Düsseldorfer Tankstellen im Wandel der Zeit

Ulrich Brzosa
Die Tankstelle am Schadowplatz musste für das neue Jan-Wellem-Verkehrskonzept weg.
Die Tankstelle am Schadowplatz musste für das neue Jan-Wellem-Verkehrskonzept weg.

Düsseldorf.  Schön war sie nicht, die Tankstelle am Carlsplatz. Sie war alt, verbaut und wenig einladend. Aber sie hatte Charakter. Sie war eine echte Tankstelle. Hier wurde mehr Benzin als Alkohol verkauft. Laut Definition ist eine Tankstelle nämlich eine Versorgungsanlage, an der Kraftfahrzeuge mittels Zapfsäulen mit Kraftstoffen versorgt werden. Ein durchgehend geöffneter Supermarkt mit Zapfsäulen für Benzin und Diesel gilt dagegen als Pseudo-Tankstelle, der umgangssprachlich gerne als Tanke bezeichnet wird. In den Gelben Seiten von Düsseldorf sind in der Rubrik „Tankstellen“ 83 Stationen gelistet. Nur gut ein Dutzend sind echt, der Rest sind Tanken.

Düsseldorfer Tankstellenkultur hat lange Tradition

Als am 30. September 2016 die Tankstelle am Carlsplatz nach 48 Jahren den Betrieb einstellte, schloss nicht nur die letzte Spritabgabestation in der Innenstadt, sondern es verschwand für immer auch ein Stück Düsseldorfer Tankstellenkultur. Und die ist lang.

Als Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Motorwagen durch Düsseldorf knatterten, mussten die Fahrer den Treibstoff für ihre Fahrzeuge in Apotheken, Drogerien und Kolonialwarenhandlungen kaufen, da eigene Verkaufsstellen für Kraftstoffe noch unbekannt waren. Das Benzin wurde in Kanistern, Kannen oder Flaschen abgegeben und bei Bedarf in den Tank gefüllt. Mit Niederlassung der ersten Fahrzeughändler in der Stadt konnten sich die Düsseldorfer Automobilisten dort mit Benzin versorgen, wo sie auch die Wagen kauften: Bei Mercedes an der Graf-Adolf-Straße, bei NSU an der Worringer Straße oder bei Dürkopp an der Königsallee.

Das heutige Ideal entstammt den 20ern

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges waren in Düsseldorf 1083 Kraftfahrzeuge angemeldet. Nun tauchten auch hier immer mehr Zapfanlagen vor Autohäusern, Werkstätten, Gasthäusern und Geschäften auf, die meist am Straßenrand auf dem Bürgersteig montiert waren. Die Idee, Benzin mit einer Handpumpe aus einem unter der Bürgersteigdecke eingelassenen Tank direkt in das Fahrzeug zu füllen, war von den USA nach Europa gekommen und wurde auch in Düsseldorf von geschäftstüchtigen Händlern übernommen.

Die Tankanlagen am Straßenrand waren nicht unumstritten: Die Feuerpolizei hatte erhebliche Bedenken gegen die Lagerung und die Abgabe von Benzin im öffentlichen Straßenraum, viele Bürger beschwerten sich über die „benzinöse Geruchsbelästigung“ vor ihren Häusern. Erst Ende der 1920er Jahre wurden in Düsseldorf die ersten Benzinstationen mit den Merkmalen errichtet, die auch noch heute für Tankstellen gelten: Trennung vom Verkehr durch Zu- und Abfahrt, ein Kassenhaus, eine Tankinsel mit Zapfsäulen, ein großes Dach als Wetterschutz und auffällige Werbetafeln. Dabei ist es bis heute geblieben. Standen zwei oder noch mehr Zapfstellen zur Verfügung, wurde die Station schon als „Großtankstelle“ bezeichnet.

Mit Zunahme der Kraftfahrzeuge stieg auch der Bedarf nach Wartung

In den 1930er Jahren hatte der Kraftfahrzeugverkehr endgültig Vorfahrt in Düsseldorf. Die Zulassungen stiegen rasant. Waren es 1928 noch 8970 Fahrzeuge, so wurden 1938 in Düsseldorf bereits 31791 Zulassungen registriert. Mit Zunahme der Kraftfahrzeuge stieg auch der Bedarf nach Wartung und Reparatur. Der ursprünglich im Freien aufgestellten Hebebühne folgte die Werkstatt in der Halle. Als mit Beginn des Zweiten Weltkriegs die Abgabe von Treibstoffen staatlich kontrolliert und rationalisiert wurde, brachen die Umsätze der Tankstellen ein. Auch in Düsseldorf mussten einige Tankstellen den Betrieb einstellen. Zunächst wegen Unrentabilität, später wegen der Kriegszerstörungen.

Auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs war Benzin ein teuer gehandeltes Gut, das es nur auf Marken oder auf dem Schwarzmarkt gab. Erst 1951 wurde die Zwangsbewirtschaftung durch die Alliierten aufgehoben. Danach setzte, später zusätzlich vom Wirtschaftswunder befeuert, ein bisher nicht gekannter Wachstumsboom im Tankstellengewerbe ein. Gefühlt gab es an jeder Ecke von Düsseldorf eine Station. Selbst dort, wo Düsseldorf heute am teuersten ist, stand eine Tankstelle: Auf dem Kö-Bogen. Als Franz Tober Ende der 1940er Jahre auf den Trümmergrundstücken des nördlichen Schadowplatzes einen „Tankdienst“ eröffnete, konnte er freilich nicht ahnen, dass sein Betrieb schon bald der Anlage des Straßenbahnknotenpunktes Jan-Wellem-Platz im Wege stand und nach nur wenigen Jahren schon wieder verschwinden musste. Noch weniger konnte er voraussehen, dass sich auf seiner Tankstelle heute die Nobelgeschäfte des Kö-Bogens erheben.

Seit den 70ern wird selbst getankt

Obwohl Shell, Esso, Aral und BP schon früh am Aufbau eigener Tankstellennetze mit jeweils einheitlichem Erscheinungsbild arbeiteten, hatte das Tanken in der Nachkriegszeit noch immer einen persönlichen Charakter. Der Tankwart hieß Willi, Theo oder Jupp und begrüßte seine Kunden mit Namen. Er kannte die Wünsche seiner Kunden und die Macken ihrer Fahrzeuge, er reinigte die Scheiben und sah nach dem Öl. Es gab Gespräche über Politik und Fußball und hier erfuhr man das Neueste aus der Nachbarschaft. In Architektur und Stil waren die Nachkriegstankstellen in jeder Hinsicht avantgardistisch: In den 1950er und 1960er Jahren entstanden Tankstellen, die noch heute ein Blickfang sind. Vor allem die Dächer wurden immer gewagter und ausgefallener: großflächig, ohne Stützen, den gesamten Tankraum überspannend und in Firmenfarben verkleidet.

Dem Boom folgten der Absturz, die Uniformierung und zuletzt die Verfremdung. Mit der Ölkrise in den 1970er Jahren war es vorbei mit der freundlichen Frage „Super oder Normal?“. Fortan wurde lieber günstig selbst getankt. Die Individualität, Vielfältigkeit und vor allem die Leichtigkeit, die die Tankstellenarchitektur des Wirtschaftswunders auszeichnete, gingen verloren und wichen der standarisierten Typentankstelle. Große Metalldächer, wenig Eigenständiges. War eine Aral-Tankstelle bisher klar an der Form erkennbar, so war sie von der Konkurrenz fortan nur noch an der Farbe unterscheidbar. Der Tankwart verlor seine Aufgabe und erhielt eine neue Funktion. Er verkaufte belegte Brötchen, Süßwaren und Getränke. Zuerst im Kiosk-Format, später im Supermarkt-Stil. Heute erzielen in Düsseldorf fast alle Tankpächter mehr als 50 Prozent ihres Einkommens aus dem Shop- und Snackgeschäft. Der Verkauf von Benzin ist – wie zu Beginn der Geschichte - zum Nebenerwerb geworden.

Der Pächter der Tankstelle am Carlsplatz hieß übrigens Torsten Bursch. Tschüs Torsten. Und gute Fahrt!