Die einmalige Straße der Künstler

Maja Obradovic. (Foto: Uwe Schaffmeister)
Maja Obradovic. (Foto: Uwe Schaffmeister)
Foto: Uwe Schaffmeister

Düsseldorf.. Viel Grün und ein paar späte Rosen: Nicht nur die Natur, auch die Kunst treibt hier vielfältige Blüten. Die Franz-Jürgens-Straße in Düsseldorf-Golzheim gilt als einmalig in Deutschland: Auf ein paar hundert Metern arbeiten und leben hier Künstler.

Die Künstlerdichte auf der Franz-Jürgens-Straße in Düsseldorf-Golzheim ist enorm hoch. Jeder für sich in einem bescheidenen, schneeweißen Häuschen oder Atelier, alle gemeinsam in einer Siedlung. Ein Idyll als Nährboden für die Kunst - ja, geht denn so was überhaupt? Eine Antwort suchten etliche Düsseldorfer am Wochenende, die mit einem himmelblauen Plan unterwegs waren - zu den „Kunstpunkten“.

Hier ist nichts rund: Hermann Focke (86) nennt sich „Geometriker“, seine Kunst hat Ecken und Kanten. Vor allem Ecken, er formt sie aus Papier, vervielfältigt die Drei-, Vier- oder Zehnecke und lässt daraus Skulpturen von großer Eigenart wachsen – jede ein Unikat. „Die Möglichkeiten sind unendlich“, weiß Focke, der schon seit über 30 Jahren hier lebt und sonntags im Nordpark Boule spielt. Über sein Werk sagt er augenzwinkernd: „Ich bin super. Mich kennt nur keiner.“

Eine Idee der Nazis

Dieser Satz ist festgehalten in einem Buch über die Franz-Jürgens-Straße, die nach dem ehemaligen Chef der Düsseldorfer Schutzpolizei benannt ist. Jürgens schloss sich kurz vor Kriegsende einer Bürgeraktion an, die die Stadt kampflos den Amerikanern übergeben wollte. Kurz bevor die einmarschierten, wurden Jürgens und andere aus der Gruppe hingerichtet. Das Buch, das auch an diese Zeit erinnert, erschien vor drei Jahren und dokumentiert alle Ateliers, ihre Künstler und ihre Gärten.

Die Nazis waren vier Jahre an der Macht, als sie 1937 mit der Ausstellung „Schaffendes Volk“ ein Ausrufezeichen hinter ihre Ideologie setzen wollten. Sie demonstrierten, welche Vorstellung sie hatten von „deutschem Wohnen und deutscher Kunst“, auch mit dieser Mustersiedlung. Eine Straße war von Anfang an für Künstler reserviert.

Weiß geschlämmter Backstein, Satteldach, Kachelofen – jedes Detail war exakt vorgeschrieben. Farbige Regenrinnen, verboten, selbst die hölzernen Hausnummern waren Pflicht und mussten für fünf Reichsmark erworben werden. Und wie auch heute üblich, wurden schon damals die kalkulierten Baukosten nicht eingehalten: Statt der geplanten 7500 Reichsmark, ließ sich die Stadt jedes Haus 2000 Mark mehr kosten. Die Mieten waren (und sind es bis heute) günstig. Übern Zaun grüßte damals der Nazi-Nachbar: Gauleiter Florian.

Grimms Märchen-Haus

Wer hier wohnt, will nicht wieder weg. „Wenn ich mich festfahre, gehe ich in den Garten, da finde ich zu geistiger Balance zurück“, sagt die Malerin Wanda Richter-Forgach. Im Frühling blüht ein riesiger Azaleenbusch „wie ein rotes Meer“. Und immer gibt das Grün auch der Kunst einen besonderen Rahmen.

Im Garten schräg gegenüber rückt die Bildhauerin Beatrix Sassen ihre Holzmenschen ins Sonnenlicht – wer genauer hinsieht, entdeckt ein Paar Bronzefüße im Gras, nur Füße, nicht mehr. Eine Katze streicht um die Zehen. Über ihre Nachbarn sagt sie: „Wir helfen uns gegenseitig, sprechen über uns und unsere Arbeit.“ Also: kreatives Idyll?

Das Haus mit der Nummer 12 ist unterteilt in 12 Ateliers: Jung und Alt, Anfänger und Etablierte arbeiten hier Tür an Tür: Bärbel Esser, die einen frühen Radierzyklus „Musikpoesien“ nannte, hat in den letzten Jahren die Alltagspoesie in stark farbigen Collagen entdeckt, wo eine platt gefahrene Cola-Dose ebenso ihren Platz hat wie ein altes Foto, eine verblasste Handschrift.

Frauenkörper in Blutrot

Für ein paar Monate hat die junge Malerin Maja Obradovic aus Serbien ein Gastatelier bezogen und zeigte Samstag ihre Kunst im Großformat: Frauenkörper in Blutrot, Entsetzen in den Gesichtern.

Ins kleine Format steckt die Bühnenbildnerin Didi Konold ihre Idee: Hier entstehen mit Blick ins üppige Grün die Entwürfe für ihre nächste Theaterproduktion. Außerdem entwirft sie einen Raum für das Gebrüder-Grimm-Haus in der Nähe von Hanau. „Zentraler Punkt dieses Raums ist eine begehbare Krone, und an den Wänden hängen Kronen, die Kopfhörer verstecken.“ Was ist da zu hören? Grimms Märchen, was denn sonst?

Zur Fotostrecke: „Die Kunstpunkte 2010“

 
 

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