Heimatsuche.

Die Juta-Bühne hat sich in einen Wald verwandelt. Bohnenpflanzen wuchern bis zur Decke, wo man sie festgebunden hat; zu dürr sind die Zweige. Die Wurzeln stecken in 2000 Schuhen, die Düsseldorfer vorab zur Verfügung stellten. Gummistiefel, Turnschuhe, Kinderschluppen. Ein eindrucksvolles Bild ist das, das im Gedächtnis bleibt.

Das gilt auch für die Geschichten der Opfer, die Katharina Meves, Theo Plakoudakis und Johannes Öllinger vortragen. Da ist die alte Frau, die sich von ihrem Haus verabschiedet und vor jedem Apfelbaum verneigt, eine Andere, die überall tote Spatzen findet. Und da ist ein Paar. Die beiden wollen heiraten. Sie wird schwanger. Nach der Reaktor-Explosion schwellen seine Lymphknoten an, dann das Gesicht. Ein Todgeweihter. Das Kind stirbt schon im Mutterleib am Gift der Strahlen.

„Das ist nicht lustig. Katharina“

Ein harter Tobak ist das, musikalisch live untermalt. Bisweilen gelingt das: Wenn Katharina Meves die Liste der Toten herunterbetet, wird daraus dank E-Bassbegleitung ein harter, ja grausamer Beat.

Im Endeffekt jedoch will sich der Abend nicht recht zum Ganzen fügen. Irgendwann ermüdet die merkwürdige Mixtur aus Lesung und dramaturgischen Ideen. Die drei trinken Bier, tanzen, wobei ihnen wie in den Erzählungen der Opfer die Beine wegknicken. Meves verrenkt sich, der Kollege sagt: „Das ist nicht lustig, Katharina“.

Betroffenheit ist selten abendfüllend, das Leid hat es schwer in der Welt. Und einen Blick aufs Heute enthält Anna Malunat uns vor. Keine Spur von Postkarten aus der Zukunft. Und so sieht man den Wald bald vor lauter Bäumen nicht mehr. Was bleibt sind schockierende Erinnerungen, vorgetragen zwischen verdorrten Bohnen.