Das zweite Weihnachten der Familie Nowroozi in Düsseldorf

Familie Nowroozi verbringt das zweite Mal gemeinsam Weihnachten in ihrer Wohnung in Hassels (von links): (13), Zahra (11), Mutter Zohra (33) mit Zeyneb (1), Vater Mohammad Ali (33), Mohammad (5) und Abul Fazel (8).
Familie Nowroozi verbringt das zweite Mal gemeinsam Weihnachten in ihrer Wohnung in Hassels (von links): (13), Zahra (11), Mutter Zohra (33) mit Zeyneb (1), Vater Mohammad Ali (33), Mohammad (5) und Abul Fazel (8).
Foto: Lars Heidrich / WAZ FotoPool
Die Flüchtlings-Familie aus Afghanistan ist nach langer Trennung wieder vereint in Düsseldorf: Der Vater musste vor Jahren aus seiner Heimat fliehen. Ihm drohte die Todesstrafe.

Düsseldorf..  Weihnachten, das ist das Fest der Familie. Die meisten Düsseldorfer verbringen Heiligabend im Kreise Ihrer Lieben, essen gemeinsam, beschenken sich. Für sie ist das normal. Nicht so für Mohammad Ali Nowroozi (33). Wenn er den heutigen Abend mit seiner Frau Zohra (33) und den fünf Kindern Ali (13), Zahra (11), Abul Fazel (8), Mohammad (5) und Zeyneb (1) in der Wohnung an der Potsdamer Straße in Hassels verbringt, ist es immer noch etwas besonderes für ihn: Es ist erst das zweite Jahr, dass der Familienvater die Feiertage wieder mit seiner Familie verbringt. Denn durch die Kriegswirren in ihrer Heimat Afghanistan wurde die Familie getrennt. Für Mohammad Ali begann vor Jahren eine Odyssee durch den nahen Osten und Europa, bis er in Düsseldorf heimisch geworden ist und seine Familie in seine Arme schließen konnte.

Überfall auf den Kontrollposten

Begonnen hat der Wahnsinn vor einigen Jahren in Ghazni, der etwa 110 Kilometer von Kabul entfernten Stadt, in deren Nähe die Familie in einem Dorf gelebt hat. „Ich war Polizei und wurde von den Amerikanern ausgebildet“, erzählt Mohammad Ali. Eines nachts wurde sein Kontroll-Posten, an dem er an einer Hauptstraße mit acht Kollegen Denst hatte, von Taliban-Kämpfern überfallen und in eine halbstündige Schießerei verwickelt. „Zwei Kollegen wurden getötet“, erzählt er, drei Polizisten wurden verletzt. Darunter auch Mohammad Ali. Er wurde nach Kabul gebracht, dort behandelt. Zurück in sein Heimatdorf konnte er nicht: In der örtlichen Moschee sollte er sich vor dem Iman und den Taliban vor „Gericht“ für seine Arbeit beim afghanischen Staat rechtfertigen. Es wäre sein Todesurteil gewesen...

„Sechs Monate bin ich in Kabul geblieben“, erzählt Mohammad Ali. Dann ist er in den benachbarten Iran geflüchtet, lebte vier Monate in Teheran, hat sich dann auf den Weg gemacht in die Türkei. „Hier wollte ich bleiben, aber ich hatte keine Arbeit und keine Papiere“, berichtet er. Was blieb ihm? Der Weg nach Europa, in die EU. Schleuser brachten ihn mit anderen Flüchtlingen auf einem zweimotorigen Schlauchboot nach Italien. Das war eine Woche unterwegs, die Flüchtlinge hatten bei Sturm und Wellen Todesangst. Doch im Gegensatz zu vielen anderen erreichten sie Italien, Mohammad Ali überlebte. Er wollte weiter nach Norwegen: „Da habe ich eine Cousine und Freunde, da wollte ich als Holzfäller arbeiten.“

Bis in den Norden schaffte es der Afghane nicht. Von Italien fuhr er mit dem Zug nach Frankreich, von Paris nach Frankfurt – und blieb immer unentdeckt. Weiter ging es über Hamburg im Zug Richtung Dänemark. Doch bei einer Personenkontrolle wurde der 33-Jährige erwischt und in Handschellen zur Polizei gebracht. „Ich will nicht hier bleiben, ich will weiter nach Norwegen“, sagte Mohammad Ali den Polizisten. Doch seine Reise endete in Deutschland, weil er hier aufgegriffen und erstmals registriert wurde. Der Afghane stellte einen Asylantrag, kam in eine Aufnahmelager und später in ein Heim in Bremerhaven.

Angst vor Ermordung

Die schrecklichen Verhältnisse in seiner Heimat, die Angst vor Verfolgung und Ermordung waren Gründe, warum er bereits zehn Monaten nach seinem Aufgriff in Kiel als Flüchtling anerkannt wurde. Damit konnte er sich frei bewegen in Deutschland. Er fuhr nach Düsseldorf: „Düsseldorf ist eine große Stadt. Und ich wusste, dass hier auch andere Menschen aus Afghanistan leben.“ Zunächst lebte Mohammad Ali im Obdachlosen-Heim hinterm Bahnhof – bis das Deutsche Rote Kreuz von seinem Schicksal erfuhr.

Völlig mittellos stand er im September 2012 im DRK-Büro „Suchdienst und Familienzusammenführung“ (Text unten). Angela Krupp erzählte er die Geschichte seiner Flucht, von seiner Familie. Die DRK-Mitarbeiterin zögerte nicht lange, half ihm und kümmert sich noch heute um die Familie. Zunächst wurden Anträge auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis für seine Frau und vier Kinder gestellt (das fünfte Kind wurde in Düsseldorf geboren). Weil er die innerhalb von drei Monaten seiner Anerkennung als Flüchtling gestellt hatte, wurden die genehmigt.

Doch sich einfach in den Flieger setzen und ab nach Düsseldorf war für Zohra Nawroozi und ihre Kinder nicht möglich. Da hatte die deutsche Bürokratie noch ihre Finger im Spiel. Die Familie benötigte Reisepässe und Geburtsurkunden, eine Heiratsurkunde musste besorgt werden – und das alles in der deutschen Botschaft in Kabul geprüft werden. Aber das war längst nicht alles. Damit auch wirklich nur die Familie nach Deutschland einreist, mussten Mohammad Ali in Düsseldorf und seine Familie in Afghanistan DNA-Proben abgeben anhand deren Ergebnisse Gutachten erstellt wurden.

Das Prozedere von der Antragstellung bis zur Ausreise der Familie hat etwa ein Jahr gedauert. Während dieser Zeit wurde Mohammad Ali von den DRK-Mitarbeitern betreut, er absolvierte einen ersten Deutsch-Kurs, kümmerte sich um die Wohnung in Hassels. Von Kabul über Qatar ist Zohra mit ihren Kindern dann im Dezember 2012 nach Frankfurt geflogen. „Ich konnte es gar nicht erwarten, bis sie aus dem Flugzeug gekommen sind“, erinnert sich Mohammad Ali an den emotionalen Moment am Flughafen. Er fiel seiner Frau und den Kindern in die Arme, viele Tränen der Freude wurden vergossen. Nach zwei Jahren der Trennung, in der die Familie weder telefonischen noch Brief-Kontakt hatte und nur durch einen vertrauenswürdigen Mittelsmann, der zwischen Kabul und Ghazni pendelte, Informationen voneinander erhielt, war sie endlich wieder vereint.

Mohammad Ali macht noch bis Februar eine Ausbildung zum Altenpflegehelfer. In diesem Beruf sieht Mohammad, der in seiner Heimat Tischler gelernt hat, nicht nur einen Job um Geld zu verdienen. Für ihn ist das Erfüllung: „Ich möchte Menschen helfen. Ich habe in der kurzen Zeit hier in Deutschland so viel Hilfe von Deutschen bekommen, das möchte ich jetzt zurück geben...“

Ich weiß nicht wie Weihnachten geht

Weihnachten feiert Familie Nowroozi nicht. „Ich weiß nicht, wie das geht“, sagt Mohammad Ali unsicher. In Afghanistan hat er dieses Fest nicht kennengelernt, Christen leben hier nicht, Weihnachtsbäume oder Krippen dulden die Taliban nicht. Selbst die Weihnachtsgeschichte ist den Nowroozis nicht bekannt.

Das werden sie in den kommenden Jahren, wenn sie hier weiter ihre Zukunft aufgebaut haben, lernen. Für heute aber ist ihnen das am wichtigsten, was den meisten Düsseldorfern in diesen Tagen am Herzen liegt: Gemeinsam mit der Familie zu sein und dankbar dafür, dass man die Zeit zusammen verbringen und genießen kann. Für Familie Nowroozi ist das das größte Geschenk, das ihnen je gemacht wurde.

Das DRK bringt Familien zusammen

Dass Familie Nowroozi trotz der Kriegswirren in Afghanistan wieder vereint ist, hat sie dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes zu verdanken. Eine Außenstelle sitzt in Hassels. Hier sorgen Angela Krupp und Nina Himmelspach dafür, dass Menschen aus Düsseldorf und der Region, die in den Wirren aktueller Konflikte ihre Familie verloren haben, wieder zusammenfinden. „Zu unseren Aufgaben gehört die Suche nach Vermissten, die Klärung von Schicksalen in Zusammenhang mit Kriegen oder Katastrophen und die Zusammenführung von Familien“, sagt Angela Krupp (55). Angeschlossen an die Düsseldorfer Stelle „Suchdienst und Familienzusammenführung“ ist die Migrationsstelle für Zuwanderer.

Die Fälle, die Angela Krupp erzählt, gehen unter die Haut: Da geht es um minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge, die auf der Flucht nach Europa in Düsseldorf gelandet sind und deren Eltern vermisst sind oder gar vor ihren Augen erschossen wurden. Da geht es um eine Frau, die mit ihren drei Kindern aus ihrem Heimatland geflüchtet ist aber nur mit zwei Kindern in Düsseldorf angekommen ist. „Es sind Lebensgeschichten von verzweifelten, oft traumatisierten Menschen, die wir zu hören bekommen“, erzählt Angela Krupp. Die Suchdienst-Zentrale des DRK in München, das Hauptquartier des Internationalen Roten Kreuzes in Genf und die weltweiten Schwesterorganisationen von Rotem Kreuz und Rotem Halbmond helfen dabei, Schicksale zu klären und – wie bei Familie Nowroozi – zu einem guten Ende zu bringen.

Es begann nach dem 2. Weltkrieg

Begonnen hat die Geschichte des DRK-Suchdienstes, und daran werden sich noch viele Leser erinnern, nach dem 2. Weltkrieg. Im April 1945 am Rande der großen Flüchtlingsströme in Flensburg. Freiwillige registrierten Gesuchte und Suchende und sammelten Informationen über Verschollene – praktisch aus dem Stand heraus, unter schwierigsten Bedingungen und ohne jegliche Infrastruktur. Diese spontane Aktion von zunächst wenigen Menschen war die Geburtsstunde des DRK-Suchdienstes.

Im September 1945 wurde die Flensburger Suchdienst-Stelle unter dem Namen „Deutsches Rotes Kreuz, Flüchtlingshilfswerk, Ermittlungsdienst, Zentrale-Suchkartei“ nach Hamburg verlegt. Nahezu zeitgleich begann die Suchdienstarbeit in München, wo Vermisste, Evakuierte und Flüchtlinge registriert wurden. Die Suchdiensthelfer erfassten Suchanfragen, forschten nach vermissten Angehörigen und bemühten sich über Ländergrenzen hinweg, getrennte Familien zusammenzuführen. Bis Mai 1950 waren rund 16 Millionen Suchanträge gestellt. Der Suchdienst konnte 8,8 Millionen schicksalsklärende Auskünfte über nächste Angehörige erteilen.

Mit Plakaten, Handzetteln und Büchern, in denen Fotos von gesuchten Kindern und Erwachsenen mit ungeklärten Schicksalen veröffentlicht wurden, hatte das DRK Jahrzehnte lang bundesweit gesucht. Die Plakatsuche hat das DRK auch heute wieder entdeckt. Bundesweit hängen sie aus und sind im Internet veröffentlicht: Sie zeigen Menschen, die nach ihren Angehörigen suchen.

Die Aufarbeitung der Folgen ist auch fast 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges nicht abgeschlossen. Denn immer noch gibt es Menschen, die in den Kriegswirren oder auf der Flucht getrennt wurden, die als Kleinkinder im Krieg ihre Eltern verloren haben und heute noch nicht ihre Identität kennen – weder den richtigen Namen, noch den Geburtstag. Allein 2012 hatte der Düsseldorfer Suchdienst des DRK noch 37 Anfragen nach Schicksalsklärungen aus dem 2. Weltkrieg. Dabei geht es nicht mehr nur darum, Angehörige zusammen zu führen, sondern darum, das Schicksal von im Krieg verschollenen Menschen zu klären - und somit Gewissheit zu bekommen, wo der vermisste Vater oder Großvater gefallen oder bestattet ist. Durch die Öffnung russischer Archive nach dem Ende des Kalten Krieges sind derartige Schicksalsklärungen erheblich leichter und damit oft erfolgreicher geworden.

Ein glückliches Ende

Ein glückliches Ende nahm die Suche des seit Jahrzehnten in Holthausen lebenden Volksdeutschen Arnold W.. Er wurde 1943 auf der Flucht vor der vorrückenden russischen Armee von Ostpreußen aus in Polen von der Familie getrennt. Über den Suchdienst des DRK fand Arnold W. in den 70er Jahren seinen inzwischen in Bayern lebenden Vater wieder. Eine Halbschwester, die inzwischen als Spätaussiedlerin von Russland nach Deutschland gekommen war, hatte beim DRK-Suchdienst einen Antrag gestellt und wurde so mit Hilfe der Düsseldorfer DRK’ler mit ihrem Halbbruder zusammengeführt: Im Mai 2006 kam es zur ersten Begegnung der Geschwister - nach 64 Jahren...

Das sind Momente, die Angela Krupp in ihrer Arbeit bestärken. „So etwas geht unter die Haut“, sagt sie. „Und dann bekommt man auch schon mal Tränen in die Augen...“

 
 

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