Weltliteratur fiel den Nazis zum Opfer

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Plötzlich ging es ganz schnell: Binnen weniger Monate wandelte sich 1933 das einstmals als Land der Dichter und Denker beschriebene Deutschland in ein Land der Richter und Henker.

Kommunisten und Sozialdemokraten nahmen die Nationalsozialisten ins Visier. Und auch die Vordenker von Freiheit und Demokratie. Am 10. Mai 1933 brannten die ersten Bücher in Berlin. Dortmund folgte und erlebte sogar gleich zwei Bücherverbrennungen. Am 30. Mai 1933 - also heute vor 75 Jahren - brannten Bücher auf dem Hansaplatz und wenige Tage später auf dem Aplerbecker Markt.

„Es war ein Protest gegen die geistige Freiheit. Die Freiheit des Denkens und der Toleranz passte nicht in das nationalsozialistische Weltbild”, berichtet Ulrich Moeske, Leiter der Stadt- und Landesbibliothek. Das besonders Erschreckende: Die Bücherverbrennungen wurden nicht etwa zentral angeordnet. „Sie wurden vor allem von den faschistischen Studentenbünden in die Hand genommen”, berichtet Marco Bülow, der mit Erich G. Fritz eine Lesenacht der „Verbrannten Autoren” initiiert hat. „Denn die Führung war sich nicht sicher, ob die Bevölkerung reif dafür ist”, so Bülow. Scheinbar war das Volk es: Die mittlerweile von den Nazis gleichgeschalteten Zeitungen berichten von 50 000 Menschen, die allein auf den Hansaplatz kamen.

Lehrer trieben die Verbrennung voran

„Der Großteil der im Mai und Juni 1933 in Dortmund verbrannten Bücher stammte aus den öffentlichen Stadt- und Volksbüchereien, den privaten Leihbüchereien, aus Buchhandlungen, aus besetzten und beschlagnahmten kommunistischen, sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Einrichtungen und Redaktionshäusern”, hat Dr. Günther Högl, Leiter des Stadtarchivs, recherchiert.

Die Bestände der Stadt- und Landesbibliothek blieben weitestgehend verschont, waren aber bedroht: „Da die Vermutung besteht, dass unter den Beständen sich noch Bücher und Schriften befinden, die unter der nationalen Regierung nicht mehr geduldet werden können, hat der Staatskommissar die sofortige Durchsicht der Bestände angeordnet”, so eine Order, die Högl vorliegt.

134 Autoren auf schwarzer Liste

Es gab „Schwarze Listen” mit „unerwünschten Schrifttum”. Sie enthielten Werke von 134 Autoren der schöngeistigen Literatur, Schriften der Sexualwissenschaft, Sexualaufklärung und Psychologie sowie zahlreiche republikanische, verfassungstreue, linksliberale, pazifistische, sozialdemokratische, marxistische, antifaschistische und internationalistische Werke.

In Dortmund waren es vor allem Lehrer - allen voran Dr. Hans Woelbing, Studienrat am Bismarck-Realgymnasium - die die Bücherverbrennung vorantrieben. Am 26. Mai 1933 wurde in der „Tremonia” unter der Überschrift „Oeffentliche Verbrennung von Schund- und Schmutzliteratur” bekannt gegeben, dass die „nationalsozialistische Prüfungs- und Säuberungsaktion der Dortmunder Bibliotheken” in vollem Gange sei, so Högl. „Jeder, der noch solche Bücher zu Hause hat, soll sie in der Sammelstelle abliefern”, so der Aufruf.

Presse: „Bevölkerung war begeistert”

In der Tagespresse wurde zudem zur Teilnahme aufgerufen. Darin hieß es: „An alle Lehrer wird die dringende Aufforderung gerichtet, dieser symbolischen Handlung beizuwohnen. Zeigt durch Eure geschlossene Teilnahme, daß Ihr nie und nimmer gewillt seid, deutsches Volk und deutsche Jugend dem Verderben preiszugeben. Auf zur Tat!” Tausende Einwohner strömten auf den Hansaplatz. SA, SS, Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel und NS-Lehrerbund hatten zur Verbrennung der Bücher aufgerufen, die in den Tagen und Wochen zuvor in Buchhandlungen, Bibliotheken, zum größten Teil aber im gewerkschaftlichen Volkshaus beschlagnahmt worden waren.

In der Presse, insbesondere in dem gleichgeschalteten, früher linksliberalen, „General-Anzeiger” und der nationalkonservativen „Dortmunder Zeitung” wurde der Vorgang der Bücherverbrennung detailgenau geschildert. „Darüber hinausgehend liegen keinerlei authentische Zeitzeugenberichte vor”, bedauert der Leiter des Stadtarchivs. „Die Dortmunder NS-Anhängerschaft scheint das Spektakel zahlreich und mit einer gewissen Begeisterung aufgenommen zu haben, wenn man der Presse diesbezüglich Glauben schenken mag.”

 
 

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