Warum die Dortmunder Bombe wohl ein Menschenleben rettete

17.000 Menschen in Dortmund-Hörde mussten am Sonntag ihre Wohnungen verlassen. Bei ihren Kontrollgängen fand die Feuerwehr auch einen hilflosen Mann - er konnte gerettet werden. Aber auch Einbrecher haben wieder versucht, die Situation auszunutzen.

Dortmund. Eine Bombe kommt selten allein. „War halt Krieg damals“, sagt einer schulterzuckend, der 70 Jahre später evakuiert wird. Und so ist der Fund der 1,8 Tonnen schweren Luftmine am Donnerstag in Dortmund noch lange nicht die ganze Geschichte. Denn als der Kampfmittelräumdienst das Ungetüm freilegt am frühen Sonntagmorgen im Stadtteil Hörde, da schlummern an seiner Seite im Lehm drei weitere Blindgänger.

Es ist der Moment, in dem der kleine Daniel doch noch Angst bekommt. „Weil da noch mehr Bomben sind.“ Das war der grausame Sinn der Sache, 1944 im November: Erst schickten die Briten die dicken Luftminen mit allein 1500 Kilo Sprengstoff, die Häuser abzudecken. Dann folgten die Brandbomben, 15 Kilo schwer und mit leicht brennbarem Phosphor. Möglich, dass sie Hoeschs Hochofen treffen wollten, heute Phoenix West. Die Bomben aber explodierten nicht, schlugen metertief in die Erde des Geländes, wo das Pumpenwerk Wilo gerade drei neue Hallen errichten wollte – bis ein Luftbild das stoppte.

Deshalb ist Daniel an diesem Adventssonntag in der Westfalenhalle, wo keine einzige Kerze brennt, wo es aber Essen gibt, Medizin für die Kranken und manchmal sogar eine Streicheleinheit für die Alten, die sich noch erinnern. Immerhin war der Sechsjährige vorher schon in der Kirche. „Da war es warm“, sagt sein Vater, anderswo in der Stadt ist ja nicht einmal Gottesdienst.

Bald 17 000 Menschen müssen für die Entschärfung aus ihren Häusern. Gesperrt sind Lutherkirche und Herz Jesu, Westfalen-, Tier- und Rombergpark. Aus dem Krankenhaus Bethanien darf niemand hinaus, aber auch niemand hinein; Krankenbesuche fallen an diesem Sonntag aus.

Die Evakuierung als letzte Rettung

Aber ein Leben womöglich rettet die Evakuierung sogar. Bei ihrem Kontrollgang durch ein Wohnhaus hören Feuerwehrleute Klopfzeichen. Sie brechen die Wohnungstür auf und finden einen hilflosen Über-70-Jährigen, der offenbar schon mehrere Tage hier gelegen hat. Eine stark schwerhörige Nachbarin hatte seine Hilferufe nicht bemerkt.

Aber auch Einbrecher haben wieder versucht, die Situation auszunutzen: Als Dortmund eine Schwesterbombe entschärfte vor genau einem Jahr, räumten Diebe schon einmal verlassene Wohnungen aus. Noch sitzen sie in Haft, haben aber Nachahmer; schon mittags erwischt die Polizei zwei Männer im Sperrgebiet, mit Diebesgut und Einbruchwerkszeug.

Bis ins Ausland hat sich die Bombe indes nicht herumgesprochen. Die Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge in Hacheney wurde schon am Samstag geräumt, trotzdem kommen hier heute 16 junge Männer an aus Somalia oder Eritrea. „Walking to Happiness“, steht auf dem Pullover eines Afrikaners, etwa „Auf dem Weg zum Glück“. Absurd, dass sie ausgerechnet in die Folgen des Weltkriegs geraten, doch darüber nachzudenken, fehlt den Jungen die Kraft: Den Kopf auf den Tischen des Notquartiers in der Westfalenhalle, schlafen sie ein.

Nachtschwärmer haben nichts mitbekommen

Derweil streifen an die 1000 Kräfte von Polizei, Feuerwehr und Ordnungsamt durch den südlichen Stadtteil, Hamm und das Sauerland haben Verstärkung geschickt. Mit der flachen Hand drücken Beamte auf Klingelleisten – und wecken noch um zehn verschlafene Nachtschwärmer. „Wir wussten gar nicht, dass wir raus müssen“, sagt ein junges Pärchen in der Wellinghofer Straße, keinen Kilometer von Wilo entfernt. Man wolle jetzt einen Bäcker suchen. Im Sperrbezirk. Andere lassen noch schnell ihren Hund raus, in der Phönixstraße und in der Hochhaussiedlung am Clarenberg steht die Polizei vor einem Problem: Viele Anwohner sprechen kein Wort Deutsch, sind noch ahnungslos im Moment, da sie auf der Straße stehen und verstehen nicht, wohin. Es geht vielen so in Hörde, wo die Bevölkerung eine multikulturelle ist. Ein Mitarbeiter der Flüchtlings-„Firma“ European Homecare in der Messehalle spricht acht Sprachen und braucht sie alle.

Auch bei Wilhelm Sieweke läuten die „Klingeltrupps“ Sturm. 90 Jahre ist er alt, hat noch auf seine Pflegerin gewartet: „Ich muss doch gewaschen und angezogen werden.“ Sieweke ist sauer: Selbst eine Druckwelle, hat er ausgerechnet, hätten die Häuser gegenüber abgehalten, er weiß das noch aus dem Krieg. Angst, Herr Sieweke? „Hören Sie mir auf, ich bin Jahrgang 1924. Ich warte nur, dass ich wieder nach Hause kann.“ Da steht der Alte mit seinem Rollator vor dem Krankenwagen und erzählt: Wie das Haus des Försters brannte und die Kühe tot auf der Wiese lagen im Mai 1943. „Wir haben gezittert.” Sieweke hatte Fronturlaub und war froh, als er wieder ziehen konnte: „Ich habe die Leute bedauert, die hier bleiben mussten wegen der Luftangriffe. An der Front war ich besser aufgehoben.“

Am Ende geht es doch zügig

Während Sieweke noch redet, löst Dortmund seine Feuerwache 4 auf und verlegt die Wagen in den Busbahnhof. Im Führungsstab wird die Lieferung von Sauerstoff ins Notquartier vermerkt und dass drei Leute ihre Wohnungen nicht verlassen wollen.

Trotzdem ist Hörde eine halbe Stunde vor dem Zeitplan leer gelaufen, Züge werden angehalten, Autos gestoppt, und dann geht alles ganz schnell. Drei Experten drehen drei Zünder aus der „HC 400“, groß wie ein Gastank und doch nicht auffälliger, wie ein Feuerwehrmann sagt, „als ein Rohr mit Dreck drin“. Mit Tanja Beimel ist Deutschlands einzige Kampfmittelräumerin dabei; sie soll Erfahrungen sammeln, denn statistisch, sagt Kollege Karl-Friedrich Schröder, komme eine Luftmine „nur alle 15 Jahre vor“. Nun war diese die dritte in kaum mehr als einem Jahr in Dortmund. Nicht einmal eine Stunde dauert es, dann, um 14.41 Uhr, liegt die Bombe zahnlos in der Grube.

In der Westfalenhalle sitzen 700 Menschen da noch beim Kaffee. Mit Kind, Kegel und Katze Minka sind sie gekommen, „wenn etwas passiert wäre“, sagt Frauchen, „hätten wir uns das nicht verziehen“. Eine alte Dame liest ihr Horoskop, eine andere hat ihr Buch mitgebracht: „Schlage die Trommel und fürchte dich nicht.“

 
 

EURE FAVORITEN