Ein strammes Pensum ist Alltag

Petra Kuiper
Opernsänger Corby Welch im noch leeren Zuschauerraum. Foto: Sergej Lepke / WAZ Fotopool
Opernsänger Corby Welch im noch leeren Zuschauerraum. Foto: Sergej Lepke / WAZ Fotopool
Foto: Sergej Lepke / WAZ Fotopool

Düsseldorf. Corby Welch hat es erwischt. Ein Schnupfen, nicht schlimm, aber lästig. Ein unpassender Zeitpunkt. In vier Stunden muss der Tenor auf der Bühne stehen. Zwei Szenen „Dialogues des Carmélites“, keine Riesensache. Morgen aber folgt sein Debüt als Kaiser in Richard Strauss’ „Frau ohne Schatten“. Und das ist nur der Anfang. Sechs Opern stehen in der nächsten Zeit auf Welchs Spielplan, Partien von Mozart bis Britten. Gut im Geschäft zu sein hat seinen Preis, weiß der 39-Jährige aus Erfahrung. Und so ignoriert er die verstopfte Nase wacker. Obwohl, „heute muss ich mich noch einsingen.“

Schwergewicht Wagner

Klingt als wäre nichts. Stimmt. Corby Welch ist nicht empfindlich. Als Vater von drei kleinen Kinder ist der US-Amerikaner an Kindergartenviren und Dauerstress gewöhnt. Der große kräftige Mann hat Bodenhaftung und eine gute Konstitution, übertriebene Vorsorge lehnt er ab. Ein strammes Pensum ist Alltag. Welch ist als Wagner-Tenor ebenso gut wie als Mozart-Sänger. Eine Seltenheit, die einen Dauereinsatz nach sich zieht. Fast zehn Jahre ist er jetzt Ensemblemitglied der Rheinoper, das bedeutet Partien in rund 30 Opern, die er „bei Bedarf abrufen könnte.“

Welch spricht vom „leichten und schweren Fach“. Leicht ist etwa Mozart und leicht ist schwer. Aber Wagner und Strauss wiegen mehr. Weil hier psychologischer Feinschliff zählt. Das fordert den Schauspieler im Opernsänger. „Ich muss eine Figur richtig verstehen, damit ich sie spielen kann“, sagt Welch. Und überhaupt. „Ein Wagner-Sänger ist ein Langstreckenläufer mit der Kraft eines Gewichthebers.“ Allerdings gibt’s Grenzen. So kann ein Sänger nicht in jedem Alter alles gleich gut spielen. Da sind etwa Mozarts Prinz Tamino und Wagners Held Lohengrin. „Irgendwann ist man nicht mehr Tamino, der nicht weiß, wo’s hingeht. Irgendwann ist man Lohengrin, der es weiß und trotzdem handelt.“

Zeit für normale Dinge

Vor der Vorstellung bleibt noch etwas Zeit. Die nutzt Corby Welch etwa zum Einkaufen, „für ganz normale Dinge.“ Für die ist es beim Job ruhiger als daheim bei den Kindern in Duisburg. Täglich zwei Stunden braucht der Tenor neben den Vorstellungen allein für sein Textstudium, wobei er tschechisch schwierig findet und französisch und italienisch leicht und für einen komplizierten Burschen wie Siegmund schon mal ein halbes Jahr veranschlagt. Bei Probenbeginn muss alles sitzen. Im Gegensatz zum Theater sind drastische Regie-Eingriffe selten. Der Komponist bestimmt die Form.

Welchs Repertoire ist groß. Theoretisch könnte er eine Saison allein bestreiten. Er hat sich durch die Opernliteratur gesungen, dazu kommen Liederkonzerte und immer noch gern Bach-Passionen. Denn mit Bach fing es an, damals in Minnesota. Eigentlich liebäugelte Welch mit dem Beruf des internationalen Anwalts, lernte dann aber Dachdecker beim Vater, denn der ist Dachdecker und riet zu „etwas Vernünftigem“. Nebenbei aber hat er immer gesungen, im Knabenchor. Bei einem Solo in der Matthäus-Passion hörte ihn Helmuth Rilling. Der langjährige Leiter der Internationalen Bachakademie empfahl ein Studium in Deutschland. Das hat der Sänger absolviert. Danach der erste Auftritt im Rostocker Volkstheater, in der Zauberflöte als Tamino. Er muss gut gewesen sein. Nächster Spielort war die Hamburger Staatsoper.

Heute zieht es ihn zum „schweren Fach“, der jugendliche Held ist seine Sache. Im vorigen Jahr debütierte Welch in Weimar als Siegmund in der „Walküre“. Demnächst singt er Lohengrin. Nun wirkt er doch sehr stolz. So, als wisse er, wo es hingeht und sei bereit zum Aufbruch.