Zwei Dortmunder Piraten haben Chancen auf die Landespolitik

Anna Hückelheim
Zwei Dortmunder Piraten haben Chancen auf die Landespolitik - darunter Lehrerin Birgit Rydlewski (42). Foto: Archiv Martin Möller/WAZ FotoPool
Zwei Dortmunder Piraten haben Chancen auf die Landespolitik - darunter Lehrerin Birgit Rydlewski (42). Foto: Archiv Martin Möller/WAZ FotoPool
Die Piratenpartei hat in Dortmund den wohl papierloseste Landesparteitag aller Zeiten veranstaltet. Aus Dortmund sind zwei Parteimitglieder auf aussichtsreichen Listenplätze für die NRW-Wahl - darunter auch die Lehrerin Birgit Rydlewski. Sie will das Schulsystem umkrempeln.

Dortmund. Der Saal ist nicht komplett besetzt, aber gut gefüllt. Fast alle Altersklassen scheinen vertreten – Jugendliche wie Ü60-Jährige. Im Hintergrund: ein ständiges Gemurmel. Den Boden zieren vereinzelt Verlängerungskabel, fast jeder Teilnehmer balanciert einen Laptop auf seinem Schoß – so kam am Wochenende der wohl papierloseste Landesparteitag aller Zeiten in Dortmund daher.

265 Programmanträge standen bei den Piraten zur Debatte, über die die Delegierten abstimmten und somit ihr Programm für die Landtagswahl auf die Beine stellten. „Das zeigt, dass der Vorwurf, wir seien eine Ein-Themen-Partei, Blödsinn ist“, sagt Dieter Klein, Sprecher der Piraten in Dortmund. Natürlich müssten viele der Themen noch präzisiert werden, aber die Piraten seien „auf einem guten Weg“.

Dieser Meinung ist auch Manon Heiland, eine der vier Dortmunder Direktkandidaten. Die 29-Jährige engagiert sich seit 2009 bei den Freibeutern und hat schon einige Landesparteitage miterlebt. Ihr Fazit zu diesem Wochenende: „Wir werden professioneller. Der Landesparteitag schnurrt dieses Mal wie ein Kätzchen.“

Mit verantwortlich dafür war auch der Moderator, der sich bei der Debatte der Anträge immer mal wieder um Ordnung bemühen musste.

Die Konzentration ging schon mal flöten

Zwar schienen alle Teilnehmer interessiert, doch bei so vielen Programmpunkten ging schon mal die Konzentration flöten. Da war das Gespräch mit dem Nachbarn interessanter als Antrag Nummer 253. Immer wieder erklang dann die Bitte um Disziplin.

Auch die systematische Antragsbearbeitung bereitete mitunter Schwierigkeiten: So stellten Teilnehmer Fragen während der Diskussionen oder streuten ihre Meinung in die Fragerunden. Geduldet wurde das allerdings nicht --und mit Hinweis auf den korrekten Ablauf unterbrochen.

Die Abstimmung per herkömmlichem Stimmzettel lief dagegen reibungslos. Je nach Thema war die Beteiligung mal mehr, mal weniger groß – häufig herrschte Einigkeit unter den Stimmberechtigten.

„Es läuft unglaublich gut: Wir haben tolle Diskussionen, und die Abstimmungen sind entspannt. Es ist sehr angenehm“, fasst Birgit Rydlewski die Stimmung auf dem Parteitag zusammen.

Lehrerin aus Dortmund hofft auf Arbeit im Landtag

Für jemanden, der nie in die Politik wollte, steckt Rydlewski erstaunlich tief drin. Aus anfänglichem Protest ist Überzeugung geworden. Jetzt ist die 42-Jährige aus Dortmund nicht nur Direktkandidatin, sondern belegt mit Platz neun auf der Reserveliste auch einen aussichtsreichen Platz. Die Piraten trauen sich zu, mit auf Anhieb mit 15 Leuten in den Landtag einzuziehen.

„Ich bin absolut nervös“, sagt Rydlewski, wenn sie an ihre mögliche Zukunft als Landtagsabgeordnete denkt. Sie ist aber auch zwiegespalten. „Ich liebe meine Arbeit“, sagt die Lehrerin, „und ich habe tolle Schüler.“

Mehr Praxis in Schulen

Doch die müsste sie für das Leben als Vollzeitpolitikerin vorläufig hinter sich lassen. Für Rydlewski ist das aber eine logische Konsequenz: „Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann muss ich dafür auch Verantwortung übernehmen und versuchen, es umzusetzen.“ Sie spricht von ihrem Schwerpunkt – der Bildungspolitik und dem eingliedrigen Schulsystem, das sie als Ziel anvisiert hat. Sie will keine Klassenaufteilung nach Alter, sondern nach Fähigkeiten – verbunden mit „wirklich individuellem Lernen“ und anwendungsorientierten Projekten.

Piratenpartei hätten keine „ideologischen Scheuklappen“

„Birgit ist super. Im Bereich der Bildungspolitik kann uns nichts besseres passieren“, schwärmt ihr Dortmunder Kollege Torsten Sommer über Rydlewski. Er selbst belegt Platz elf auf der Landesliste und hat damit auch die Chance, hauptamtlicher Landespolitiker zu werden. Die Arbeitsmarktpolitik und eine Vereinfachung der Bürgerbeteiligung sind seine Steckenpferde, für die er das Leben als Druckvorstufentechniker aufgeben würde. Auch Sommer will etwas bewegen. Ihn überzeuge das lösungsorientierte Arbeiten der Piraten. „Es ist doch so“, sagt Sommer. „Die CDU würde niemals mit den Linken arbeiten, auch wenn deren Lösung gut wäre.“ Diese „ideologischen Scheuklappen“ hätten die Piraten nicht.

Mehr Mandate als FDP oder Linke

Genau das würden viele Bürger bei den anderen Parteien vermissen. Deshalb stünden die Chancen der Piraten gut, in den Landtag einzuziehen. „Egal wie gut oder schlecht wir sind, andere sind schlechter“, sagt Sommer. Das sieht Birgit Rydlewski ähnlich. Sie hält es für möglich, dass die Piraten die FDP und die Linken hinter sich lassen.

Beide Kandidaten suchen die Gründe dafür aber nicht in den Fehlern der anderen, sondern stellen die Vorzüge der Piraten in den Vordergrund: Transparenz, offene Strukturen sowie der Blick auf die gesamte Partei und nicht nur auf die Spitze. „Jeder kann mitarbeiten, auch ohne Mitglied zu sein“, sagt Rydlewski und Sommer ergänzt: „Es wird jeder ernst genommen, und wir kehren nichts unter den Teppich. Wir holen die Politik aus dem Hinterzimmer.“