Das syrische Drama im Düsseldorfer Schauspielhaus

"Kuss" von Guillermo Calderon wurde im Schauspielhaus Düsseldorf uraufgeführt.
"Kuss" von Guillermo Calderon wurde im Schauspielhaus Düsseldorf uraufgeführt.
Foto: Sebastian Hoppe
Seifenopern und Giftgas: Jubel für die Uraufführung von Guillermo Calderóns neuem Stück „Kuss“ in Düsseldorf. Es ist der Ersatz für das ursprünglich angekündigte „Schuss“-Drama über die Ermordung Detlev Karsten Rohwedders, das dessen Witwe mit einem Gespräch beim Intendanten verhindert hatte.

Düsseldorf. Es gibt wohl kaum ein Land, das derzeit weniger mit Seifenopern in Verbindung gebracht wird, als Syrien. Der Assad-Staat, in dem der Krieg täglich bis zu 200 Menschen fordert. Dennoch: Schnulzige Melodramen stehen hoch im Kurs, bedienen sie doch die Flucht in die heile Welt und lenken vom täglichen Horror der Straßenkämpfe ab. So treffen sich in „Kuss“ – einem neuen Stück aus der Feder von Guillermo Calderón, das jetzt in Düsseldorf uraufgeführt wurde – zwei Pärchen in Damaskus zum Fernsehabend. Sie wollen gemeinsam ihre Lieblings-Soap sehen. In der Wohnung von Hadeel: zwischen Sofa und Essecke, einem Hauch Gelsenkirchener Barock.

Doch wie sich in diesem Biedermief das Quartett dann kreuz und quer in große Gefühle verstrickt, erinnert fast an „Verbotene Liebe“. Das gilt zumindest für Hadeel. Sie soll und will ihre Kindergarten-Liebe Ahmed heiraten. Doch als der Draufgänger Youssif sie mit Liebesschwüren einhüllt und einlullt, wird sie nach einigem Zögern schwach. Und will sich seine Küssen am liebsten gleich hingeben.

Jäh bricht das Stück ab

Nahezu klassisch die Konstellation der beiden Paare; die beiden Männer sind ziemlich beste Freunde, wie auch die Frauen. Klassisch ebenso, dass Ahmed und Youssifs Freundin Bana auch mal ein Verhältnis hatten. Trubel, Chaos, plötzlich hustet Hadeel, fällt um und stirbt. Bis zu diesem Punkt glaubt man kaum, dass hier der Chilene Calderón, bekannt für politisch brisante Bühnenwerke, als Autor und Regisseur fungiert. Seine Sujets waren bislang geprägt von Recherchen in Regionen, die von Gewaltherrschern oder Naturkatastrophen heimgesucht wurden.

Doch plötzlich bricht das Stück jäh ab; die vier Mimen stellen sich dem Publikum vor und interviewen per Skype-Schaltung die Autorin der Soap. Ein verschüchterte Frau, die ihre Identität unter blonder Perücke und hinter großer Sonnenbrille verbirgt. Erst später erfährt man, dass diese gar nicht die Autorin selber ist (sie kam bei einem Bombenangriff ums Leben), sondern ihre Schwester. Sie (gespielt von der Syrerin Nadin Jaroubi) erzählt von Giftgas-Angriffen in der Nähe von Damaskus und von folgenden Hustenanfällen, an denen viele Syrer gestorben sind. sterben. Hier sind die stärksten Momente des Stücks, legen sie doch aktuelle Details frei, die Calderón aus der Fern recherchierte und in das Stück einwebt. Denn in Syrien ist der Dramatiker, laut Programmheft, nie gewesen.

Giftgas und Glatteis

Im dritten Teil des 90-Minuten-Opus wird das erste Stück noch einmal gespielt, wesentlich schneller, schärfer, heftiger und angereichert mit den Erkenntnissen aus dem Interview. Jetzt weiß jeder, dass, wenn Hadeel am ganzen Körper zittert, sie vermutlich vorher Giftgas inhalierte.

Kunstvoll, aber auch künstlich und irritierend wirkt es, wie Calderón die drei Ebenen verschränkt und wie er den Zuschauer zunächst aufs Glatteis führt. Das gelingt den biegsam flinken Mimen wie Marian Kindermann (Youssif), Simin Soraya (Hadeel), Anna Kubiun (Bana) und Gregor Löbel (Ahmed). Zunächst lässt Regisseur Calderón ihnen freien Lauf, sie machen ganz auf harmlos und gefühlvoll, mutieren dann zu nüchternen Interview-Partnern. Erst im Finale werden sie zu profilierten, kantigen Darstellern. Doch trotz ihrer Präsenz bleiben am Ende viele Fragen nach ihren Motiven offen und Missverständnisse ungeklärt. Aber das, belehrt uns das Programmheft, gehöre auch zum Kriegs-Alltag, nicht nur in Syrien.

Termine: 16., 25., 30. März, 5., 11., 26., 28. April Karten: TEL. 0211/ 36 99 11

 
 

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