Winkelmann sieht das Dortmunder U auch als politischen Turm

Filmemacher Adolf Winkelmann aus der Rheinischen Straße mit „seinem“ Dortmunder U.
Filmemacher Adolf Winkelmann aus der Rheinischen Straße mit „seinem“ Dortmunder U.
Foto: WR RALF ROTTMANN
Bevor Adolf Winkelmann seine Bilder oben am U-Turm fliegen ließ, haben ihn viele, nach seiner Aussage sogar alle angesichts dieser ambitionierten Idee für verrückt erklärt. Als dann am 27. Mai 2010 die ersten Testbilder auf Dortmund herabstrahlten, war sein Traum schon vor der Eröffnung tags darauf wahr geworden. Nun feilt der renommierte Filmregisseur an dem System für die Videoinstallationen.

Dortmund.. Der U-Turm mit den Fliegenden Bildern sind mittlerweile die städtebauliche Visitenkarte Dortmunds. Vor fast einem Jahr kündigte Filmregisseur Adolf Winkelmann nach neugierigen Fragen an, dass er die alte Brauereistätte U zur Premiere seiner Videoinstallationen mit Bier voll laufen lassen werde. Ungläubige Reaktionen. Nach den erfolgreichen Farb-Testbildern am 27. Mai 2010 (Winkelmann: „Dieser Donnerstag damals war schon sehr aufregend, doch es sah tatsächlich so aus, wie ich es mir vorgestellt habe“) konnten dann tags darauf der damalige NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau und Winkelmann bei der ersten von mittlerweile etlichen Eröffnungsfeiern den Buzzer zum Bilder(buch)start drücken. Denn tatsächlich floss Bier im U, wenn auch „nur“ auf den LED-Leinwänden oben am Turm. „Dabei hatten wir auch Glück, denn vieles funktionierte tagsüber nicht“, so Winkelmann.

Ein Jahr später und um viele bürokratische Erfahrungen reicher blickt der Dortmunder Filmemacher immer noch mit freudigen Augen auf seine flackernden Bilder. Auf das, für das es zuvor kein Beispiel gegeben hat, und auch keinen Beweis, dass so etwas möglich sei. „Es war deshalb so schön, weil es so anders war. Ein echtes Leuchtturmprojekt - eine Riesen-Chance für Dortmund.“ 95 Filme laufen bzw. liefen mittlerweile täglich von 6 Uhr bis Mitternacht auf dieser weltweit einmaligen Lichtplastik. Festes Element sind die berühmten Brieftauben, die zur vollen Stunde auf der Bilderuhr erscheinen (an Sonn- und Feiertagen sind es symbolisch weiße Tauben). Und es gibt etliche neue Ideen für weitere Werke. Etwa mit der Künstlergruppe „Feinkost Achsensprung“ von der Rheinischen Straße, mit der er zuletzt nach wochenlanger Arbeit die schwarz-gelben Kicker als symbolische BVB-Gratulanten produzierte. Im Zuge des Borussia-Wahns laufen aktuell auch die Tauben über einen schwarz-gelben Zebrastreifen.

Zwölf Jahre lang, so steht es im Vertrag zwischen der Stadt und Winkelmann, soll auf dem U-Turm keine Werbung laufen. Jeden Tag gibt es ein anderes Programm, das jeden Montag in einer Besprechungsrunde weitgehend festgelegt werde. „Wenn was passiert, könnten wir sofort reagieren. Als etwa die Nazis durch Dortmund marschierten, lief 20 Sekunden später der Protest.“ Den Rechtsradikalen rief der U-Turm Anfang September 2010 die Worte zu: „Ich, der Turm, fand schon damals Nazis voll uncool.“ Dabei sollen Text-Botschaften der Ausnahmefall bleiben. „Damals ist mir nichts Besseres eingefallen. Sonst wollen wir alles in Bildersprache umsetzen und übermitteln.“ In den Köpfen der Menschen soll es auf diese Art Klick machen.

Neben seichten Themen finden also immer wieder auch aktuelle oder gar politische Themen Einzug in die Fliegenden Bilder. Als politischer Montagsbeitrag etwa werde die japanische Flagge erscheinen, um das atomare Drama rund um Fukushima im Bewusstsein zu halten. Als das amerikanische Empire State Building weltweit alle „Kollegen“ darum bat, ähnliche Türme in den japanischen Nationalfarben anzustrahlen, wurde Winkelmann bewusst, dass er sogar die Nationalfahne symbolisch wehen lassen könne. Wohl wissend, dass der Dortmunder RWE-Tower in Reichweite seiner Bilderuhr liegt.

Große Verantwortung

Das U als politischer Turm? Zweckentfremdung zur persönlichen Winkelmann-Äußerung möglich? „Ich fürchte keinen Ärger, bin mir aber auch der Riesen-Verantwortung bewusst und daher vorsichtig“, sagt Adolf Winkelmann. „Ich kann und werde meine emotionalen Erregungen nicht einfach auf den Turm schreiben. Ansonsten gilt: Der U-Turm ist ein Kunstwerk, und die Kunst ist frei.“

Winkelmann und viele andere empfinden die filmische Abwechslung als ausreichend, obwohl schon mal die BVB-Kicker eine Woche lang am Rad drehen dürfen. Aktuell arbeitet Winkelmann mit seinem Team daran, die Struktur der Bilderschau zu schärfen. Etwa in den Jahreszeiten Passendes zeigen zu können. Oder auch Aktuelles, was Menschen bewegt, zu thematisieren.

Themen und Inhalte werden im Team besprochen, auch wenn er letztlich entscheidet. Das Bespielen der Videoflächen organisiert seine zum Teil lange eingespielte Mannschaft, letzte Instanz ist Adolf Winkelmann. „Einer muss die Idee, den Plan und den Willen zur Umsetzung haben.“ Produzenten, Kameraleute und sonstige Helfer bei der Organisation sowie den geschäftlichen Belangen bringen ihre Phantasien ein. In der ersten Etage gibt es für alle drei Stationen der Fliegenden Bilder (Dachkrone, Rotunde am Eingang, Wandprojektionen in der Kunstvertikalen) Modell-Equivalente, die die digitale Revolution, mit der Winkelmann täglich zu tun hat, immerhin noch plastisch abbilden.

Auf die Sekunde genau ist alles getaktet. Dabei hat jeder Tag sein eigenes Motiv. Und an diesem Wochenende wird der Turm natürlich schwarz-gelb herabstrahlen. Für ein Vierteljahr gebe es ein bestimmtes Programm, an bestimmten Tagen wird manches wiederholt, neue Elemente kommen hinzu. Erfolgreich sei etwa Silvester abgelaufen, als er zwei Stunden die Lichtdimmung ausschalten ließ und nicht nur das Dach voll ausgeleuchtet wurde. „Damit konnte man noch viele Meter weiter problemlos Zeitung lesen.“

Bilder kommen auch am Tag zur Geltung

Vor allem trafen bei der U-Planung immer wieder kreative Geister auf Bürokraten. Beispiel Licht. Das städtische Umweltamt hatte Sorge wegen der Lichtemmissionen. Können Anwohner im Umfeld des eingeschalteten Leuchtturms noch schlafen? Winkelmann ließ - korrespondierend zur Beleuchtung des U-Buchstabens - eine Dimmung einbauen, die auch mit der Dämmerung in Zehn-Minuten-Sprüngen mitläuft. Und wie von ihm prophezeit, sind die Werte (neun Prozent der Helligkeit) absolut in Ordnung. Auch die kritischen Stimmen, die die durchlaufenden Bilder am Tag für nicht so wirkungsvoll einstuften, hat Winkelmann lange nicht mehr vernommen.

Speziell die Rückmeldungen der Bürger, Freunde oder Reisenden treiben Winkelmann an. „Bislang hat wirklich noch keiner zu mir gesagt: Mach das aus!“ Für Winkelmann ist der U-Turm identitätsstiftend, von ihm gehe ein Zauber aus, er verzaubere die Menschen. Und bei seinen Bildprogrammen stellt der Betrachter selbst einen Bezug her. Den meisten Dortmundern seien, berichtet Winkelmann überrascht, die schwimmenden Fische im Aquarium am liebsten. Das habe etwas Bildschirmschoner-haftes, er habe sich gegen die Ausstrahlung lange geweigert. Er selbst findet viele Videos schön, etwa die weißen Menschen.

„Hobby-Glöckner von Dortmund"

Und wenn er nun dies alles auch noch mit seinen Studenten untersuchen könne, dann haben „wir durch unsere Phantasien ein großes Tableau an Möglichkeiten. Etwa generell: Was ist ein Bewegtbild? Was macht es, was kann es?“

Winkelmann, der sich angesichts fehlender Bezahlung mittlerweile als „Hobby-Glöckner von Dortmund“ bezeichnet, hat in dem Jahr viel gelernt.

  • Der Turm darf nicht tot, muss permanent bespielt werden.
  • Jeder hat seinen persönlichen Moment, erlebt den U-Turm und die Bilder auf seine Art

Den allenfalls durchwachsenen Start des U-Turms als Ganzes durch die Kostenexplosionen oder schwache Besucherzahlen und seinen bürokratischen Ärger will Winkelmann eigentlich gar nicht thematisieren. „Davon werde ich sauer. Das schlechte Image empfinde ich auch nicht so. Hier sind viele Baustellen noch nicht fertig, meine Bilder stehen ja nur symbolisch für eine neue Idee eines ganzen Stadtteils“, mahnt der Regisseur bei aller selbst empfundenen Langsamkeit in der Entwicklung zu Geduld. „Wir haben in diesem Zentrum jetzt schon eine Gesprächskultur, bald werden wir uns noch besser abstimmen und eines Tages richtig zusammenkommen.“ Es könne keiner erwarten, dass all dies „zapp-zapp“ zusammenkomme.

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