200 Menschen campen drei Tage in Düsseldorf für einen Schuh

Rund 200 Schuh-Fans warteten drei Tage und Nächte in Düsseldorf auf einen Schuh.
Rund 200 Schuh-Fans warteten drei Tage und Nächte in Düsseldorf auf einen Schuh.
Foto: Zlatan Alihodzic / Funke Foto Services
Drei Tage und Nächte harrten 200 Sneaker-Fans in Düsseldorf für einen limitierten Schuh aus. Ein Erfahrungsbericht von 72 Stunden Schlange stehen.

Düsseldorf.. Drei Tage und drei Nächte warteten knapp 200 Menschen vor einem Düsseldorfer Schuhgeschäft. Auf Schuhe. Nicht vor dem Apple-Store auf das neue iPhone. Sondern vor einem Schuhgeschäft auf Schuhe. Der Sneaker-Händler „A Few“ hat sie gemeinsam mit dem japanischen Hersteller Asics zum Japantag in der Landeshauptstadt auf den Markt gebracht und damit Massen vor den Laden gelockt.

„Ich war selbst überrascht, was das für Kreise gezogen hat“, sagt Andreas Birgen, der in seinem Geschäft auf einer Couch direkt am Schaufenster sitzt. Auf der anderen Seite der Scheibe stehen seit Mittwoch Campingstühle, Liegen und sogar ein Zelt. „Was dazu geführt hat, dass hier 200 Leute bis Samstag warten? Ich habe keine Ahnung“, sagt der Inhaber von „A Few“. Seit 2008 verkauft Andreas mit seinem Bruder Marco Sportschuhe, viele davon sind Sondermodelle, die nur in kleinen Stückzahlen erscheinen. „So voll war es aber noch nie“, erzählt er.

Der Grund dafür, dass die meist jungen Menschen da in der Schlange stehen, sitzen und liegen, lagert in Holzboxen im hinteren Bereich des Ladens. Das Modell „Gel Lyte III“ wurde nach einer Anregung des „A Few“-Teams in den Farben Japans gestaltet und mit vielen Details versehen, sein Spitzname: „Koi“. Kein anderer Händler in Deutschland hat das Modell. Und gleichzeitig mit den Schuhfreunden in Düsseldorf campen Sneaker-Fans auch in Mailand, Wien, Stockholm, Toulouse und sogar in Sidney vor den wenigen Läden, die das Modell bekommen. Nur 1990 Paare werden weltweit davon verkauft, denn 1990 erschien der „Gel Lyte III“ zum ersten Mal.

Campen für "Koi" und Panik in Polen

Um kurz nach neun fahre ich am Donnerstag zum ersten Mal nach Düsseldorf. Mein Freund Maciej aus Polen hat mich darum gebeten, ihm die Schuhe zu besorgen, weil er sonst keine Chance hat, sie zu bekommen. Dafür schickt er mir ein anderes Modell, das er für mich aufgetrieben hat. Ich werde mich also für einen „Trade“, einen Tauschhandel in die Schlange stellen. Maciejs Nachrichten, die er mir über Facebook schickt, klingen schon beinahe panisch. Er hat im Internet ein Foto von der Menschentraube gesehen, die sich schon um 8 Uhr vor „A Few“ gebildet hat. „Ich glaube nicht, dass du noch ein Paar bekommst“, schreibt er. Ich glaube es auch nicht.

Dass der Andrang auf den „Koi“ groß sein würde, hat sich schon im letzten Jahr abgezeichnet. „Zum Japantag 2014 haben wir ein einziges Paar von diesem Schuh machen lassen“, sagt Andreas Birgen. „Es war ein Prototyp made in Germany. Wir dachten erst, dass wir einfach zum Schuhmacher hier um die Ecke gehen können und der für uns den Schuh näht, aber da hatten wir keine Chance. Erst mal mussten wir das richtige Material besorgen und vorarbeiten lassen. Das hat die Lederwerkstatt Zaunkönig hier aus Düsseldorf für uns übernommen. Und gefertigt hat sie der Obermeister der Schuhmacherinnung, Rolf Rainer“, erzählt Andreas ziemlich stolz. „Wir wollten dann zum Japantag im letzten Jahr einfach nur den Schuh ausstellen, aber das hat sofort große Wellen geschlagen.“ Kunden fragten an, ob man das Modell kaufen könnte. So lange, bis sich „A Few“ schließlich an Asics wandte und die Idee vorstellte. „Asics ist ein japanischer Hersteller, wir sitzen hier im Japanviertel von Düsseldorf, der Japantag 2015 und das 25-jährige Jubiläum des Modells waren dann der perfekte Anlass“, erklärt Birgen.

Noch 48 Stunden in Düsseldorf warten

Es ist kurz vor elf am Donnerstag, als ich einen ersten Blick auf die Warteliste für den „Koi“ werfen kann. Ich bin an Position 77 und in Maciejs Größe gibt es tatsächlich noch Paare, perfekt. Vor dem Laden ist ein Platz auf einer Bank frei. Ich setze mich und schaue auf die Uhr. In 48 Stunden startet der Verkauf im Laden und 77 Leute waren schon hier. 78, 79, 80 – alle paar Minuten kommen neue hinzu. Bis zum „Check“ um zwölf warte ich noch, dann spaziere ich erst mal durch die Stadt.

Am Donnerstagnachmittag ist die Warteliste, auf der die Namen der Kaufinteressierten stehen, voll: ausverkauft vor dem Verkaufsstart. Doch mit einem Eintrag in die Liste und der Angabe der Wunschgröße ist es noch längst nicht getan. Alle vier Stunden gehen Marco und Andreas Birgen die Namen durch: um 8 Uhr, um 12, um 16, um 20 und um 24 Uhr. Die Wartenden müssen beim „Check“ kurz den Arm heben und bestätigen, dass sie noch da sind. „Campout“ wird dieses Spielchen genannt. Wer auch nur einmal fehlt, wird von der Liste gestrichen. Aus Bremen und Hamburg, Berlin, München, den Niederlanden und Belgien sind die Sneaker-Fans nach Düsseldorf gekommen.

Wurst und Wodka im Tausch für einen Sneaker

Wenn alle vier Stunden „gecheckt“ wird, lohnt es sich nicht, mit der Bahn zurück ins Ruhrgebiet zu fahren. Und es sind ja auch genug andere da, mit denen man sich unterhalten kann. Deshalb wird der „Campout“ auch nicht zur Qual. Wenn ich sonst jemandem erzähle, dass ich Schuhe sammele, halten mich die meisten Leute für ein bisschen komisch bis verrückt. Hier bin ich ein kleines Licht, wenn ich mich so umschaue. Einige tragen Modelle, die im Internet für über 1000 Euro gehandelt werden. Es sind Sammlerstücke, die jeder Sneakerhead kennt. So teuer wird der „Koi“ wohl nicht, aber ein paar Hunderter würde man dafür wohl bekommen. Deshalb ist Maciej so froh, dass er hier jemanden sitzen hat, der sie ihm zum Verkaufspreis weitergibt. Inzwischen sprudelt er vor Freude über in seinen Nachrichten und schreibt: „Ich mache das irgendwie wieder gut! Erst mal bekommst du ein Paket mit Wurst und Vodka!“

Wer über die sozialen Netzwerke im Internet noch nicht mitbekommen hat, dass die Warteliste voll ist, steht am Freitag mit langem Gesicht vor dem Laden. Verzweifelt schaut ein Mann aus England auf die Liste. Er ist eigens für den Schuhkauf von London aus mit dem Flugzeug gekommen – doch zu spät. Hätte er doch einen früheren Flug gebucht. Im Geschäft steht gleichzeitig ein junger Mann und diskutiert mit den Verkäufern, weil er den ersten „Check“ um 8 Uhr verschlafen hatte und deshalb von der Liste gestrichen wurde. Er muss nun darauf hoffen, dass noch jemand einen „Check“ verpasst und er wieder nachrücken kann.

Unter den Wartenden hat sich allmählich die Geschichte des Engländers herumgesprochen. Chris geht auf ihn zu. Der Hamburger wartet gemeinsam mit einem Bekannten aus dem Ruhrgebiet auf den Verkaufsstart des Schuhs, denn er möchte zwei Paare mitnehmen. Christ spricht den Mann aus London an, tritt ihm schließlich seinen zweiten Platz in der Schlange ab. Dafür bekommt er Geld – so viel, dass er die Fahrtkosten von Hamburg nach Düsseldorf wieder raus hat. Das ist fair, finden auch die Sneaker-Freunde drum herum. So etwas wird in der Szene geschätzt. Für die Leute, die gleich nach der Veröffentlichung ihr Paar ins Internet stellen und es für ein Vielfaches des Einkaufspreises weiter verkaufen, hat man allerdings wenig übrig.

Pizza und Bier vor dem Schuhladen

So langsam wird es anstrengend – und kalt. Kurz vor dem letzten Mitternachts-„Check“ am Freitag bestellen die Jungs von „A Few“ Dutzende von Pizzen für die Wartenden. Es geht hier fast schon zu wie bei einem Familientreffen. „Haben wir uns nicht letztes Jahr hier gesehen, als der ‚Kangoroos’ raus kam?“ „Nein, das war in Köln beim ‚Saint Alfred’.“ Alle wissen, welche Schuhe gemeint sind, und dafür zu campen, finden wir ziemlich normal. Schade ist allerdings, dass die meisten die zweite Nacht lieber in ihren Autos verbringen und schlafen. Ein kleines Grüppchen macht bis acht durch – mit Bier vom Büdchen.

Auch am dritten Tag erklären die Camper den neugierigen Passanten geduldig, was der Andrang zu bedeuten hat. „Was machen denn die ganzen Leute hier?“ „Ernsthaft für einen Schuh?“ „Mein Gott, das ist ja schlimmer als beim iPhone!“ Wenn die wüssten, was Sammler für außergewöhnliche Paare alles tun: Für ein Sondermodell des Sondermodells hat ein anonymer Bieter in einer Internet-Auktion 4000 Euro bezahlt. „A Few“ hat ein einziges Paar des „Kois“ mit einer schwarzen Zehenkappe produzieren lassen, um Geld für das Kinderhospiz „Regenbogenland Düsseldorf“ zu sammeln. Die 200 Menschen vor dem Laden zahlen am Samstagmorgen 165 Euro für ihre Schuhe. Sie erfreuen sich an Details wie der Holzbox, den „A Few“-Essstäbchen und zusätzlichen Schnürsenkeln in kleinen Gläschen. Es ist ein Sammlerobjekt, das sie da ergattert haben.

Und damit ist es endlich geschafft. Mit der großen Kiste unterm Arm geht es jetzt nach Hause. Die Schuhe gleich am Montag wieder abzugeben und zu verschicken, das wird mir nichts ausmachen. Ich fand sie eh nur so mittel gut. Dafür wird Maciej aber in ein paar Tagen total durchdrehen.

EURE FAVORITEN