Was bleibt, ist das Entsetzen

Auch nach zwei Jahren können Ernst Friedrich Drews und  Rosita Geduttis die Tat nicht fassen.  Foto: Rottmann
Auch nach zwei Jahren können Ernst Friedrich Drews und Rosita Geduttis die Tat nicht fassen. Foto: Rottmann
Foto: Ralf Rottmann

Dortmund..  Es war ein sonniger Samstag vor zwei Jahren, da erstarrten die Menschen in Eving vor Entsetzen. Mitten unter ihnen, in der friedlichen Zipsstraße, hatte in der Nacht zuvor ein Doppelmörder zugeschlagen. Die Opfer: Edith Schulze (85) und ihre Tochter Roswitha Chadt (59). Zwei Frauen, die alleine in dem Schiefer-Reihenhäuschen am Ende der Stichstraße lebten. Zwei Jahre später ist der Täter noch immer auf freiem Fuß – und die Menschen in Eving, sie können noch immer nicht fassen, was damals geschah.

„Also, uns wäre es schon lieber, der säße hinter Schloss und Riegel, das kann ich Ihnen sagen“, meint eine Nachbarin und schrubbt ihren Briefkasten noch ein bisschen energischer. „Ist kein schönes Gefühl, dass der Bursche frei herumläuft.“ Schweigen. Ein letztes Mal wird der Lappen in den Putzeimer getaucht.

Ein Stachel im Herzen der Staatsanwältin

Was soll man auch groß sagen, wenn zwei Menschen, die jahrelang neben einem, die mit einem lebten, grausam ermordet wurden. „Tja, eine schlimme Sache“, ringt sich ein anderer Nachbar durch. „Da vorne, durch das Törchen, da ist die Rosie immer zur Arbeit gegangen.“ Das Törchen neben dem mittlerweile wieder bewohntem Haus Nr 15, in dem der Sohn und Enkel am Morgen des 28. Juni 2008 die grauenvolle Tat entdeckte. Die Oma erstickt, die Mutter erstochen. Mögliches Motiv: Raubmord. „Viele hier haben ganz schön gejault, hatten Angst. Aber ich habe das weggedrängt, hab das auch nicht auf uns bezogen.“

Dass es sich bei dem Mörder um jemanden handelte, der wahllos in Wohnungen einbricht, hält Staatsanwältin Carola Jakobs für wenig wahrscheinlich. „Es weist vieles darauf hin, dass der Täter von dem Geld wusste, was sich damals in der Wohnung befand.“ Jene 10 000 Euro, die die 85-jährige Mutter für die Renovierung des Hauses abgehoben hatte und die der Mörder mitnahm. Durch die auffällige Stückelung von 20 Scheinen à 500 Euro hatten die Ermittler große Hoffnungen gehegt, so einen entscheidenden Hinweis zu bekommen.

Eine Hoffnung, die zerplatzte. Auch die intensive Befragung des sozialen Umfeldes blieb erfolglos. „Wer nun wem wann von dem Geld erzählt haben könnte, ist ein unüberschaubarer Personenkreis.“

Was wurde nicht alles probiert, um noch mehr zu finden als jenen genetischen Fingerabdruck (DNA), den der Täter hinterließ. Speichelproben wurden genommen. Beamte des Landeskriminalamtes versuchten, durch die Methode der operativen Fallanalyse (OFA) ein mögliches Täterprofil zu erstellen. Speziell geschulte „Mantrailer-Hunde“ erschnüffelten die Umgebung nach zersetzten Hautfetzen. Erst kürzlich ließ man Spuren von der Münchener Rechtsmedizin untersuchen: Dort wird ein neues, spezielles Auswertungsverfahren angewandt. „Wir arbeiten immer weiter, da kann noch etwas kommen.“ Und Carola Jakobs ist davon überzeugt: „Irgendwann wird uns die DNA-Spur zum Täter führen.“ Dass dieser Doppelmord auch nach zwei Jahren noch unaufgeklärt ist, „das ist ein Stachel in meinem Herzen“, seufzt die Vertreterin der Anklagebehörde, die von der ersten Stunde an die Ermittlungen leitete.

Fast jeder in Eving hat seine eigenen Erfahrungen gemacht, als Polizei und Staatsanwaltschaft in den ersten Monaten jeden Stein umdrehten. „Mann, Mann. Stehste bei Aldi, da kommt auf einmal die Mordkommission, verteilt Zettel“, erinnert sich Dieter beim Pils in der Kneipe „Nowaczyk“. Nebenan, in der „Adrett-Reinigung“, bereitet sich die Belegschaft langsam auf den Feierabend vor.

Doch plötzlich ist alles andere unwichtig. Die Rechnungen, die abzuheften sind, die noch einzupackende Kleidung. Hier, an dem langjährigen Arbeitsplatz von Roswitha Chadt, hier brechen Emotionen los, ist Platz für Trauer. „Mein Gott, Rosie und ich, wir waren befreundet, haben uns noch kurz vorher im Kleingarten getroffen.“ Kollegin Rosita Geduttis schluckt erst tapfer, dann fließen Tränen. Senior-Chef Ernst-Friedrich Drews räuspert sich, um Fassung bemüht: „Das ist eine ganz furchtbare Sache. Das kann man nicht begreifen.“ Und dann, ganz leise: „Wenn einem alte Quittungen in die Hände fallen, denkt man: Ach, guck mal, die sind noch von Rosie.“

 
 

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