„Eher Schwindel als fromme Andacht“

Foto: Apostelkirche

Düsseldorf. Ist ein Kunstwerk beliebig teilbar? Was für Experten undenkbar ist, soll derzeit in Gerresheim praktiziert werden. Dort plant die Diakonie, nur die Hälfte des zehn Meter hohen Kirchenfensters der Apostelkirche in den Nachfolgebau zu integrieren.

Über eine derartige „Entstellung des Gesamtkunstwerks“ sind die Nachkommen des Glaskünstlers Ernst Otto Köpke entsetzt. Jetzt machen sie von ihrem Urheberrecht Gebrauch. Professor Wulf Köpke, Sohn des Künstlers: „Die künstlerische Bedeutung des Fensters würde durch eine deutliche Verkleinerung zerstört.“ Sein Fazit: „Wieder soll in Düsseldorf ein großes Kunstwerk quasi im Vorbeigehen ausgelöscht werden.“

Das Kürzel „EOK“ steht unter Hunderten von gestalteten Glasfenstern zwischen Aachen und Berlin. Der Düsseldorfer Künstler, der vor einem Jahr im Alter von 94 Jahren starb, gilt als einer der größten Glasmaler im Nachkriegsdeutschland. „Die Tragik liegt darin, dass der Denkmalschutz sich erst allmählich an die Sakralbauten der Nachkriegszeit heranpirscht“, sagt sein Sohn Professor Wulf Köpke, Direktor des Hamburger Museums für Völkerkunde. „Bei den späten 50er und frühen 60er Jahren ist er meist noch nicht angekommen.“ Die Diskussion ist im Gang, kommt aber für die Gerresheimer Betonglaswand von 1960 zu spät. „In wenigen Jahre wäre dieses Fenster unter Schutz gestellt worden, würde sogar als Sehenswürdigkeit in Reiseführern stehen.“

Welch spirituellen Zauber das Kunstwerk (10 Meter hoch, 8 Meter breit) ausübt, davon konnte Wulf Köpke jetzt zwei Männer überzeugen, die nach dem Abriss der Kirche dort ein Pflegeheim planen: Diakonie-Pfarrer Thorsten Nolting und Architekt Johannes Schilling. Gemeinsam stiegen sie auf die Orgelempore. „Plötzlich leuchtete das Glas des Fensters in einer ungeheuren Intensität. Es war, als hätte unser Vater von oben einen Scheinwerfer angeknipst.“ Eine Arbeit voller Symbolik mit dem Kreuz als Mittelpunkt des Kosmos, das allem eine Mitte und einen Halt gibt.

„Das Herausschneiden eines Segments quer durch die radialen Linien würde ganz schrecklich aussehen“, so Köpke. „Aus den segnenden Strahlen würden unmotiviert breite, stürzende Linien, die eher Schwindel als fromme Andacht hervorrufen.“

Auch Kunstfreund Nolting räumt ein, dass er das Fenster erstmals bewusst in seiner ganzen Schönheit wahrgenommen habe. Gleichzeitig weist er auf finanziellen Zwänge hin. Notfalls solle das Fenster fotografisch dokumentiert und eingelagert werden. „Vielleicht bauen wir ja noch mal eine neue Kirche.“

Zuvor aber werden Pfarrer und Architekt nach einer Lösung suchen, das Fenster in Teilen zu retten. Die Erben fordern mindestens fünf Meter in der Höhe:. „Andernfalls bleibt nur die Totalvernichtung.“

Für eine andere Lösung, nämlich die Rettung des Kirchengebäudes samt Fenster, wie vom Amsterdamer Architekten Hertzberger vorgeschlagen, kann sich Nolting nicht erwärmen: „Das Thema ist vom Tisch.“ Selbst beim Erhalt des Gebäudes wäre der Blick von der Empore auf das komplette Fenster nicht mehr möglich: „Das ist ja gerade die Stärke des Kunstwerks, dass es den gesamten Raum füllt.“

 
 

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