„Wenn wir eine Oper für alle wollen, müssen wir über Preise nachdenken“

Opernintendant Jens Daniel Herzog. Foto: Ralf Rottmann
Opernintendant Jens Daniel Herzog. Foto: Ralf Rottmann
Foto: Ralf Rottmann
Zehn Premieren, Aufbruchstimmung im Haus, aber auch Kritik an modernen Inszenierungen und eine mäßige Auslastung: Ein tosendes Auf und Ab kennzeichnet die erste Spielzeit von OpernintendantJens-Daniel-Herzog.

Dortmund. Zehn Premieren, Aufbruchstimmung im Haus, aber auch Kritik an modernen Inszenierungen und eine mäßige Auslastung: Ein tosendes Auf und Ab kennzeichnet die erste Spielzeit von Opernintendant Jens-Daniel-Herzog. Mit Nadine Albach sprach er über Finanzen und realistische Erwartungen.

Ihre Bilanz der ersten Spielzeit?

Ich bin glücklich. Wir haben zehn Premieren geschafft, die Junge Oper vorwärts gebracht und tolle Koproduktionen zum Beispiel mit den Schwetzinger Festspielen eingestielt. Und ich bin stolz auf die Mitarbeiter und ihre Leistung.

Was dachten Sie, als ein Mitglied der Theater- und Konzertfreunde kritisierte, Ihre größte Konkurrenz seien Kinoübertragungen der MET – wegen der klassischen Inszenierung?

Überrascht. Diese Konkurrenz wäre mir nicht eingefallen, schließlich ist sie nicht live.

„Ich bin sehr direkt“

Aber das ist doch eine Ohrfeige!

Als Intendant werde ich auch dafür bezahlt, Missverständnisse auszuräumen. Natürlich muss man sich in Dortmund schon manchmal warm anziehen. Aber ich bin sehr direkt – und die Menschen sind es auch.

Trotzdem scheint die Angst vor dem bösen Regietheater groß. Was wollen Sie dagegen tun?

Vertrauen auf- und Hemmschwellen abbauen. Theater ohne Regie gibt es nicht. Aber wir präsentieren genau die Probleme, die genuin in den Werken stecken - wir stülpen ihnen nichts über. Dafür müssen wir werben. Ich habe in Nachgesprächen zu „Elias“ aber auch schon den Idealzustand erlebt: Zuschauer, die Angst hatten, wie moderne Bilder und Bibel zusammenkommen – und die sich dann auf eine lebendige Auseinandersetzung eingelassen haben.

Trotzdem reicht schon ein grüner Bademantel in einer Inszenierung für großen Protest. Fühlen Sie sich wie in der Provinz?

Nein. Aber wir wussten, dass wir viel Basisarbeit leisten müssen. Das Opernpublikum ist einfach nicht mehr da. Es gibt ein Publikum für Barock, eins für Musical, jetzt auch wieder eins für Operette – aber die müssen wir vereinen zu einem Stadttheaterpublikum. Wir müssen viel Vertrauen wieder aufbauen und eine Oper für alle bieten. In der Presse werden wir überregional wahrgenommen. Aber trotzdem schwingt dort immer mit: Dortmund ist keine Opernstadt. Das ist natürlich Unsinn.

„Der Abwärtstrend ist gestoppt“

Die Auslastungszahlen lagen zuletzt bei 52,5 Prozent. Damit können Sie nicht zufrieden sein.

Bin ich auch nicht. Aber der Abwärtstrend ist gestoppt. Immerhin haben wir 27 Prozent mehr Einnahmen und 5 Prozent mehr Auslastung im Vergleich zum Vorjahr. Der Aufschwung ist ein langfristiges Projekt – aber die Richtung stimmt.

Wo sehen Sie die Ursachen?

Dortmund ist viel preissensibler, als wir dachten. Hier spart man sich das Geld für eine Opernkarte ab. Beispiel „Fangesänge“: Die liefen nach der Premiere schlecht. Nach der Meisterschaft haben wir den Meisterpreis eingeführt - plötzlich ist die Nachfrage explosionsartig gestiegen, von 35 auf 90 Prozent. Wir sehen das überall: Das Interesse ist da, aber oft nicht die Bereitschaft, Geld dafür auszugeben.

Gleichzeitig haben Sie gerade die Rabattierungen gestoppt, die für einen durchschnittlichen Kartenpreis von 11,50 Euro sorgten.

Ja, wir haben eine Verdopplung des durchschnittlichen Kartenpreises erreicht – denn die Einnahmeerwartungen sind sehr hoch. Wir dürfen uns nicht verschenken. Aber wenn wir eine Oper für alle wollen, müssen wir über die Preise nachdenken.

„So macht es jeder Dealer“

Im Klartext: Oper für alle und viel Geld einnehmen passt nicht zusammen?

Zumindest müsste man übergangsweise die Hemmschwelle senken. Das ist ein schräges Bild, aber so macht es jeder Dealer. Und ich bin überzeugt: Wer einmal die Droge Oper probiert hat, kommt nicht mehr los.

Halten Sie bei Ihrem Etat eine Auslastung von 70 Prozent überhaupt für möglich?

Zumindest ist es schwer. Köln hat 10,8 Millionen künstlerischen Etat, wir 2,7 Millionen. Aber darüber zu klagen, wäre unsolidarisch – die Stadt hat wenig Geld, und wir sind froh, wenn nicht weiter gekürzt wird. Allerdings müssen wir eine Lobby für die Oper aufbauen und dabei erwarte ich Unterstützung von der Stadt, etwa im Marketing. Seit anderthalb Jahren kämpfe ich für ein Schild „Opernhaus“. Der Einwand: Das könnte ablenken und für Crashs auf dem Wall sorgen. Da kann ich nur mit Humor erwidern: Kein Wunder, dass die Dortmunder Unfälle bauen, sobald sie erfahren, dass es hier tatsächlich ein Opernhaus gibt. Ich wünsche mir in der Stadt einfach die Offenheit von Kevin Großkreutz’ Wade – auf seinem Tattoo ist auch die Oper zu sehen.