Wie sich der Nordmarkt im November 2016 anfühlt

Der Nordmarkt ist das Zentrum dessen, was sich "Nordstadt" nennt. Was mittlerweile mehr ein Label für wenig optimistische Gesellschafsstudien ist als eine Ortsangabe. RN-Redakteur Felix Guth war an einem der letzten Abende des Salon Fink selbst Teil der Nordmarkt-Kultur.

Dortmund. Der Salon Fink, ein kleiner Pavillon am Rande des Parks, ein Stück Subkultur, ist bald Vergangenheit, nach sieben Jahren gibt Betreiberin Kati Eilinghoff auf. Zu hoch die Belastung, zu unangenehm - manchmal auch gefährlich - die Atmosphäre. Das sind die Gründe in Kurzform. Aber warum ist es so weit gekommen?

"Bisschen offensichtlich", denke ich laut, bevor der Abend beginnt. Ich sitze in einem abgedunkelten Auto am Rande des Nordmarkts und warte darauf, dass jeden Moment jemand ans Fenster klopft und mich für einen Zivilfahnder hält. Bin ich natürlich nicht, ich sitze hier nicht einmal als Journalist. Sondern privat, weil ich mit meiner Band vor Monaten einen Termin auf der kleinen Bühne des Salon Fink bekommen habe. Dass wir einer der letzten von Hunderten Live-Acts in sieben Jahren sind, ahnte da noch niemand.

Gelegenheit, sich umzublicken

Wir sind früh dran, müssen warten. Gelegenheit, sich umzublicken an diesem Ort, über den so viele reden. Die meisten aus einer ähnlichen Perspektive wie ich. Angereist aus einem behüteten Teil dieser Stadt. Zugleich fasziniert von der ungeheuren Verdichtung sozialer Milieus in der Nordstadt, von der Dynamik. Und überfordert damit, dass das auch unangenehme Folgen haben kann. Es ist die Perspektive derjenigen, die wieder wegfahren von hier in eine illusorische Sicherheit. Nicht die derjenigen, die hier ihre Existenz haben.

Was ich an diesem Novemberabend sehe: Menschen, viel mehr Menschen als an den meisten anderen Orten der Stadt. Was sie genau tun, ist nicht zu erkennen. Aus der Distanz sieht es nicht aus wie etwas Verbotenes. Aber auch nicht wie etwas, bei dem man unbedingt dabei sein möchte oder sollte. Vor Cafs und Hauseingängen stehen Menschengruppen. Aus dem dunklen Park lärmt es. Jugendliche jagen sich zum Spaß, Geschrei-Fetzen künden von einem Streit. Ein normaler Abend.

In den Sommermonaten sei es noch voller, sagen die Menschen hinter der Glasfassade des 2008 eröffneten Gastronomie-Pavillons. Unerträglich voll. Es ist, so wird es in Gesprächen mit Kati Eilinghoff und anderen langjährigen Begleitern des Salon Fink deutlich, nicht das eine große Ereignis, das den Rückzug ausgelöst hat. Sondern die Summe vieler kleiner Ärgerlichkeiten. Von Pfefferspray auf dem Weg zur Arbeit, rund um die Uhr lärmenden Menschen. Kontrolllosen Kindern, die belästigen und stehlen, weil sie es nicht besser kennen. Das alles halte Gäste aus anderen Stadtteilen davon ab, den Nordmarkt anzusteuern. Und macht einen Gastronomiebetrieb zumindest in der jetzigen Art unmöglich.

Ähnlichkeit zu den Parks in Paris

Die mit verschiedenen öffentlichen Programmen aufgehübschte Grünfläche, so schrieb es vor vier Jahren "Die Zeit", erinnere an die Parks in Paris. Das ist gar nicht einmal ganz übertrieben und könnte doch falscher kaum sein. Hier flanieren die Menschen nicht. Hier fristen sie ihr Dasein. In dem der Alltag auch daraus besteht, an der Straße auf Arbeit zu warten, geheimen Geschäften nachzugehen oder den trostlosen Tag mit hartem Alkohol, aber zumindest nicht allein zu verbringen.

Zwischen "Caf Europa", Schleswiger Straße und der"Malli" sind die Abgründe Alltag. Der jetzt auch diejenigen in die Knie gezwungen hat, die sich jahrelang dafür eingesetzt haben, dass es hier ein Gegengewicht zu sozialen Problemen, Einsamkeit und Ziellosigkeit gibt.

Drinnen beginnt der Konzertabend, die Wirklichkeit bleibt draußen. Das war vielleicht das, was den Salon Fink über die Jahre so beliebt gemacht hat. Eine Blase des Wohlfühlens. Gemeinschaft und Wärme hinter der Glastür, der vermeintliche Angstraum davor. Das Signal, das nach draußen strahlt: Hier passiert etwas Gutes, bekämpft es nicht.

Die Leidenschaft, gerade an diesem Ort für ein gutes Erlebnis zu sorgen, ist bei Kati Eilinghoff immer noch spürbar. Ob mit Karaoke, Bingo, Tatortgucken oder Konzerten. Doch manchmal reicht das eben nicht.

Pfefferspray und Kuchen

Es gibt noch andere Stimmen, die Sorgen transportieren. Die des Markthändlers, der seit Jahrzehnten gerne am Nordmarkt war. Aber jetzt, in seinen letzten Berufsjahren, froh ist, hier nicht mehr allzu häufig hinkommen zu müssen. Die der zutiefst verständnisvollen Pädagogen, die trotzdem ihr Auto verriegeln, wenn sie an der Ampel am Nordmarkt warten müssen. Ein Mitglied einer nahe gelegenen Grundschule erzählt davon, dass er morgens eher kommt, um die Spritzen in den Beeten rund um die Schule einzusammeln, damit die Kinder sie nicht finden. In einer Bäckerei in der Mallinckrodtstraße liegt das Pfefferspray griffbereit neben der Kuchen-Auslage.

Warum hier das "Alles-schlimmer-als-früher"-Gefühl so dominant ist, ist gar nicht so ganz greifbar. Ganz sicher hat die Zuwanderung aus Südosteuropa, die sich hier konzentriert wie nirgendwo sonst in Dortmund, die Zahl der Probleme in den vergangenen fünf Jahren erhöht. Weil sich die Zahl der Menschen erhöht hat, denen die Alternativen fehlen. Die Armut wurde potenziert. Öffentliche Suchtprobleme und Kriminalität sind nur ein Ausdruck davon.

Es ist wie mit einer endlos verhedderten Lichterkette: Zu viele Enden, als dass man wüsste, wo man anfangen sollte. Mit der Aussicht auf Licht, wenn man geduldig bleibt. Es gibt eine ganze Menge von Menschen, die versuchen, das Knäuel zu entwirren.

Stadtteil "mit besonderem Erneuerungsbedarf"

Bei Martin Gansau, städtischer Quartiersmanager Nordmarkt, laufen viele Aktivitäten zusammen. Seit Ende der 1990er-Jahre hat er beruflich mit der Nordstadt zu tun. Damals galt der heruntergekommene Nordmarkt als Stadtteil "mit besonderem Erneuerungsbedarf", viele Initiativen nahmen hier ihren Anfang. "Von der Situation um das Jahr 2000 sind wir meilenweit entfernt. Und wir stellen eine positive Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren fest. Wir erreichen jetzt Menschen, die wir 2014 noch nicht erreicht haben", sagt Martin Gansau. "Aber wir wissen, dass der Nordmarkt ein Ort ist, an dem man die Dinge nicht laufen lassen kann."

Jedes Kind, das in der Gegend heimisch geworden ist und die Regeln kennt, ist deshalb ein Erfolg. Ebenso wie jede Gruppe, die sich an den Veranstaltungen auf dem Nordmarkt wie dem "Musik-Kultur-Picknick", dem Kinderfamilienfest oder dem Roma-Kultur-Festival "Djelem, Djelem" beteiligt. Mittlerweile, so Gansau, passiere auch häufiger eine Art soziale Integration, werden etwa Roma-Familien als Nachbarn besser akzeptiert. "Vor drei oder vier Jahren wären da die Vorurteile noch zu groß gewesen", sagt der Quartiersmanager.

Gespräche mit Hauseigentümern sind eine zweite Säule. "Auf der Eigentümerseite hat es sich gedreht", sagt Martin Gansau. Mehr Unternehmer sind bereit, am Nordmarkt und seinen Nebenstraßen zu investieren. Kleine Schritte nach vorn. Und immer wieder Schritte zurück. Denn es geben viele auf. Gastronomen, Geschäftsleute, normale Leute, die hier einfach nicht mehr leben wollen. Was den Verlust des Salon Fink beklagenswert macht, ist nicht die dekadente Trauer um einen Ort zum Feiern. Es geht auch nicht um plumpes Nordstadt-Bashing.

Subkulturelles Gegengewicht für das ganze Viertel

Es geht um die Tatsache, dass an anderen Stellen der Nordstadt zu sehen ist, wie wirksam ein subkulturelles Gegengewicht für ganze Viertel sein kann. Rund um die kleine Meile aus Roto-Theater, Subrosa, Rekorder und Rockawaybeat an der Gneisenaustraße etwa. Wo es auch einen dunklen Park gibt, aber die gesamte Atmosphäre eine ganz andere ist. "Im Nordmarkt steckt eine ganz andere Dynamik. Das war schon immer so", meint Martin Gansau. Nordstadt ist eben nicht Nordstadt. Aber, das weiß auch der Quartiersmanager: "Wenn es hier nicht gut läuft, hat das Folgen für das gesamte Bild der Nordstadt."

Am Ende der Nacht schalte ich die Scheinwerfer an, rolle über die Mallinckrodtstraße nach Hause. Wie es hier wirklich läuft, kann ganz sicher ein einziger Abend nicht zeigen. Aber er überzeugt mich davon, mich nicht damit abfinden zu wollen, dass alles bergab geht.

Felix Guth