Wenn arme Kinder nicht mal mehr träumen

Allein in Dortmund leben 22.000 Mädchen und Jungen, deren Eltern Hartz IV beziehen. Sie erleben, dass Mutter oder Vater jeden Anorak bei der Arge beantragen müssen und bei der Tafel für Lebensmittel anstehen. Manchmal schaffen die Eltern nicht mal die einfachsten Dinge des Alltags.

Dortmund.. Welche Berufe gibt es? Verkäuferin bei KiK, Verkäuferin bei Tedi, Verkäuferin bei Netto. Diese Antworten haben Kinder gegeben, die nichts anderes kennen als billig. Weil es billig sein muss, weil die Eltern keine Arbeit haben oder nur solche, mit denen man nicht viel verdient. Beim Kinderschutzbund in Dortmund guckt man genau hin, wenn es um das Thema Kinderarmut geht. „Sie hat viele Gesichter“, sagt Martina Furlan, Vorsitzende des Vereins. Über das Motto der Landesregierung ,,Kein Kind zurücklassen“, kann sie nur den Kopf schütteln. „Was soll das schon heißen?“, fragt sie. Im Koalitionsvertrag werde Kinderarmut nicht mal erwähnt. ,,Ich glaube, die denken, dass sie das Problem sowieso nicht lösen.“

In Dortmund leben rund 22.000 Kinder, deren Eltern Hartz IV beziehen. Sie erleben, dass Mutter oder Vater jeden Anorak bei der Arge beantragen muss. Oder neue Winterschuhe. Sie erleben, dass ihre Eltern bei der Tafel für Lebensmittel anstehen. Das ist eine demütigende Erfahrung, weiß Furlan. Manche Eltern kriegten nicht mal die einfachsten Dinge des Alltags hin. „Dann kommen Kinder im Winter mit einem dünnen Kleidchen und Sandalen. Oder mit Schuhen, die drei Nummern zu groß sind.“

Mädchen muss sich mit kaltem Wasser waschen

Es gibt Armut, die nicht vorstellbar ist. Wenn das Geld für die Extrapackung Windeln nicht reicht, obwohl das Kind Durchfall hat. Wenn die Arge die Nachhilfe nur dann bezahlt, wenn ein Kind droht, nicht versetzt zu werden. Armut ist, wenn Kinder wegen mangelhafter Ernährung und Bewegung so dick sind, dass sie motorisch unterentwickelt sind. „Diese Kinder haben häufiger Unfälle als Kinder aus besser gestellten Familien.“

Arm ist auch jenes Mädchen, das sich ein Jahr mit kaltem Wasser waschen musste, keine warme Mahlzeit essen konnte und auf elektrisches Licht verzichten musste, weil der Strom abgestellt war. Arm ist das Kind, das hungrig in die Schule oder in den Kindergarten geht, weil ihm niemand ein Frühstück zubereitet hat. Die Liste der Beispiele aus Dortmund ist lang.

Im Dezember verteilte der Kinderschutzbund Freikarten für den Zirkus. Eine Familie mit zwei Kindern hatte das Glück, eine Vorstellung zu erleben. Doch dass sie arm ist, machte sich spätestens da bemerkbar, als die Kinder eine Bratwurst essen wollten. ,,Die beiden Jungs haben verstanden, dass die Eltern so kurz vor Weihnachten kein Geld dafür übrig hatten und haben verzichtet“, sagt Martina Furlan. Irgendwann begreife jedes Kind, dass es aus armen Verhältnissen komme, passe sich an und träume nicht einmal. Als der Verein neulich Besuch von einem Polizeibeamten bekam, wollten die Jungen und Mädchen wissen, wie man denn Polizist werden könne. Mit Abitur und Führerschein, lautete die Antwort. Das Interesse erlosch. Niemand aus ihrem Umfeld hat das Abi oder einen Führerschein.

„Diese Kinder haben kein Selbstwertgefühl. Sie fühlen sich nichts wert“, sagt Martina Furlan. Wie auch? Sie nehmen nicht teil an Feiern, an Kulturveranstaltungen oder Sportevents. All die tollen Sachen, die das Leben interessant machen, können sich ihre Eltern nicht leisten. Urlaube? Theater und Kino? Selbst die Geburtstagsfeier des Klassenkameraden geht nicht.

Leben, um zu überleben

In Dortmund gibt es so viele arme Familien, dass die Stadt jährlich aus der Bundesinitiative „Frühe Hilfe“ 500 000 Euro erhält. Denn, so betont Martina Furlan, die Hilfe muss bei den Eltern ansetzen. Wer nicht lesen und schreiben könne, sei keine Stütze. Eltern müsse man stärken, um die Kinder zu stärken. Eltern müsse man auch stärken, damit sie ihren Frust nicht an ihren Kindern ausließen.

Der Kinderschutzbund arbeitet in der Dortmunder Nordstadt, wo Armut nicht weiter auffällt, weil hier jeder arm zu sein scheint. ,,Immer mehr Familien leben isoliert. Bei denen gibt’s nichts Unbeschwertes.“ Leben, um zu überleben, bietet keine Aussicht auf ein Erfolgserlebnis. Daher plädieren die Kinderschützer dafür, die Familien zu stärken und den Kreislauf der vererbten Armut zu durchbrechen. Aus eigener Kraft schaffe das kein Kind.

EURE FAVORITEN