Wie Dortmunder Muslime die Kopftuch-Debatte verfolgen

Um das Tragen von Kopftüchern ist eine Debatte entbrannt.
Um das Tragen von Kopftüchern ist eine Debatte entbrannt.
Foto: Theo Schmettkamp/ WR
Dortmund diskutiert über das Kopftuch-Verbot im St.-Johannes-Hospital und die Äußerungen von CDU-Politikerin Gerda Horitzky. Im Interview erklärt Ahmad Aweimer, Vorsitzender des Rates der muslimischen Gemeinden in Dortmund, wie er diese Debatte verfolgt. Das Verhalten der Kirche erschrecke ihn.

Dortmund. In Dortmund läuft eine Debatte über Kopftücher. Im Juli kündigte die katholische St.-Johannes-Gesellschaft einer Krankenschwester, die mit Kopftuch auf der Arbeit erschienen war. Kurz darauf meldete sich die stellvertretende Bezirksbürgermeisterin der Dortmunder Nordstadt, Gerda Horitzky (CDU), zu Wort und kritisierte ebenfalls das Tragen von Kopftüchern. Horitzky musste ihr Amt abgeben. Doch die Diskussion über Kopftücher am Arbeitsplatz oder im Stadtbild ist nicht beendet.

Im Interview spricht Ahmad Aweimer, Vorsitzender des Rates der muslimischen Gemeinden in Dortmund und Dialogbeauftragter des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD), wie er diese Debatte verfolgt. Der 60-jährige Bochumer leistet seit mehr als 20 Jahren Dialog- und Integrationsarbeit, zum Beispiel beim Dortmunder Islamseminar und dem Runden Tisch gegen Rechts. Er war lange Zeit Imam der Abu-Bakr-Moschee in der Nordstadt.

Was denken Sie über das Kopftuch-Verbot im St.-Johannes-Hospital?

Ahmad Aweimer: Es erschreckt mich, dass der zweitgrößte Arbeitgeber in der Bundesrepublik solche Verträge schließt. Die Muslime sind ein Teil dieser Gesellschaft, man sieht, dass diese Mitarbeiterin im St.-Johannes-Hospital fachlich anerkannt wird. Wir leben in einer Gesellschaft, wo die Freiheit und religiöse Ausübung in der Verfassung verankert sind. Es gehört dazu, dass der Mensch das Recht hat, einen Wandel durchzumachen. Diese Frau hat es getan.

Was könnte der Auslöser gewesen sein?

Aweimer: Es gibt hundert Gründe für diesen Wandel. Wir erleben das oft, wenn zum Beispiel der Vater stirbt. Dann kommt die Sinnesfrage: Wer bin ich, wo gehe ich hin? Das ist eine klassische Frage, und Religion ist immer ein sicherer Hafen. Bestimmte Lebenssituationen bringen es mit sich, dass jemand entscheidet: Jetzt werde ich religiös. Das wissen Christen, Juden und Muslime.

Jeder Mensch ist frei in dieser Entscheidung, das sollte diese Frau auch sein. Es ist nicht richtig, dass jemand Druck auf eine Frau ausübt, damit sie Kopftuch trägt - auf keinen Fall erlaube ich das! - und es ist auch nicht richtig, dass jemand Druck macht und ihr das Kopftuch wegnimmt. Wir sollten Gott danken für den Frieden in unserer Gesellschaft und diesen Frieden nicht stören.

Kennen Sie Familien, in denen Mädchen gezwungen werden, Kopftuch zu tragen?

Aweimer: Zwingt man die Kinder nicht auch, in die Schule zu gehen, die Jacke anzuziehen, wenn es kalt ist? Wir zwingen sie dazu, weil wir wissen, dass es kalt ist, die Kinder sehen es vielleicht anders. Das ist ein Erziehungsstil, das steht den Eltern zu. Eltern dürfen Kinder ihren religiösen Vorgaben entsprechend erziehen. Das ist Zwang, aber kein Verbrechen. Was können wir dagegen tun? Wir können aufklären, Kurse anbieten, mit ihnen drüber sprechen. Wir wollen keinen Zwang. Aber es ist nicht in allen muslimischen Familien so.

Warum tragen muslimische Frauen überhaupt ein Kopftuch?

Aweimer: Das ist im Koran, in den Aussagen des Propheten und in allen Rechtsschulen des Islam eindeutig beschrieben. Wir haben nicht das Recht, unsere Religion nach Belieben zu verändern. Es geht um den Frieden in der Gesellschaft, um den Schutz der Familie und der Frau. Wenn ich verheiratet bin, will ich bei meiner Familie bleiben. Ich möchte keinen Mann, der mich anspricht, das soll auch der Mann nicht machen.

Deshalb ist es von ihnen gefordert, die Blicke zu senken. Das ist ein religiöses Gebot, es bedeutet: Ich will dich nicht anmachen und ich möchte nicht angemacht werden. Es ist ein Zeichen des Respekts.

Und das Kopftuch ist eine Art Kleiderordnung?

Aweimer: Wir alle haben eine gewisse Kleiderordnung. Niemand würde in Badehose ins Rathaus gehen, oder sogar ganz nackt auf die Straße, denn dann kommt die Polizei. Eine Religion hat das Recht, das für sich zu definieren. Das macht die katholische Kirche auch, das sieht man daran, wie uns der Papst erscheint, wie sich Pfarrer anziehen oder Schwestern.

Es geht nicht darum, ein politisches Signal zu senden. Wir haben uns das nicht politisch oder symbolisch ausgedacht, sondern es ist uns vordefiniert. Und jetzt ist die Frage: Haben wir das Recht, unsere Religion auszuüben oder haben wir es nicht? Wenn wir es haben, lasst uns doch unsere Religion selbst definieren und nicht von außen.

Eine Muslimin ohne Kopftuch — geht das überhaupt? 

Kann eine Frau auch ohne Kopftuch eine gute Muslimin sein?

Aweimer: Davon gibt es viele bei uns. Am Nordmarkt sehen Sie auch Familien, in denen die Großmutter kein Kopftuch trägt, die Mutter wiederum doch, eine Tochter mit und eine ohne. Wir haben im Islam eine große Freiheit in diesen Dingen: Ich bin verantwortlich für meine Taten und muss hinterher vor Gott begründen, warum ich die eine Sache getan oder nicht getan habe. Eine betende, fastende Muslimin ohne Kopftuch ist mir 50.000 Mal lieber als eine Frau, die Kopftuch trägt, aber nicht betet. Aber das kann man nicht verallgemeinern.

Tragen immer mehr Frauen in Dortmund das Kopftuch?

Aweimer: Das ist eine weltweite Tendenz. Die Menschen besinnen sich wieder auf die Religion.

Warum gibt es diese Rückbesinnung?

Aweimer: So ist die Menschheitsgeschichte: Die Menschen nähern sich wieder der Religion, und es kommt auch mal eine Dekade, wo die Menschen sich wieder abwenden. Warum sollte das schlimm sein? Die Reaktion darauf enttäuscht mich — umso mehr von einer religiösen Partei, die den Namen "christlich" trägt. Das hätte ich von ihnen als große Volkspartei nicht erwartet.

Sie kennen die Äußerung von CDU-Politikerin Gerda Horitzky. Was fühlen Sie, wenn Sie so etwas lesen?

Aweimer: Das heißt für mich, man will mich hier nicht haben. Will mir die Freiheit und meine Identität wegnehmen, meine Kultur, meine Religion wegnehmen, will mich zwingen, wie er zu sein. Man muss eine Lebensweise nicht übernehmen, aber man muss doch akzeptieren, dass andere sie haben. Das macht doch unsere Verfassung aus, deswegen ist das im Grunde genommen ein verfassungsfeindliches Verhalten.

Ich glaube, die CDU macht dabei keine gute Figur. Wir sind eine vielfältige Gesellschaft, wir haben Respekt voreinander, wir demonstrieren gemeinsam gegen die Rechten. Diese Diskussion kann unserem Klima nur schaden.

Sind Christen für Muslime sowieso Ungläubige?

Aweimer: Das stimmt nicht! Die Christen und Juden heißen bei uns "Leute des Buches", sie sind anerkannt. Wir können sie heiraten, mit ihnen Verträge machen, ihr Essen essen — gerade Christen! Jesus ist für uns ein Gesandter Gottes, die Bibel ist für uns das Buch Gottes. Das gilt auch genauso für Juden und Moses. Wir Muslime glauben an den gemeinsamen Ursprung und den Propheten. Wenn ich nicht an die Bibel glaube, bin ich kein Muslim.

Welche Folgen hat die Kopftuch-Debatte aus Ihrer Sicht?

Aweimer: Die Debatte ist alt. Wir denken, wir machen einen Schritt nach vorne in Sachen Integration, Zusammenleben und gemeinsamer Verantwortung, auf einmal kommt diese Sache und spaltet uns wieder. Immer neue Rückschläge, was haben wir denn davon?

Ich sehe keinen Sinn in dieser Debatte, auch nicht darin, dass es solche Arbeitsverträge gibt. Ich finde, diese Verträge sollen weg. Ich bin Dialog- und Kirchenbeauftragter des Zentralrats der Muslime - das wird auf Bundesebene diskutiert werden. Wir werden das nicht so stehen lassen.

Das Kopftuchverbot "ist für mich Rassismus" 

Was bedeutet das für Sie persönlich?

Aweimer: Wenn diese Frau den Prozess verliert, werde ich aus Respekt vor der katholischen Kirche nicht mehr in diese Krankenhäuser als Patient gehen. Auf diese Weise möchte ich ja das Bild vom Christentum dort nicht stören. Als Patient kann ich es tragen, als Putzfrau eines Subunternehmens, okay, aber als Mitarbeiterin nicht?

Das ist für mich Rassismus, selbst wenn man das nicht beabsichtigt. Ich unterstelle hier ausdrücklich nicht der Katholischen Kirche Rassismus. Mit allem Respekt für alle Beteiligten - die katholische Kirche ist mir sehr lieb, das sind unsere langjährigen Freunde und Dialogpartner und das soll so bleiben und sogar intensiviert und weiterentwickelt werden.

Warum sehen Sie das so?

Aweimer: In einer christlichen Schule mit christlichem Erziehungsauftrag, wenn ich dort sage: Hier sollen keine islamischen Menschen arbeiten, das hätte ich verstehen können. Wir würden ja auch keinen christlichen Imam oder christlichen Religionslehrer für Islamunterricht einstellen. Aber hier geht es um einen von unseren Steuergeldern, von unseren Krankenkassen finanzierten Arbeitgeber, wir finanzieren diese Krankenhäuser und nicht die christliche Kirche.

IslamIch frage mich auch: Wo ist hier das Prinzip der Nächstenliebe? Ich vermisse es in dem Moment. Warum zeigt die katholische Kirche hier auch nicht: Wir haben eine Willkommenskultur, wir nehmen muslimische Menschen sehr gerne auf. Das hätte ein ganz andere Signalwirkung, als zu sagen: "Hilfe, wir werden unterwandert. Das christliche Erscheinungsbild ist in Gefahr." Das hat doch kein Muslim nach meiner langjährigen Erfahrung im Sinn.

Sie waren lange Zeit Imam und kennen viele Muslime in Dortmund. Fühlen sie sich wohl?

Aweimer: Ich glaube, die Mehrheit fühlt sich wohl. Die Mehrheit begegnet dieser Diskussion mit Erstaunen aber auch mit viel Geduld. Sie haben es nach den vielen Integrationsvorschritten in den letzten Jahren so nicht erwartet.

Haben Sie die Vorkommnisse in der Gemeinde diskutiert?

Aweimer: Wer das mitbekommen hat, ist ein bisschen aufgebracht. Sie sind sauer, dass wir verkannt werden. Manche Leute haben ihr ganzes Leben für diese Gesellschaft gearbeitet. Die ältere Generation, da sind die Leute mit 18 hier hingekommen und haben ihre Knochen für mehr als 40 Jahre hingehalten. Auf einmal zu sagen, du bist unerwünscht, wenn jemand kurz vor dem Grab ist? Oder die Jungen, die hier geboren sind - was soll denn das? Das kann nur den Frieden stören.

Wie gehen Sie mit den Ängsten von Nichtmuslimen um?

Aweimer: Wir nehmen das sehr ernst, ich möchte das nicht verteufeln. Wie können wir diese Ängste erklären und minimieren? Nur im Gespräch, im Miteinander. Wir müssen nicht in allem einverstanden sein. Ich kann auch nachvollziehen, wenn jemand sagt: Ich kann nicht verstehen, dass jemand Kopftuch trägt. Es ist sein gutes Recht. Das ist so, wie wenn ich sage, warum erlaubt ihr FKK oder Pornos? Das werde ich nie verstehen. Aber selbst wenn jemand Pornos schauen will - ich kann ihn nicht davon abhalten. Dasselbe gilt für das Kopftuch.

Müssen sich Muslime stärker von den Verbrechen der Islamisten in Ländern wie Irak, Syrien und Nigeria distanzieren?

Aweimer: Das tun die Muslime doch. Aber es kann nicht jede Moschee eine Pressemitteilung herausgeben - das tun die Großverbände. Diese Auswüchse in der islamischen Welt tun uns weh, mehr als jedem anderen. Die Menschen, die dort sterben, sind Muslime. Diese Terroristen beklagen wir alle.
Dieser ganze Ärger ist gekommen, weil diktatorische Systeme zugelassen wurden. Wir müssen den Diktatoren Einhalt gebieten. Es gibt gerade mehrere Kriege, und für viele Familien hier ist die nackte Wahrheit, dass sie ihre Angehörigen verlieren. Vom Krieg in Gaza sind viele Menschen in Dortmund betroffen, die nicht nur eine Person verloren haben, sondern 20 oder 30. Was sollen wir machen? Mehr als aufklären und beten können wir nicht.

Leser haben uns geschrieben: "Wenn man in einem Land lebt, muss man sich den Gegebenheiten anpassen. Wir würden auch nicht mit nackten Armen und Beinen in eine Moschee gehen."

Aweimer: Die kommen trotzdem mit nackten Armen und Beinen - aber wir vertragen das. Wir freuen uns über jeden, der kommt. Wir bitten um dezente Kleidung, aber das Kopftuch ist in der Moschee für Besucher nicht vorgeschrieben. Wenn man andere respektiert, respektiert man auch sich selbst. Aber an welche Gegebenheiten außer den gemeinsamen Werten wie unserem Grundgesetz und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung soll mich anpassen? Die Muslime und der Islam sind Teil der Gegebenheiten von Deutschland.

Wie definieren Sie Integration?

Aweimer: Integration definiere ich zum großen Teil als Wohlbefinden. In dem Moment, an dem ich akzeptiert bin, und teilhaben kann, am Arbeitsplatz, in der Ausbildung, auf der Straße, im öffentlichen Leben genau wie ich bin, dann bin ich integriert. Wenn ich mich zum Beispiel zu den Dingen, die falsch sind, frei äußern kann.

Ich glaube aber, bei Menschen, die seit 40, 50 Jahren hier leben, ist das Wort Integration nicht mehr zulässig. Muslime sind ein Teil dieser Gesellschaft, viele haben sowieso die deutsche Staatsangehörigkeit, die meisten sind in Ausbildung oder haben einen Job, beteiligen sich an unsere Volkswirtschaft. Integration wird uns beschäftigen bei den neuen Leute, die kommen. Da müssen wir gemeinsam dran arbeiten, dass wir sie so schnell wie möglich integrieren und die aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Aweimer: Sie müssen sehr schnell Deutsch lernen, deshalb müssen wir Kurse anbieten. Wir dürfen die Leute nicht zu lange vom Arbeiten abhalten, wir müssen helfen, ihnen die Gewohnheiten und die Spielregeln dieser Gesellschaft beizubringen. Wenn die Arbeiter von damals auch nur drei, vier Wochen lang in einem Deutschkurs gesessen hätten, hätten wir eine ganz andere Entwicklung gehabt.

Was kann jeder Dortmunder für den Frieden tun?

Aweimer: Jeder kann zu seinen Nachbarn links und rechts schauen, und wenn er mit ihnen keinen Kontakt hat, kann er ihn aufnehmen. Dann können wir sagen, auch zu den Leuten in Palästina und Irak: Wir leben in Frieden miteinander und machen es euch vor. Als Muslime, Juden, Christen oder Atheisten, ganz egal.

 
 

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