„Das ist mein Lebenselixier“

Dieter Schneider
Jacques Tilly, hier mit seinem Team, ist der Düsseldorfer Karnevalswagen-Baumeister. Am 4.3.2011 findet das Richtfest in der Wagenbauhalle der Karnevalswagen statt. An diesem Tag ist auch der letzte Wagen der Karnevalsgesellschaften fertiggestellt worden. Foto: Uwe Schaffmeister / WAZ Fotopool
Jacques Tilly, hier mit seinem Team, ist der Düsseldorfer Karnevalswagen-Baumeister. Am 4.3.2011 findet das Richtfest in der Wagenbauhalle der Karnevalswagen statt. An diesem Tag ist auch der letzte Wagen der Karnevalsgesellschaften fertiggestellt worden. Foto: Uwe Schaffmeister / WAZ Fotopool
Foto: Uwe Schaffmeister / WAZ Fotopool

Düsseldorf. Donnerstagfrüh um 7 Uhr war für Jacques Tilly die Welt nicht mehr in Ordnung. Da hatte er sein Aha-Erlebnis, das ihn flugs einen anderen Karnevalswagen bauen ließ. Was das war, sagt er nicht. Jedenfalls begann vorgestern der Neubau - erst auf dem Papier, am selben Tag noch mit Pappmaché. Es geht sogar um zwei Wagen, und es wird so enden wie immer: „Rosenmontag um 4 Uhr folgen die letzten Pinselstriche.“ Wenn dä Zoch kütt, ist die Farbe trocken.

Im Druck der letzten Tage und Nächte platzten zwei Gesprächstermine mit dem Meister über Pappmaché, Draht und Knochenleim. Das erste Mal war der zeichnerischen Kreativität geschuldet, das zweite Mal Tillys Schlafbedürfnis; irgendwie musste er gestern nur rechtzeitig zum Richtfest wieder in der Bilker Wagenbauhalle sein...

Der Düsseldorfer Rosenmontagszug, das ist sein persönlicher Marathonlauf. Er beginnt im Mai und endet am Tag vor Aschermittwoch. Am Dienstag, erst wenn alles abgewrackt und gefegt ist, dann setzt sich Tilly jedesmal eine halbe Stunde in die leere Halle: „Das ist ein ganz anderer Seinszustand.“

Die große Narrenfreiheit

Diesmal kann er ein ganz besonderes Jubiläum feiern: 10 Jahre absolute Geheimhaltung! Die politischen Wagen werden nicht bekannt, bevor der Zug rollt. Keine weichspülenden Instanzen, keine Zensur. Aus Tillys Zeichnungen wählen nur Zugleiter Hermann Schmitz, CC-Präsident Engelbert Oxenfort und Geschäftsführer Jürgen Rieck aus, und Tilly ist zufrieden: „Die nehmen immer die besten.“ Der Wagenbauer darf seine Narrenfreiheit bis an die Grenzen auskosten. „Ich habe eine hochentwickelten moralischen Kompass. Ich würde nie einen harten Anti-Israel-Wagen bauen, nie Spott mit Opfern betreiben, aber Spott mit Tätern. Auch zur Loveparade nichts, da habe ich Hemmungen, das überlasse ich den Kollegen von der Titanic.“

Die Einflussnahme auf die gebastelte Satire wurde abgeschafft, als sich Ex-Oberbürgermeisterin Marlies Smeets nach verlorener Stichwahl mit Messer im Papp-Bauch wiederfand und sich sehr empörte. Im Karneval 2000 wurde der Wagen gestoppt. Nie wieder, sagte Rieck und ordnete Geheimhaltung an. Tilly über Smeets: „Sie ist immer eine gute Karnevalistin gewesen.“ Tilly über Rieck: „Das war seine beste Entscheidung.“

Dem ernstzunehmenden Schelm kommt es darauf an, Emotionen zu entfachen. Als seine besten Arbeiten aus 27 Jahren nennt er die Jecken am Kreuz, eine Verhöhnung christsozialer Politik gegen ein Verfassungsgerichtsurteil, die 1996 bundesweite Proteste auslöste, Kardinal Meisner in der Abtreibungsdebatte 2005 und eine Hitler-Figur, „die die NPD ausscheißt“. Wenn er und sein Team karikieren, formen, kleistern und malen, werden Eigenschaften der Personen überdimensional bloßgelegt. „Eine Karikatur zeigt das innere Wesen, es geht immer um die seelische Absicht“, sagt Jacques mit Röntgenblick auf Sängerin Lena und Stefan Raab - siehe oben.

Aktuelle Politiker... „Ich sach nix“, fällt er gleich ins Wort. Aber gewiss sind Westerwelle, Guttenberg und Gaddafi hochgeschätzte Kandidaten für die Frechmacher des Düsseldorfer Zochs. Wie riecht so eine Arbeit eigentlich - mehr nach Leim und Kleister als nach Alt und Erbsensuppe? „Eine Mixtur aus allem.“

Tilly und die Knochen

Typisch aber sei „der Knochenleimgeruch“, jene Klebe aus verarbeiteten Tierknochen, die den Leichtbauten die nötige Festigkeit gibt. „Das ist mein Lebenselixier.“ Ein uriges Handwerk, ein Kontrapunkt zur digitalen Welt.

Und weil für den 47-jährigen Satiriker aus Oberkassel viel Herzblut dranhängt, möchte er, ähem, in vielen, vielen Jahren „meinen letzten Auftritt auf einem Rosenmontagszug haben“. Und seine Knochen mögen zu Leim eingedampft werden. Auf dass er die flüchtige Kunst der Narretei noch ein wenig zusammenhält.

Er kann’s nicht lassen.