„Wunder von Dortmund“ erscheint in neuem Licht

Steffen Gerber
Alkohol und Drogen gehörten am 19. Juli 2008 bei der Loveparade in Dortmund zu den größten Problemen.
Alkohol und Drogen gehörten am 19. Juli 2008 bei der Loveparade in Dortmund zu den größten Problemen.
Foto: WAZ

Dortmund. Die Loveparade 2008 in Dortmund wird wohl als die letzte weitgehend störungsfreie Massen-Tanzparty dieser Art in Erinnerung bleiben. Vergleiche mit Duisburg hinken natürlich, doch gibt es Analogien, wie dieser Rückblick zeigt.

Die Bewertung der Dortmunder Loveparade am 19. Juli 2008 fiel damals überwiegend positiv aus. Geschätzte 1,6 Millionen Raver bedeuteten Besucherrekord, Veranstalter Rainer Schaller sprach überschwänglich vom „Wunder von Dortmund“. Einen anderen Zungenschlag erhält diese Bewertung, zieht man das damalige Fazit von Feuerwehr, Polizei und Krankenhelfern hinzu. Ein Wunder, dass bei dem Regen und den Menschenmassen nichts Schlimmes passiert sei, hieß es seitens der Einsatzkräfte trotz äußerst zufriedener Gesamtbilanz.

Hier und da mischten sich kritische Stimmen in den Ablauf 2008, wie es einerseits bei solchen Massenveranstaltungen üblich ist, andererseits durch die Duisburger Vorkommnisse nun unter einem anderen Licht erscheinen lässt. Etwa die damalige Einschätzung, dass Jubel- und Katerstimmung für Hilfsdienste nah beieinander lagen. Während die Veranstalter ihren Erfolg feierten, zogen Sanitätsdienste eine nüchterne Bilanz, was sie in erster Linie auf das damalige Drogenproblem bezogen. 1374 Behandlungen seien im Vergleich zu geschätzten 1,6 Millionen Besuchern aber ein geringer Wert, zumal es 2007 bei der Loveparade in Essen 4000 Patienten, zum Teil wegen Schnittwunden, gab.

Zeitweilig von „Chaos“ die Rede

Damit nicht genug: Auch vor zwei Jahren fiel beizeiten der Begriff „Chaos“, was zuvorderst auf den völlig überlaufenen Hauptbahnhof gemünzt war. Um den Bahnhof nicht wie bei der Loveoparade 2007 in Essen lahmzulegen, hatten Polizei und Bundespolizei das Areal weiträumig abgeriegelt. „Es ist ein Mengenproblem. Und die Sicherheit des Einzelnen hat eben Vorrang”, betonte damals Jürgen Bischoff, Präsident der Bundespolizeidirektion St. Augustin.

Eher vereinzelt gab es Stimmen wie jene von „Andre“ in unserem Portal, der damals für DerWesten folgenden Kommentar schrieb: „Lasst es sein mit der Loveparade im Ruhrgebiet. Uns fehlt einfach der Platz. Gestern war es eigentlich nur viel Glück, das da nicht mehr passiert ist. Berlin ist Berlin, platztechnisch und atmosphärisch!“ Dem standen euphorische Einschätzungen, zum Beispiel von „Wachmann“, gegenüber: „Das war eine Superfete! Ganz toll organisiert und einfach schön!“

Langemeyer lobte Metropole Ruhr

Dem schloss sich der damalige Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer an. Professionell und souverän habe Dortmund dieses größte Ereignis in der Stadtgeschichte gestemmt. Dank hervorragender Zusammenarbeit mit dem Veranstalter Lopavent und den Partnerkommunen in der Region. „Mit der Loveparade stellt sich die Metropole Ruhr wirklich als Metropole dar und beweist, dass wir uns hinter Großstädten wie Berlin nicht zu verstecken brauchen. Wir haben mit unseren über fünf Millionen Einwohnern einfach dieses Potenzial“, sagte Langemeyer.

Differenzierte Betrachtung empfiehlt sich auch heute. Von daher sollte man im Vorfeld der Duisburger Veranstaltung getätigte Äußerungen nicht überbewerten. Dennoch übte auch Dortmund einen gewissen Druck vor einigen Wochen aus, als es um die Finanzprobleme und die Durchführung der Loveparade 2010 ging. Vor einem „riesigen Imageschaden für das Ruhrgebiet“ warnte Dortmunds Kämmerer und Kulturdezernent Jörg Stüdemann, sollte es wie 2009 keine Parade geben. „Duisburg hat wie Dortmund viele private und kommunale Unternehmen, etwa die Stadtwerke, die Sparkasse, große Logistiker im Hafen. Da müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn das Techno-Spektakel am Haushalt scheitern würde“, so Stüdemann vor einigen Monaten. Übrigens leitete Lopavent als Veranstalter der Parade seinerzeit eine interessante Zahl weiter: Laut der Gesellschaft für Konsumforschung hätten die Besucher 2008 bei der Loveparade insgesamt 144 Millionen Euro in Dortmund ausgegeben.

Diesen Erfolg konnten Dortmunder Händler wiederum nicht bestätigen. Sie beklagten gegenteilig keinen besonderen Impuls für ihre Geschäfte. Noch deutlicher formulierten die Anwohner im Kreuzviertel damals ihre Abneigung: „Nie wieder Loveparade“ hieß es von den Bewohnern in unmittelbarer Nähe der B1. Adressat war übrigens der heutige Oberbürgermeister Ullrich Sierau, der das Mega-Ereignis seinerzeit als Stadtdirektor organisierte und nun wegen seines Urlaubs für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war. Er dürfte sich an eine Bürgerversammlung nach der Loveparade mit Feuerwehr, Polizei und Bundespolizei sowie an die Frage erinnern, ob sie sich bei diesem Fest der Liebe nicht übernommen hätten.

Temporär zusätzliche Rettungswachen

Aspekte des Dortmunder Sicherheitskonzeptes sahen 2008 u.a. vor, dass Feuer- und Rettungswachen temporär zusätzlich eingerichtet worden waren. „An der Strecke selbst sind 17 Unfallhilfssstellen eingerichtet worden“, erklärte damals Annette Debusmann von den Maltesern in Duisburg. Die ganze Strecke wurde in mehrere Abschnitte unterteilt, so dass die Patienten schnell versorgt werden konnten und kurze Strecken zu bewältigen waren. Und: Für den Fall eines größeren Schadensereignisses hätte den Dortmunder Kräften überregionale Unterstützung zur Verfügung gestanden, die teilweise auf dem Kirmesfestplatz an der Eberstraße zusammengezogen wurden. Die Feuerwehr hatte die Zahl ihrer Einsatzkräfte verdoppelt, die Krankenhäuser hatten zusätzliches Personal auf die Dienstpläne gesetzt.

Die skeptischen Stimmen im Vorfeld blieben vor zwei Jahren weitgehend ohne Auswirkungen. „Menschenströme sind nicht immer leitbar”, sagte Jörg Lukat, im Juli 2008 Leiter des Vorbereitungsstabes der Polizei. Deshalb müsse man auf alles vorbereitet sein und flexibel reagieren können. Damals ging es gut...