„Westfalen darf sich nicht abhängen lassen“

Dr. Gerd Bollermann ( SPD ), der neue Regierungspräsident des Regierungsbezirks Arnsberg, im Interview mit der WAZ.  Foto: Horst Müller / WAZ FotoPool
Dr. Gerd Bollermann ( SPD ), der neue Regierungspräsident des Regierungsbezirks Arnsberg, im Interview mit der WAZ. Foto: Horst Müller / WAZ FotoPool
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Dortmund.  Zum Interview gibt’s Rohkost statt Schokokekse und auch sonst hat sich einiges geändert im Amtszimmer des Regierungspräsidenten. Dort sitzt mit Gerd Bollermann seit fünf Jahren erstmals wieder ein SPD-Mann. Weht ein neuer Wind durch die Flure der für Dortmund oft entscheidenden Kommunalaufsicht? Das klärte Gerd Bollermann im Gespräch mit WAZ-Redakteur Michael Kohlstadt.

Sie sind seit Kriegsende der erste Regierungspräsident, der aus Dortmund und damit aus der mit Abstand größten Stadt des Bezirks kommt. Was haben Sie in Arnsberg vorgefunden?

Bollermann: Eine professionell arbeitende Behörde. Aber wir sind in einer schwierigen Situation, weil wir personell an unsere Grenzen geraten. Die Behörde mit ihren knapp 1700 Mitarbeitern ist über die Jahre mehr und mehr verschlankt worden. Zudem sind den Bezirkregierungen immer neue Aufgaben aufgebürdet worden. Das geht mittlerweile an die Substanz. Außerdem haben wir eine relativ alte Mitarbeiterstruktur. Hier muss ein Personalentwicklungskonzept her.

Sie haben Helmut Diegel abgelöst. Der CDU-Mann war bei vielen Dortmunder Genossen nicht eben beliebt. Ein schwieriger Wechsel?

Helmut Diegel hat den Übergang bemerkenswert gut organisiert. Ich kenne ihn seit mehr als zehn Jahren. Wir haben oft die Klinge gekreuzt, etwa im Finanzausschuss des Landtages. Dabei haben wir uns kennen und auch schätzen gelernt.

Die Diskussion um eine Neugliederung der Regierungsbezirke im Land ist beendet, ein Bezirk Ruhrgebiet damit vom Tisch. Was bleibt, ist eine Region, die vom Siegerland bis tief ins Ruhrgebiet hineinreicht. Was ist die Klammer?

Der Strukturwandel. Den gibt es nämlich nicht nur an der Ruhr, sondern auch im Sauer- und im Siegerland. Wir müssen es hinkriegen, dass das Wissen hier bleibt und die Region für ansiedlungswillige Unternehmen und Arbeitnehmer attraktiver wird. Dazu müssen die Hochschulen viel stärker ins Boot geholt werden. Letztendlich müssen wir eine Strategie entwickeln, mit der wir die Schönheiten Südwestfalens in eine Gesamtmarke einbinden.

Setzten Sie dabei auf Partner?

Ich strebe auch eine stärkere Vernetzung mit der Wirtschaft der Region an. Denn wir brauchen eine Strategie der Internationalisierung. 95 bis 98 Prozent der ausländischen Investitionen in NRW gehen ins Rheinland. Da müssen wir aufpassen, dass Westfalen nicht abgehängt wird. Die Rheinländer können sich besser verkaufen als die Westfalen. Wir haben eher die Eigenart zu denken, es wird schon jemand merken, dass wir gut sind. Wir haben sie zwar hier, die Weltmarktführer, aber kaum einer weiß es.

Sie reden ja immer noch wie ein Vollblutpolitiker. Dabei sind Sie jetzt doch Behördenchef.

Es ist nur ein Perspektivwechsel. Und mein Landtagsmandat habe ich ja auch mit einem weinenden und einem lachenden Auge aufgegeben. Die Schlüsselübergabe in meinem Düsseldorfer Abgeordnetenbüro, das war schon ein komisches Gefühl. Aber jetzt kann ich in einer anderen Rolle mitgestalten. Die Bezirksregierung ist so etwas wie die verlängerte Werkbank der Politik in Düsseldorf. Hier geht es darum, die Entscheidungen der Landesregierung in praktisches Handeln umzusetzen. Das kann man nach Schema F machen oder eben gestalten. Ich verstehe mich dabei als Impulsgeber für meine Behörde. Die grundsätzlichen Impulse setzt die politische Linie in Düsseldorf.

Da kann der Dortmunder Flughafen ja froh sein, dass Sie nicht Genehmigungsbehörde sind. Denn ein Impuls aus Düsseldorf ist die rot-grüne Vereinbarung gegen längere Start- und Landezeiten in Wickede.

Zuständig für Genehmigungsverfahren des Flughafens ist die Bezirksregierung in Münster. Ich werde mich also in die Diskussion um den Flughafen nicht einschalten. Dennoch: Ich glaube, der Wunsch des Flughafens nach einer längeren Betriebszeit - das wird eine schwierige Geschichte. Die Vorstellungen des Flughafens treffen in Düsseldorf auf eine klare Linie. Ich kann Dortmund nur empfehlen, in enger Abstimmung mit dem Land vorzugehen.

Wie eng ist Ihre Abstimmung mit der Stadt, wenn es um den noch nicht genehmigten Haushalt 2010 geht?

Ich erwarte klare Analysen, Offenheit und eine Begegnung auf Augenhöhe. Das Klima der Gespräche ist bestimmender Faktor. Mir ist es wichtig, dass wir als beratende Partner für die Kommunen auftreten. Diesen Weg hatte übrigens auch schon Helmut Diegel eingeschlagen. Was den Haushalt 2010 angeht, werden wir Punkt für Punkt über die Vorstellungen der Stadt sprechen. Dabei sind wir selbstverständlich an Recht und Gesetz gebunden. Die Bezirkregierung ist keine Abnickerbehörde. Wenn uns also Zahlen vorgelegt werden, die nicht nachvollziehbar sind, werden wir sehr konkret nachfragen.

Das tut die Bezirksregierung ja bereits. Stehen noch Antworten aus?

Erklärungsbedürftig sind die Angaben zu den prognostizierten Personalausgaben und Ertragszuwächsen in den Bereichen Wirtschaft und Tourismus. Auch die Erträge aus dem Verkauf von Finanzanlagen und Liegenschaften sind ein Paket, über das wir noch reden wollen. Ich möchte schon wissen, was für Veräußerungsgewinne das sind. Die Antwort auf unseren Brief von Ende Juli liegt inzwischen schriftlich vor und wird in der Kommunalaufsicht geprüft. Bei alledem wollen wir aber nicht die Besserwisser sein. Die Stadt Dortmund hat eine Eigenverantwortung und sicher eine Strategie, die über den Tag hinaus geht.

Zwischen Ihrem Vorgänger und Ex-OB Gerhard Langemeyer krachte es gewaltig. Wie ist ihr Verhältnis zum gegenwärtigen OB?

Ullrich Sierau hat den Anspruch auf Transparenz geäußert. Das finde ich gut. Da baue ich auf ihn. Wir sprechen an dieser Stelle eine Sprache.

 
 

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