Wenn Pferde „Tacheles reden“

Anne-Christiane Meister, Gesundheitstrainerin aus Dortmund, bietet Persönlichkeitstraining mit dem Pferd als Medium an. Foto: Henryk Brock
Anne-Christiane Meister, Gesundheitstrainerin aus Dortmund, bietet Persönlichkeitstraining mit dem Pferd als Medium an. Foto: Henryk Brock
Foto: Henryk Brock
Kennen Sie diesen Ausdruck: „Jemandem was vom Pferd erzählen...“? Wenn Anne-Christiane Meister das macht, dann konterkariert sie die ursprüngliche Bedeutung des Satzes. Und geht noch weiter: In der pferdegestützten Schulung sind es quasi die Pferde, die mit den Teilnehmern Tacheles reden.

Dortmund.. Kennen Sie diesen Ausdruck: „Jemandem was vom Pferd erzählen...“? Wenn Anne-Christiane Meister das macht, dann konterkariert sie die ur­sprüngliche Bedeutung des Satzes. Und geht noch weiter: In der pferdegestützten Schulung sind es quasi die Pferde, die mit den Teilnehmern Ta­cheles reden.

„Pferde“, sagt die 43-jährige Gesundheitstrainerin aus Dortmund, „spiegeln Menschen ungeschminkt.“ Lassen sich also nicht beeinflussen von Position, Aufmachung, Auftreten eines Menschen. Arbeiten gerne mit – aber nur, wenn der Mensch authentisch ist, klar, respektvoll. Ann-Kathrin Schmidt nimmt ‘Razar’ an den Strick und „ihre“ Hindernisse in den Blick. Sie ist auf der Suche nach einer Lehrstelle. Aber: Die Zeit wird knapp. Und Mathe ist für sie so etwas wie eine hochgelegte Latte. „Das“, übersetzt Meister, „sind die Barrieren, die sie behindern“ – und die sie auf dem Platz aufgebaut hat.

Eine raschelnde Plastikplane symbolisiert den Zeitdruck. Eine höher gelegte Stange die Angst vorm Zahlensalat. „Barrieren überwinden, Ziele erreichen“, die Überschrift zu der Übung. Das Pferd muss mitmachen – und spürt jede Unsicherheit am anderen Ende des Führstricks. Die 18-Jährige geht zielstrebig auf die Plane zu, der Welsh Cob folgt ihr nach leichtem Zögern auf den unsicheren Untergrund. Zeit? Kein Problem. Und Mathe? Razar bremst vor dem Hindernis. Schmidts Selbstvertrauen sackt kurzzeitig in sich zusammen. Dann wirft das Pferd lässig mit einem Huf die Stange um und marschiert seelenruhig darüber. Fazit: Warum aus etwas ein Problem machen, was keines ist?

Spiegeln statt bewerten

„Es geht nie ums Bewerten“, winkt die Trainerin ab. Nur ums Spiegeln. Einmal hat sie einen Mann erlebt, selbst Trainer in seiner Firma, der komplett am Pferd gescheitert war. „Er bekam keine Aufmerksamkeit.“ Weder durch Druck, noch durch Bestechung. Und so, wie ihn das Tier ignorierte, sei auch die Wahrnehmung in seinem Un­ter­nehmen.

Razar galoppiert gerade ausgelassen um Schmidt herum. Er hat sie, Zentrum seines Kreiselns, gerade noch im Blick, macht aber sein eigenes Tempo – ein Mitarbeiter voller Elan sozusagen, der aber knapp davor ist, von der Fahne zu gehen. Schmidt macht sich ruhig, aber bestimmt, wieder zum Mittelpunkt...

Das zweite Leben

Das Persönlichkeitstraining mit Pferden – ein Baustein im zweiten Leben von Anne-Christiane Meister. 23 Jahre lang hatte die gelernte Arzthelferin in der Pharmaindustrie gearbeitet, in der Forschung, bei klinischen Studien. Da also, wo Medikamente erstmals an Menschen eingesetzt werden. Ein unregelmäßiges Leben, ein Job unter Druck. „Irgendwann hab ich gemerkt, dass das an meine Gesundheit geht.“ Den Ausgleich fand sie im Pferdestall. „Ich habe ge­merkt, wie mich das erdet.“

Die nächsten Schritte ergaben sich fast von selbst: Noch immer arbeitet sie in der Pharmaindustrie – heute als selbstständige Unternehmensberaterin. Das ist der „Brotjob“. Daneben hat sie eine Ausbildung zur Gesundheitstrainerin absolviert und die Trainerausbildung zur pferdegestützten Schulung. Sie bietet Stressbewältigung an, hat das Burnout-Syndrom auf ihrer Beratungsliste, ihre Liebeskummerpraxis eröffnet. Und ist sehr klar in ihren Zielen. „Es geht nicht ums Aussteigen, sondern nur darum, die Balance zu finden – auch in einem stressigen Job.“ Es ist, denkt sie an ihr erstes „Führungstraining“ mit Pferd zurück, „nicht das Wollen, mit dem wir ans Ziel kommen.“ Denn ihr vierbeiniger Trainingspartner hatte sich damals trotz Strick nicht vorwärts bewegt. Erst, als sie den Strick gelöst hatte, war ihr das Pferd gefolgt. Meister: „Es ist das Loslassen...“

 
 

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