Wie die Mafia am Bau in NRW mitverdient

David Schraven
Schattenwirtschaft: An Schwarzarbeit und Schwarzen Konten in der Baubranche verdient oft die Mafia mit.
Schattenwirtschaft: An Schwarzarbeit und Schwarzen Konten in der Baubranche verdient oft die Mafia mit.
Foto: Getty
Von Dortmund aus wusch Rosario P. Schwarzgeld für Firmen und organisierte Schwarzarbeit. Die Ermittler glauben: im Auftrag der Cosa Nostra. Der Fall zeigt, wie die Mafia mutmaßlich von vielen Bauvorhaben im Lande profitiert. Etwa in Dortmund, Hagen, Hamm, Witten, Krefeld, Schwerte, Essen, Hilden.

Dortmund. Die Zentrale der Baumafia in Dortmund lag bis vor wenigen Wochen unscheinbar in einem Wettbüro mit dicht verklebten Fenstern, direkt neben einer Apotheke in Dortmund-Hörde, nur zwei Steinwürfe vom Phoenixsee entfernt. Hier traf sich Rosario P. mit seinen Kunden, um fingierte Rechnungen zu übergeben oder Schwarzgeld zu waschen.

Hier wurden Bücher manipuliert und Baukolonnen verschoben. Hier gingen Millionen Euro über den Tisch, die von Bauprojekten in der Gemeinde abgezwackt wurden. Rosario P. strich davon exakt 462.892,87 Euro als Geldwäscherlohn ein. Das geht aus den Ermittlungsakten der Kölner Staatsanwaltschaft hervor, die derzeit ein Netz der Baumafia in NRW mit über 20 Beteiligten durchleuchtet.

In etlichen Städten hatten die Clans ihre Finger im Spiel. In Dortmund, Hagen, Hamm, Witten, Krefeld, Schwerte, Essen, Hilden. Ihre Chefs saßen in Dortmund und in Köln-Kalk. Die Staatsanwaltschaft schätzt den Schaden, den die Baumafia alleine in diesen Fällen verursacht hat, auf rund 30 Millionen Euro. Gegen die Haupttäter Rosario P. mit Aktionsgebiet Dortmund und Gabriele S. aus Köln wurde vor wenigen Tagen Anklage vor dem Landgericht Köln erhoben. Mit einem Beginn des Prozesses wird Anfang kommenden Jahres gerechnet.

Ein Job mit „gutem Gehalt bei wenig Arbeit“

Das System der Gruppe war so einfach wie bestechend. Gelenkt von den Clanchefs in Dortmund und Köln betrieben sie Strohfirmen für Baugeschäfte. Als Geschäftsführer setzten sie Leute ein, denen sie ein gutes Gehalt bei wenig Arbeit versprachen. Meist sozial schwache Menschen aus ihren sizilianischen Heimatorten. Die Baumafia verkaufte über ihre Strohfirmen vor allem Rechnungen. Das bedeutet: Käufer der Rechnungen beglichen diese per Bankzahlung an die Baumafia und hefteten die Papiere in ihren Büchern für das Finanzamt ab. Alles sah sauber aus. Tatsächlich aber standen den Rechnungen keine Leistungen gegenüber. Und die Baumafia gab den Firmen das Geld in bar zurück – minus einer Gebühr von rund 10 Prozent. Dieses Geld behielt die Baumafia dafür, dass sie die Summen über ihre Bücher laufen ließ und so wusch.

Die normalen Firmen konnten das so gewaschene Geld in Millionenhöhe als Schwarzgeld anhäufen. Sie bezahlten damit Schwarzarbeiter, bestachen Entscheidungsträger auf dem Bau oder verprassten es. Der Verbleib der Schwarzgelder ist in den meisten Fällen ungeklärt, erklärt die Staatsanwalt-schaft.

In Dortmund gründete Rosario P. mit zwei weiteren Partnern eine solche Geldwäsche-Firma, wie aus den Akten hervorgeht.

Scheinrechnungen mit Millionenumsätzen verschoben

Rosario P. selbst stammt aus Riesi in Sizilien. Einer Stadt, die von der Cosa Nostra beherrscht wird. Rosario P. sagt, er arbeite im Ruhrgebiet als Maurer. Tatsächlich aber verschiebt der mehrfach vorbestrafte Sizilianer Scheinrechnungen mit Millionenumsätzen. Die Eintragung in die Handwerksrolle übernimmt auf dem Papier zunächst der Betriebsleiter Krzysztof P. gegen „Gefälligkeitszahlungen“, wie die Ermittler notieren. Strohmann wird der Italiener Fabrizzio R. Er Dieser richtet eine Tarnadresse in Hagen ein. In einem leeren Ladenlokal stellt er einen Computer und ein Fax auf den Boden und hängt einen kleinen Zettel an den Briefkasten: „R. Bauunternehmung.“ Das Fenster ist mit einem gelben Vorhang verhängt.

Dann beginnen die Geschäfte: Per Handy werden Schwarzarbeiter vermittelt, die Ermittler schneiden mit. Über einen Schwarzgeldkunden, eine bekannte Dortmunder Firma, werden Malocher zum Studentenwerk der Uni Dortmund geschickt, zu Baustellen von Supermärkten oder Privathäusern. Es gebe „Arbeit ohne Ende“, sagt Rosario P. Das Geld wird über Scheinrechnungen abgewickelt und in bar zurückgegeben.

Um die riesigen Bargeldmengen zu besorgen, lässt sich Rosario P. von seinem Strohmann Fabrizzio R. zu Geldautomaten in Hagen, Schwerte und Köln fahren. Rosario P. nervt die Fahrerei, in einem Telefonat beklagt er sich über den „Aufwand und die Kosten“ dieser Plackerei. Seinen Strohmann schickt er derweil zum Autowaschen. Den Schaden, den Rosario P. alleine über die „R. Bauunternehmung“ anrichtet, liegt bei über vier Millionen Euro; der nachgewiesene Gesamtschaden über alle seine Strohfirmen bei 9,5 Millionen Euro.

Ein „weißes Auto“ steht für 100 Gramm Kokain

Der Clanchef in Köln, Gabriele S., stammt aus einem Nachbarort von Rosario P., der Hafenstadt Licata in Sizilien – auch einer von der Cosa Nostra dominierten Gemeinde. Die Polizei findet bei Gabriele S. Hinweise auf Verbindungen zur Cosa Nostra, ohne ihm die Zugehörigkeit zur klassischen Mafia nachweisen zu können. Gabriele S. handelt mit Drogen, denen er in Telefongesprächen Tarnnamen gibt. Ein „weißes Auto“ steht für 100 Gramm Kokain, wie die Polizei herausfindet. Die Gewaltbereitschaft der Männer wird in der Lauschattacke dokumentiert. Laut Handyüberwachung schießt Gabriele S. bei einem Streit in seiner Bar zornentbrannt mit einer Pistole in die Decke. Einer seiner Strohleute wollte eine Kneipe ohne sein Einverständnis aufmachen.

Die Anwälte von Gabriele S. und Rosario P., Ingmar Rosentreter aus Bonn und Jasper D. Marten aus Krefeld, erklären, ihre Mandaten seien weitgehend geständig. Rosentreter: „Ich rechne deswegen mit einem zugehörigen Verfahren.“ Verbindungen zur Mafia seien von den Ermittlern zwar vermutet, aber nicht nachgewiesen worden. Marten: „Das hat mit der Cosa Nostra nichts zu tun. Das ist ein Geschäftsmodell, dass sich die Italiener voneinander abschauen.“