Angeschossener Anwalt schildert seine Amoklauf-Erlebnisse

Katharina Rüth
Der 48-jährige Angeklagte, der im Februar 2014 in Anwaltskanzleien in Düsseldorf und Erkrath drei Menschen getötet haben soll, verdeckt am im Landgericht in Düsseldorf mit einem Ordner sein Gesicht.
Der 48-jährige Angeklagte, der im Februar 2014 in Anwaltskanzleien in Düsseldorf und Erkrath drei Menschen getötet haben soll, verdeckt am im Landgericht in Düsseldorf mit einem Ordner sein Gesicht.
Foto: dpa
Yanqing T., der im Februar bei einem Amoklauf drei Menschen getötet und mehrere Menschen verletzt haben soll, muss bei einer Verurteilung damit rechnen, dass die Richter eine Sicherungsverwahrung anordnen. Fünf Monate nach der Tat hat der Prozess vor dem Düsseldorfer Landgericht begonnen.

Düsseldorf. Fünf Monate nach der Mordserie in zwei Anwaltskanzleien im Rheinland hat am Donnerstag der Prozess gegen den mutmaßlichen Gewalttäter vor dem Düsseldorfer Landgericht begonnen. Der 48-jährige Angeklagte wartete bereits im Gerichtssaal und verdeckte sein Gesicht mit einem Aktenordner. "Ich schweige heute", kündigte er an. Eine spätere Aussage schloss er aber nicht aus. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Familienvater dreifachen Mord sowie drei Mordversuche vor.

In einer Düsseldorfer Kanzlei soll der Mann Ende Februar zwei Anwälte erstochen haben, außerdem steht er in Verdacht, in Erkrath eine Anwaltsgehilfin durch Schüsse getötet zu haben. Einem im Rollstuhl sitzenden Anwalt schoss er den Ermittlern zufolge in den Bauch und ließ ihn lebensgefährlich verletzt in der Kanzlei zurück. Mehr als 600 Polizeibeamte waren damals im Einsatz.

Weiterer versuchter Mord?

Yanqing T. muss auch mit Sicherungsverwahrung rechnen. Das würde bedeuten, dass der 48-Jährige womöglich für den Rest seines Lebens hinter Gittern bleibt und nicht nach einiger Zeit vorzeitig entlassen wird. Angeklagt ist er wegen dreifachen Mordes und drei Mordversuchen. Das Gericht hat außerdem darauf hingewiesen, dass auch eine weitere Tat als versuchter Mord gewertet werden kann.

Laut Anklage soll Yanqing T. aus Ärger über einen verlorenen Prozess am 28. Februar in einer Düsseldorfer Kanzlei eine Anwältin erstochen, einen Anwalt mit Stichen tödlich verletzt haben. Auf einen weiteren Anwalt schoss er laut Anklage, der Schuss löste sich aber nicht. Anschließend legte er angeblich Feuer. Weil sich noch eine weitere Mitarbeiterin dort versteckt hielt, könnte man ihm das ebenfalls als versuchten Mord vorwerfen, so das Gericht.

In Goch überwältigt

Danach fuhr er laut Anklage in eine Erkrather Kanzlei, erschoss eine Mitarbeiterin (50), schoss auf einen Anwalt im Rollstuhl an und legte wieder Feuer. Er versuchte erst, den angeschossenen Anwalt aus dem Zimmer zu ziehen, ließ ihn dann aber zurück. Der 34-Jährige wurde aber rechtzeitig gerettet.

Seine Erlebnisse schilderte er am Donnerstag als Zeuge in einem gefassten, sachlichen Ton. Der Angeklagte habe im Türrahmen gelehnt, die Waffe in der rechten Hand. Schließlich habe er auf ihn gezielt und abgedrückt, sagte der Jurist aus. "Vorher hörte ich die Tür über den Teppich schrappen, meine Kollegin schrie, dann fielen drei Schüsse." Er sei noch in Behandlung, sagte der Anwalt zu seiner psychischen Verfassung. Der Angeklagte hörte ihm aufmerksam zu, machte sich ab und zu Notizen, zeigte aber keinerlei Gefühlsregung.

Seine nächste Station im Februar war eine Pizzeria in Goch, in der Yanqing T. einst arbeitete. Hier richtete er laut Anklage die Pistole auf die Inhaberin (52). Ihre Anzeige gegen ihn hatte zu dem Prozess geführt, dessen Urteil ihn so ärgerte. Auch hier versagte die Waffe, die Frau floh. Ihre Töchter und ein Passant überwältigten den 48-Jährigen.

Finanzielle Schwierigkeiten als Motiv

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass finanzielle Schwierigkeiten hinter den Bluttaten stecken. Der Mann war vor drei Jahren wegen Körperverletzung zu Schmerzensgeld und einer Geldstrafe verurteilt worden und finanziell in Schieflage geraten. In dem damaligen Verfahren ging es um eine Ohrfeige, mit der er seiner ehemaligen Chefin in Goch das Trommelfell zerstörte.

Sein Anwalt hatte ihm davon abgeraten, das Geld für ein Berufungsverfahren auszugeben. Damit wollte sich der Mann laut Staatsanwaltschaft nicht abfinden und wechselte nach Erkrath. Doch auch dort fühlte er sich nicht richtig vertreten.

Das Landgericht hat für den Prozess bis Ende Oktober 17 Verhandlungstage angesetzt. (mit dpa)