Der Transport von Wirklichkeiten

Das Foto vom Mittwoch den 01.09 zeigt den Preisträger des d.lit.-Literaturpreises der Stadtsparkasse Düsseldorf, Norbert Scheuer.Zum neunten Mal vergibt die Sparkasse den mit 15.000 € dotierten Preis. Foto: Kai Kitschenberg / WAZ FotoPool
Das Foto vom Mittwoch den 01.09 zeigt den Preisträger des d.lit.-Literaturpreises der Stadtsparkasse Düsseldorf, Norbert Scheuer.Zum neunten Mal vergibt die Sparkasse den mit 15.000 € dotierten Preis. Foto: Kai Kitschenberg / WAZ FotoPool
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Düsseldorf.. Mal angenommen, Norbert Scheuers Leben wäre etwas anders verlaufen. Mal angenommen, er hätte damals nicht ausgerechnet James Joyces epochales Werk „Ulysses“ zum Vorbild gewählt. Dann wäre Düsseldorf als Roman-Schauplatz heute vielleicht in aller Munde.

Scheuer lächelt vergnügt. Tatsache ist, dass er während seines Studiums an der Heinrich-Heine-Universität unbedingt einen Düsseldorf-Roman nach Art von „Ulysses“ schreiben wollte - und damit jeden Morgen aufs Neue begann. Am Ende scheiterte das Projekt, das Werk landete unvollendet in der Schublade. Wo es bis heute liegt und vermutlich auch liegen bleiben wird. Besser erging es da einer Familiengeschichte im Eifelort Kall. Ausgezeichnet, urteilte die Jury und kürte Scheuer am Mittwochabend für seinen Roman „Überm Rauschen“ mit dem 15 000 Euro schweren d.-lit-Literaturpreis der Stadtsparkasse.

Große Geschichten, kleine Geschichten

Am Vormittag saß der Autor neben seiner Frau hoch über den Dächern im 18. Stock des Stadtsparkassenhauses an der Berliner Allee und beantwortete die Fragen der Journalisten. Ja, er lebe und arbeite im Eifelstädtchen Kall und, ja, auch dort könnten Romane spielen, ebenso wie in den Metropolen der Welt. „Eine Geschichte kann überall eine große Geschichte sein“, sagte Scheuer. Vorausgesetzt, sie transportiere Wirklichkeiten. Und überhaupt: Eigentlich könne ein Autor ohnehin nur über eine Gegend schreiben, die er gut kennt.

Und Scheuer kennt „seine“ Eifel. 1951 in Prüm geboren, kehrte er letztendlich wieder in die Region zurück. Zwischendurch lebte er in Düsseldorf, wo er Philosophie, Pädagogik und Soziologie studierte und bewusst nicht Germanistik, weil man sich dadurch angesichts einschüchternder Vorbilder „fürs Schreiben verdirbt“.

Dass aus Scheuer ein herausragender Erzähler geworden ist, mitreißend, bildstark und poetisch, hob Literaturkritiker und Jurymitglied Hubert Winkels hervor. Er verfolge das Schicksal einer Reihe Figuren plastisch und nachvollziehbar über mehrere Romanbände („Kall, Eifel“, „Flussabwärts“, „Überm Rauschen“) hinweg. Dabei sei ihm ein realistischer Schreibstil zu eigen, in dem er von einem Alltag berichte, der „kühl ist, windig und sozial brutal.“

In diesem Klima leben Scheuers Protagonisten, fiktive Charaktere und trotzdem in vielerlei Hinsicht real. Die niemals aus Kall weg wollen oder unbedingt weg wollten und es nicht geschafft haben; erscheint doch schon Köln unendlich weit. Die ihr Glück suchen und es manchmal auch finden. Scheuer: „Mich interessieren Menschen, die etwas tun und nicht nur durch die Gegend treiben.“

Der d.-lit-Preis ehrt traditionell Autoren, deren Werk einen Bezug zu anderen Künsten aufweist. Bei Scheurer sind dies die Audiocassetten, die Ich-Erzähler Leo Arimond bespricht. Er schaffte einst den Absprung aus der Provinz und studierte Philosophie. Dann kehrte er zurück zu seinem verrückten Bruder Hermann und erzählt die Geschichte, die eine ebenso persönliche wie allgemeine ist.

Was er mit den 15 000 Euro vorhabe, wird Norbert Scheuer am Ende gefragt. Der überlegt. Vielleicht eine Reise, aber nicht dieses Jahr wegen der vielen Termine. Nächstes Jahr, könnte sein. Traumziel? Kyllburg. Das liegt in der Eifel, 20 Kilometer von Kall entfernt. Humor haben sie ja, die Eifeler.

Lesung am 9. September, 19.30 Uhr, im Heine Haus, Bolkerstraße 53.

 
 

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