Ein Düsseldorfer Nazi in Polizeiuniform bewachte den Todeszug

Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte in Düsseldorf, entdeckte das Polizei-Dokument über eine Juden-Deportation. Foto. NRZ
Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte in Düsseldorf, entdeckte das Polizei-Dokument über eine Juden-Deportation. Foto. NRZ
Foto: NRZ_Kai Kitschenberg
Einen brisanten Fund machte Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte in Düsseldorf. Er entdeckte bei seinen Internet-Recherchen ein Polizeiprotokoll im Londoner Archiv „Wiener Library“ über die Deportation von 992 jüdischen Bürgern am 10. November 1941 vom Derendorfer Güterbahnhof ins Ghetto in Minsk.

Düsseldorf.. Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte in Düsseldorf, entdeckte im Londoner Archiv "Wiener Library" ein brisantes Dokument: einen vertraulichen amtlichen Bericht des Hauptmanns des Begleitkommandos, Wilhelm Meurin. Ein menschenverachtendes Schriftstück eines Nazis, eines Verbrechers in Uniform. Aber auch ein bedeutendes Zeitdokument, weil zuvor landesweit nur ein einziges erhaltenes Protokoll über eine Juden-Deportation bekannt war - und zwar vom Düsseldorfer Polizei-Hauptmann Paul Salitter, der am 11. Dezember 1941 den Abtransport von 1007 jüdischen Bürgern nach Riga leitete.

„Wer hat das unterschrieben?“

Wie der Bericht über die Minsk-Fahrt des Todeszuges nach London gelangte, kann Fleermann nicht sagen. „Das sind Überbringungszufälle, die man sich nicht erklären kann.“ Viele Jahre schlummerte das Protokoll im Londoner Archiv. Fleermann informierte per Telefon sofort Kommissar Klaus Dönecke über den Fund. Dönecke erforscht die Verstrickung der Polizei in Naziverbrechen. Der Polizist wollte als erstes wissen: „Wer hat das Protokoll unterschrieben?“

Es war Wilhelm Meurin, Düsseldorfer Polizist, Nazi, SS-Mann. Dönecke und der Verein „Geschichte am Jürgensplatz“ trugen alles zusammen, was sie über diesen Mann in Erfahrung bringen konnten. Er, der 1939 Hundertschaftsführer der Düsseldorfer Polizei wurde, der im Jahr darauf ein Polizeirevier in Düsseldorf leitete und 1942 Kompaniechef im berüchtigten Reserve-Polizei-Bataillon 67 wurde, das an Deportationen und Erschießungen tausender Menschen in Polen beteiligt war. Er leitete auch auf Antrag des SS-Führers im „Distrikt“ Lublin die „Polizeiabteilung zur besonderen Verfügung Zamosc“, die polnische Dörfer für sogenannte „Umsiedlungen“ umzingelte, Bauern vertrieb und ganze Familien und Gemeinschaften auseinander riss. Meurin selbst war zudem Vorsitzender eines Standgerichtes, das polnische Angeklagte in der Regel zum Tode verurteilte.

Zustand der Deportierten - nur einige Randbemerkungen

Die Deportation von 992 Juden - darunter 627 Düsseldorfer - vom Derendorfer Güterbahnhof nach Minsk protokollierte Meurin in einem siebenseitigen Bericht. Ausführlich ließ er sich über die ständigen Verspätungen des Zuges aus, der Zustand der Deportierten war für ihn lediglich einige Randbemerkungen wert. Eine Passage über eine angebliche Feier von in Minsk angekommenen Juden hält Bastian Fleermann für eine glatte Lüge. „Das ist obszöne Fantasie.“ Erst nach 92 Stunden erreichte der Zug Minsk. Die in den Waggons zusammengepferchten Menschen waren völlig entkräftet, hatten seit langem kein Wasser bekommen, froren bitterlich bei minus 18 Grad.

Nur fünf Deportierte überlebten

Es war der Transport mit der größten Zahl an Düsseldorfer Bürgern, erinnert Hildegard Jakobs von der Mahn- und Gedenkstätte. Nur fünf Deportierte hatten am Ende den Holocaust überlebt. Darunter Günther Katzenstein, der in Düsseldorf an der heutigen Stresemannstraße lebte, sich verlobte und dessen Eltern ein Textil-Geschäft am Schwanenmarkt betrieben. Alle mussten ins Ghetto. Alle starben dort. Seine Eltern und seine Frau wurden bei Vergeltungsaktionen der Nazis erschossen. Er überlebte das Grauen. Wie er das schaffte, „das kann ich ihnen nicht sagen“, berichtete einst der heute 91-Jährige, der in Stockholm lebt.

 
 

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